Mundart-Musik Wärmende Wendrsonn

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Ihre Lieder sind tief verwurzelt in der schwäbischen Heimat, sie besingen Menschen und Mythen. Ein Besuch bei der Rockband Wendrsonn.

Biggi Binder und Markus Stricker  in der Tobelschlucht bei Großhöchberg. Foto: Gottfried Stoppel
Biggi Binder und Markus Stricker in der Tobelschlucht bei Großhöchberg. Foto: Gottfried Stoppel

Spiegelberg – Weite Wiesen strahlen im satten, feuchten Frühlingsgrün. Der Himmel dräut dunkel bis schwarz und schickt blaue Fetzen zur Beruhigung. Die Luft hier oben ist klar. Das blaue Kreuz des Albvereins am knorrigen Baumstamm weist verblasst den Weg. Aus braunem Acker lugen erste zarte Pflanzen. Großhöchberg im Schwäbischen Wald, acht Grad an einem April-Sonntag. „Des isch mei Hoimet, mei Flucht.“ Der das sagt, kennt diesen Flecken Erde genau. Auf dem Baum mit dem blauen Kreuz sitzt er ab und an, schaut ins Krebsbachtal hinunter, lässt alles hinter sich. Er besingt diese Gegend als „Arsch der Welt“, und in einem seiner Lieder heißt es „Da ben i dahoim“.

Das sind Liebeserklärungen an die Gegend hier oben auf knapp 600 Metern, ganz hinten im Rems-Murr-Kreis. Hier ist der Baum so knorrig wie die Menschen. So wird man, wenn über Jahrhunderte Wind und Armut herrschen. Der 47-jährige Markus Stricker aus Sulzbach ist oft hier oben, und wen immer er auch mitnimmt, keiner will mehr weg. Diesmal hat er Biggi Binder mitgenommen. Am Abend zuvor sind sie noch zusammen auf der Bühne gestanden, in Neresheim, und noch einen Abend zuvor in der Liederhalle. Andere Auftrittsorte sind in Waiblingen der Schwanen, in Ludwigsburg das Scala, in Friedrichshafen das Atrium, in Backnang das Traumzeittheater oder in Berlin die Landesvertretung.

„Da ben i dahoim“ singen sie in ihrer Band Wendrsonn, auf Schwäbisch, in ihrer Sprache. Kräftige Rocklaute spielen sie dazu, mit Gitarren, Bass, Schlagzeug, auch sanfte mit Geige und Orgel. Einen Folk oder einen Blues, der in die Seele groovt. Wendrsonn ist so echt und ehrlich wie das Land. Bodenständig wie die Menschen, die die Lieder schaffen und zusammen auf der Bühne stehen. Ein Wendrsonn-Lied kann dich ausflippen lassen. Es kann sich aber auch an dich hinschneckeln. Wie deine Freundin im Konzert an dich. Oder wie du an den alten Baum bei Großhöchberg.

Ein breit gefächerter musikalischer Stil

Wendrsonn, das sind der Gründer und Keyboarder Stricker, die Sängerin Biggi Binder, dazu Micha Schad, Klaus Marquardt, Ove Bosch und der junge Schlagzeuger Heiko Peter. Sie spielen verschiedene Gitarren, greifen auch zu Mandolinen, Flöten und Akkordeon. So entsteht ihr breit gefächerter musikalischer Stil. Wenn Markus oder Ove nicht Solo singen, ertönt der helle Sopran der zierlichen Biggi. Kritiker haben sie mit Janis Joplin verglichen. Stricker widerspricht: „D’ Biggi isch eher wie d’ Joan Baez.“ Das ehrt die Mutter dreier Kinder, die Krankenschwester gelernt hat und heute Musiklehrerin ist. Stricker schafft im EDV-Bereich als Kaufmann, alle anderen sind Profimusiker.

Von anderen Bands ist Binder zu Wendrsonn und dem Schwäbischen gekommen, „hier han i meine Wurzla wieder gfonda“, sagt sie. Sie singt auch „Muadrseelaalloi“, ihr erstes eigenes Lied. Es handelt von der Tochter einer Frau, die säuft und auf den Strich geht. Die 38-Jährige kann rockig röhren, aber auch leise und nachdenklich intonieren. Ihre Stimme sei „oifach so worda“, sagt sie – durch Gesangsausbildung, aber ohne Studium. Wenn nur manche Liveübertragung so gut wäre wie die CDs.

Die Wendrsonn-Songs, meist geschrieben von Stricker, handeln vom Leben und den Menschen. Vor allem den Menschen im Schwäbischen Wald. „Winnetou“ und „Walle“ sind Erinnerungen an alte Freunde, mit denen es das Leben nicht so gut gemeint hat, die der Alkohol und Vaters Stecken fertig gemacht haben. „’S Leba isch koi Schlotzer“ heißt der Titelsong der neuen CD. Hat er sich die eigene Jugend von der Seele geschrieben? „En meine Liadr steckt Biographie drin, vielleicht au d’ Gottesfurcht vom Opa. Des isch a Uffarbeitung von Erinneronga ond Sacha, die scheiße gloffa senn. Des ben net i selbr, sondern mei Nebasitzr mit seine bluatige Striema.“ Walle, der sei mit 57 gestorben, an Verbitterung. Überhaupt. Vergangenes Jahr haben sie viermal auf Beerdigungen von Freunden gespielt, keiner war älter als fünfzig.




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