Murrhardt 1945 Wie aus Trümmern in Murrhardt die Demokratie erwuchs
Vor 80 Jahren wurde in einem Gasthof in Murrhardt Geschichte geschrieben. Was dort begann, prägt bis heute unsere Demokratie.
Vor 80 Jahren wurde in einem Gasthof in Murrhardt Geschichte geschrieben. Was dort begann, prägt bis heute unsere Demokratie.
Es ist der 20. Juni 1945. In einem schlichten Nebenzimmer des Gasthofs Sonne-Post in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) treffen sich etwa 15 Männer. Ihre Gesichter sind gezeichnet von Entbehrung, Verantwortung und der Wucht eines gerade zu Ende gegangenen Weltkriegs. Draußen Trümmer, Hunger und Unsicherheit. Drinnen ein mutiger Neuanfang: die erste Landrätekonferenz nach der Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands.
Was von außen wie eine nüchterne Verwaltungsbesprechung erscheint, markiert für die südwestdeutsche Nachkriegsgeschichte ein politisches Erdbeben: der Beginn der Demokratie in Südwestdeutschland.
Dass ausgerechnet Murrhardt zur Wiege der Demokratie im Südwesten wurde, war kein Zufall. Die Stadt war vor Kriegsende ein administratives Rückzugsgebiet: Ministerien des alten Württemberg hatten sich hierher verlagert, ebenso Teile der NS-Gauverwaltung. Stuttgart war zu diesem Zeitpunkt französisch besetzt, politische Versammlungen dort unmöglich. Murrhardt lag im US-Sektor und war erreichbar. Bahnverbindungen funktionierten, das politische Personal war zumindest teilweise noch handlungsfähig.
Der damalige Backnanger Landrat Albert Rienhardt hatte die Einladung ausgesprochen, mit Wissen und Genehmigung der amerikanischen Besatzungsmacht. Auch wenn seine eigene NSDAP-Mitgliedschaft bald zu seiner Entlassung führte, hatte er organisatorisch eine Schlüsselrolle inne. Beobachtet wurde das Treffen von Captain Alfred M. Bingham – Offizier, Demokrat und Freund Europas.
Es war eine Versammlung ohne Agenda, aber nicht ohne Ziel. Die Landräte, teils aus früheren Weimarer Netzwerken oder dem NS-Widerstand stammend, trugen ihre drängendsten Anliegen zusammen: Arbeitsbeschaffung, Lebensmittelversorgung, Wiederaufbau der Infrastruktur, politische Zuverlässigkeit des Verwaltungspersonals. Alles Themen, die das Überleben der Bevölkerung sicherten und nur aus der Mitte der Gesellschaft gelöst werden konnten.
Prof. Dr. Alexis von Komorowski, Hauptgeschäftsführer des Landkreistags Baden-Württemberg, beschreibt es so: „Die Landrätekonferenz war mehr als ein administratives Treffen. Sie hat die entscheidende Dynamik in Richtung einer demokratischen Staatsbildung gegeben.“ Auch hier seien die Kommunen, wie in vielen nachfolgenden Krisen, die stabilisierenden Faktoren gewesen.
„Demokratie von unten“ – dieses Prinzip wurde in Murrhardt mit Leben gefüllt. Der Neubeginn war kein großes politisches Manöver, sondern entstand aus der Notwendigkeit zur Zusammenarbeit unter schwierigen Bedingungen. Dies war der „Geist von Murrhardt“, wie ihn Landrat Richard Sigel heute nennt.
„Es war ein wegweisender Schritt hin zur Demokratie, in der wir heute in Frieden und Freiheit leben“, betonte Sigel bei einer eigens anberaumten Feierstunde zum 80-Jahr-Jubiläum am Mittwochabend.
Die Murrhardter Landrätekonferenz war keine Eintagsfliege. Bereits vier Wochen später wurde der Faden in Schwäbisch Gmünd aufgenommen, und es folgten weitere Treffen. Die Zahl der Teilnehmenden wuchs, zunehmend wurden Vertreter aus Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche eingebunden.
Ein Jahr später, 1946, führte dieser Prozess zur ersten demokratisch verabschiedeten Landesverfassung in Deutschland, die als Vorbild für das Grundgesetz der Bundesrepublik diente.
Reinhold Maier, Teilnehmer der Konferenz und später Ministerpräsident, sowie Wilhelm Keil, Alterspräsident der Landesversammlung, stehen für diesen Übergang von der Verwaltung zur Volksvertretung.
2025 erinnert ein Festakt und ein Dokumentarfilm, produziert unter Mitwirkung des Murrhardter Heimatforschers Christian Schweizer, an diese Schlüsselereignisse. Der Film, abrufbar auf dem Youtube-Kanal des Landkreistags Baden-Württemberg, bringt die Geschehnisse einem breiten Publikum näher.
Christian Schweizer betont: „Murrhardt war ein kleiner, aber fester und sicherer Schritt in ein nahezu unwegsames Gelände, mit dem die Entwicklung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung begann.“ Er verweist auf die politische Planung der Alliierten bereits ab 1942, die eine demokratische Struktur für Deutschland vorsahen. Die Murrhardter Konferenz sei daher „Teil eines großen, mutigen politischen Versuchs mit offenem Ausgang“.
Was lässt sich aus Murrhardt lernen? Drei Dinge sind es, die Landrat Sigel bei der Feier zum Jubiläum hervorhob:
Diese Erkenntnisse seien aktueller denn je, gerade in Zeiten, in denen demokratische Errungenschaften wieder verstärkt infrage gestellt würden – sei es durch Populismus, Extremismus oder Gleichgültigkeit.
„Das fragile Pflänzchen der Demokratie wurde in den Kommunen gesetzt und konnte dort Wurzeln schlagen“, so Valeska Martin, die Archivarin des Rems-Murr-Kreises. Sie beschreibt die Murrhardter Konferenz als symbolischen Beginn der demokratischen Erneuerung in Deutschland.
Diese Metapher ist kein Zufall: Demokratie als lebender Organismus – anfällig, aber auch widerstandsfähig, wenn sie gepflegt wird. Der „Geist von Murrhardt“ bleibt ein Auftrag: Mitgestalten, Verantwortung übernehmen und nicht in Resignation verfallen.
Was bleibt 80 Jahre später? Murrhardt hat gezeigt, dass aus der Peripherie ein Zentrum werden kann – politisch, historisch, moralisch. Nicht wegen seiner Größe, sondern wegen des Muts seiner Menschen.
Dokumentation
Der Landkreistag stellt auf seiner Homepage www.landkreistag-bw.de in der Rubrik „Kreisgeschichte(n)“ umfangreiches Informationsmaterial zur Landrätekonferenz bereit, darunter auch einen Dokumentarfilm, der unter Mitwirkung von Christian Schweizer entstanden ist. Auch auf Youtube unter youtube.com/@lktbw.
Sonderstempel
Zum 80. Jahrestag der Murrhardter Landrätekonferenz hat die Stadt Murrhardt ein sichtbares Zeichen gesetzt: Ein historisches Motiv auf der Dienstpost verweist auf den demokratischen Neubeginn in Südwestdeutschland im Jahr 1945. Die Frankierung zeigt eine historische Zeichnung des Gasthofs „Sonne-Post“, wo die Landrätekonferenz am 20. Juni 1945 tagte.