Multimedia-Reportage zur Stadtentwicklung Wem gehört das Gerberviertel?

Kaum ein Stadtteil hat sich in den letzten Jahren so stark verändert wie das Gerberviertel. Wer profitiert, wer wird verdrängt?

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Zur Multimedia-Reportage

Stuttgart - Auf diesem Dach liegen keine Ziegel. Auf diesem Dach stehen Häuser. Die meisten Menschen kennen das Gerber nur als Einkaufszentrum. Aber wer genug Geld dafür hat, kann hier wohnen. Auf dem Dach stehen mehrere Gebäude aus hellem Stein. 68 Wohnungen beherbergen sie. Breite Wege führen zwischen Häusern und Gärten hindurch. Es gibt hier oben sogar einen Fahrradstellplatz. Und genug Platz, eine Drohne zu starten. Videoaufnahmen für eine Multimedia-Reportage dieser Zeitung sollen dabei entstehen.

Kaum ein Stuttgarter Stadtviertel hat sich in den letzten zehn Jahren so stark verändert wie das Gerberviertel. Ganze Straßenblöcke wurden hier dem Erdboden gleichgemacht und mit gläsernen Fassaden neu aufgebaut. Das Gerber, das Wohn- und Geschäftshaus Sophie 23, und ein geschwungener Bau namens Caleido gegenüber der Kirche St. Maria sind nur einige der Immobilienprojekte, für die alte Häuserzeilen abgerissen wurden. Auch das ehemalige Gebäude der Teppichgalerie wird derzeit neu aufgebaut. Im Viertel wird zudem ein neues Verkehrskonzept erprobt: Autos, Fahrräder und Fußgänger teilen sich die Tübinger Straße – früher eine Durchgangsstraße – heute. Gleichberechtigt, zumindest auf dem Papier.

Vor dem Gerber drohte eine Bürobrache

Klaus Betz führt seinen Besuch an diesem Vormittag über das Gerber-Dach. Er war maßgeblich an dem Wandel im Viertel beteiligt. Betz ist bei der Württembergischen Lebensversicherung für Immobilien zuständig. Sein Job ist es, Versichertengelder in Bauprojekte zu investieren und dadurch möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Und seinem Unternehmen gehören viele Gebäude im Gerberviertel.

Als der Hauptmieter eines Bürobaus Ende der 2000er Jahre kündigte, drohte eine Bürobrache. Die Versicherung beschloss, ein Einkaufszentrum mit Büros und Wohnungen zu bauen – das Gerber. Der Bau war der Anfang vom Wandel. Mit dem Ergebnis ist Betz zufrieden. „Zu sehen, was hier passiert, gibt mir ein gutes Gefühl, dass es sich lohnt, weiter in den öffentlichen Raum zu investieren.“

Umschlagsplatz unter der „Paule“

Ein paar hundert Meter vom Gerber entfernt steht Andreas unter der Paulinenbrücke und steckt sich eine Zigarette an. Mit der „Paule“, wie viele die Brücke nennen, liegt einer der wichtigsten Treffpunkte der Stuttgarter Drogenszene direkt vor dem Einkaufszentrum. Seinen Nachnamen will Andreas aus Sorge um seine Kinder nicht in der Zeitung lesen. Sie sollen nicht gemobbt werden, weil ihr Vater früher „Junkie“ war, sagt Andreas. Der 49-Jährige fühlt sich im Gerberviertel ausgegrenzt.

„Wenn ich als Tourist hier her komme und mir die Stadt angucken möchte, dann ist das Gerber toll“, sagt Andreas. „Dann denkt man: ‚Mensch Maier, haben die hier tolle Gebäude und hier hat jeder was zu tun.“ Doch an den Drogenumschlagsplatz direkt vor dem Gerber hätten die Architekten nicht gedacht. Mit der Aufwertung des Viertels, glaubt Andreas, habe man die Szene „verjagen“ wollen. Zum Beispiel, weil 2014 nur wenige Tage vor der Gerber-Eröffnung die öffentliche Toilette unter der Paulinenbrücke geschlossen wurde.

„Ein Viertel ist dann lebendig, wenn es verschiedene Menschen anzieht“, sagt Klaus Betz. „Da drüben kostet ein Kaffee neun Euro und hier hauen sich die Leute für eine Dose die Fresse ein, weil 25 Cent Pfand drauf sind“, sagt Andreas.




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