Am Anfang waren die Kopfschmerzen und eine getrübte Sicht. Was genau mit Britta Dess nicht stimmte, brachte erst eine Probe ihrer Rückenmarksflüssigkeit ans Licht. Die Diagnose: Multiple Sklerose (MS). Seit 22 Jahren begleitet die unheilbare Nervenkrankheit die Weissacherin. Und mit ihr ein ganzer Mix aus Medikamenten gegen Schmerzen und Spastiken, mit teilweise heftigen Nebenwirkungen. „Bei manchen liegst du dann da und hast im Prinzip eine Grippe“, erzählt die 43-Jährige. Andere Mittel würden die Leber schädigen oder zu schweren Schlafstörungen führen. Wenn sie diese Medikamente nicht mehr nähme, sitze sie bald im Rollstuhl, das hätten ihr schon viele Ärzte erzählt.
Die Medikamente gegen MS hatten bei ihr starke Nebenwirkungen
Dass Britta Dess zum letzten Mal etwas von diesen Medikamenten eingenommen hat, ist nun gut ein halbes Jahr her. Sie ist Cannabispatientin; hin und wieder nimmt sie einen Verdampfer vom Tisch und inhaliert. Seit 2020 hat sie einen Bescheid ihrer Krankenkasse in der Tasche, der ihr die Einnahme des Betäubungsmittels offiziell erlaubt. Fast stolz zeigt sie das Papier vor, inklusive des langen Antrags mit ihrer Krankheitsgeschichte und einer ansehnlichen Liste aller Medikamente, die sie bislang nicht vertragen hat.
Schon ihr Aussehen macht klar: auf Konventionen gibt die Frau nicht viel. Die knallrot gefärbten Haare hat sie seitlich abrasiert, auf ihrer Haut prangen Tattoos, in ihren Ohrläppchen stecken Tunnelohrringe. Dass sie bei der Therapie andere Wege gehen will, hat aber keine Lifestyle-Gründe, sondern ganz praktische. „Wenn ich das da nehmen würde“, sagt Dess und zeigt auf eine Schachtel mit einem Mittel gegen die Spastiken, das ihr ein Arzt verschrieben hat, „läge ich jetzt auf der Couch und könnte mich nicht rühren.“
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Nachdem sie klassische Medikamente kaum vertragen hatte, stieß sie in einer Gruppe Betroffener auf Facebook auf die Möglichkeit, medizinisches Cannabis bei MS einzusetzen. Heute liegt – trotz des Kassenbescheids – eine regelrechte Odyssee hinter ihr. Auch fünf Jahre nach der Zulassung von Cannabis als Medikament sind viele Ärzte sehr zögerlich, das Betäubungsmittel zu verschreiben. Einige dürften wohl einen Missbrauch als Rauschgift befürchten. „Vielleicht sehe ich mit meinem auffälligen Äußeren ja zu sehr nach Party aus“, meint Dess.
Besteht nicht die Gefahr, dass sie um eines Rausches willen die ganze Menge auf einmal konsumiere? Dess schüttelt den Kopf. „Ich muss ja einen Monat lang damit auskommen und brauche das Cannabis jeden Tag gegen die Schmerzen. Ich wollte auch nie eine Kifferin sein“, sagt Britta Dess. Sie habe sich auch in den entsprechenden Kreisen nie wohlgefühlt und sieht sich manchmal zu Unrecht kriminalisiert. Sie verschreibe doch keine Drogen, entgegnete ihr einmal eine Medizinerin. Ein anderer Arzt diagnostizierte bei ihr eine Suchterkrankung – nur, weil sie nach medizinischem Cannabis gefragt habe, beteuert Dess. Eine andere Sorge vieler Ärzte sind Psychosen, die durch den Cannabiskonsum ausgelöst werden können. Eine seltene Nebenwirkung, aber die Möglichkeit besteht.
Nach langer Suche eine Arztpraxis und eine Apotheke gefunden
Nach langer Suche hat sie eine Praxis im Rems-Murr-Kreis gefunden, die ihr das medizinische Cannabis verschreibt – und auch eine Apotheke in Rudersberg, in der sie gegen Rezept die für sie passenden Sorten bekommt. Die Wieslauf-Apotheke führt sogar auf ihrer Webseite auf, welche Blüten und Extrakte sie derzeit im Sortiment hat. „Die Rezepte sind sortenspezifisch, da steht nicht einfach Cannabisblüten darauf“, erklärt der Apotheker Johannes Birzele.
Auch er findet, dass Cannabispatienten zu Unrecht kriminalisiert werden. „Das geht so weit, dass sie bei uns anfragen, ob sie die Verpackungen bei uns entsorgen können, weil sie befürchten, der Vermieter könnte sie in der Mülltonne sehen.“ Dabei gehe es doch eigentlich darum, „dass diese Leute nicht auf den Schwarzmarkt gehen“, sagt Birzele. „Denn dort bekommen sie dann oft verunreinigte Sorten, oft mit Beimischungen von synthetischen Cannabinoiden.“ Bei diesen, um ein vielfaches stärkeren Substanzen sei auch die Gefahr einer durch den Konsum ausgelösten Psychose größer.
Warum es ausgebildete Cannabis-Berater gibt
Denn Cannabis ist nicht gleich Cannabis. Jede Sorte hat eine bestimmte Kombination von etlichen Wirkstoffen, allen voran THC und CBC, und wirkt anders. Dazu kommen Schwankungen bei dem Naturprodukt. Ein Patentrezept, welche Sorte welchem Patienten hilft, gibt es nicht. „Deswegen gibt es ausgebildete Cannabis-Berater, die einem alles erklären und dem Arzt und dem Patienten helfen, die richtige Sorte zu finden. Der Arzt stellt dann das Rezept aus und stellt die richtige Menge ein“, erklärt Britta Dess.
Ihre eigene Therapie besteht aus drei verschiedenen Sorten, insgesamt anderthalb Gramm verbraucht sie täglich. Rund 600 Euro, schätzt sie, kostet ihr Cannabis im Monat. „Klassische Medikamente wären für die Kasse deutlich teurer“, ist Dess überzeugt. Die 43-Jährige wünscht sich, dass Ärzte künftig für das Verschreiben von Cannabis offener werden: „Natürlich hilft das Cannabis nicht jedem. Aber es ist ein anerkanntes Medikament, das kann man doch auch als solches ansehen“, sagt Dess.
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Cannabis
Als Medikament ist Cannabis seit 2017 legal. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg wurde es in den vergangenen Jahren immer häufiger verschrieben: Waren es 2018 in Baden-Württemberg noch 2000 Patienten, die cannabis- und cannabinoidhaltige Rezepturen, Fertigarzneimittel und Zubereitungen verordnet bekamen, stieg diese Zahl im vorigen Jahr auf gut 11 000.
Studie
Die Vergabe von Cannabis wurde bis Ende März von einer bundesweiten, verpflichtenden Studie begleitet. Laut dieser wird Cannabis in fast drei Vierteln der Fälle zur Schmerztherapie eingesetzt. In einem von zehn Fällen sollen Spastiken, in sechs Prozent Essstörungen behandelt werden. Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Schwindel und manchmal Übelkeit waren relativ häufig, schwere Nebenwirkungen wie Depressionen, Suizidgedanken oder Halluzinationen kamen weniger, in einem von 1000 Fällen vor.