Murrhardt Die Fledermaus braucht ein Haus

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Nicht gefährlich, sondern gefährdet: die Meisterflieger benötigen Fürsorge. Ein Schutzprojekt des Landkreises soll Fledermäusen helfen. Ein Abend mit Experten am Feuersee in Murrhardt.

Im Landkreis leben 16 Fledermausarten. Foto: StZ
Im Landkreis leben 16 Fledermausarten. Foto: StZ

Murrhardt - Kurz bevor es dunkel wird, kommen sie aus ihren Quartieren. Silke Czarny weiß längst ganz genau, wo man sich auf die Lauer legen muss, um die nachtaktiven Flattertiere beobachten zu können. Die Biologin ist seit März in Murrhardt und Umgebung auf der Pirsch. Sie hat herausgefunden, dass die Stadtkirche ein guter Platz ist. Denn unter dem Dach wohnen rund zwei Dutzend Fledermäuse. Also warten wir gegen 21.30 Uhr neben dem imposanten Gotteshaus.

Czarny richtet ihren Ultraschalldetektor in Richtung Kirchenmauer – sofort beginnt das Gerät, das aussieht wie ein Funkgerät, zu knattern. Ein gutes Zeichen. Die Fledermäuse machen sich startbereit, sie orten die Umgebung. Dann geht es los. Eine Flugmaus nach der anderen saust in Richtung Himmel davon. Der Detektor, der die Ultraschallwellen der Fledermäuse für des Menschen Ohr hörbar macht, rasselt immer schneller. Bereits ein paar Minuten später ist die ganze Kolonie, die tagsüber unter dem Kirchendach pennt, über Murrhardt auf Beutezug.

Suche mit Hilfe von Ultraschalldetektoren

Fledermäuse ernähren sich von Insekten. Manche Arten fressen in einer Nacht mehrere Hundert Mücken, Falter und Käfer, erzählt die vom Landkreis engagierte Biologin den rund zwei Dutzend interessierten Bürgern, die mit den Experten zur Fledermaussuche am Feuersee und drum herum gekommen sind. Mit von der Partie sind auch der Leiter des Geschäftsbereichs Umweltschutz des Landratsamts, Martin Bläsi, und sein Kollege Dietmar Reiniger. Die beiden Männer haben ebenfalls Ultraschalldetektoren im Gepäck.

Als die Kirchen-Flugmäuse alle hinter den Bäumen und Büschen verschwunden sind, marschiert der bunt gemischte Erkundungstrupp wieder zurück zum Feuersee. Mittlerweile ist es ziemlich duster. Der Luftraum über der Wasserfläche ist ganz nach dem Geschmack der akut gefährdeten Tiere. Die Biologin erkennt am Knattern der Detektoren, um welche Art von Fledermaus es sich handelt. Für den Laien hören sich die Geräusche zwar alle fast gleich an, doch die Fachfrau ist ganz Ohr – kein Wunder, sie hat ihren Lebensrhythmus längst an den der Tierchen angepasst: Die Naturwissenschaftlerin ist oft nachts aktiv und schläft dafür tagsüber. Seit Wochen und Monaten lauscht sie dem Geschnatter der Murrhardter Fledermäuse. Silke Czarny sagt, sie könne „den Dialekt der Fledermäuse unterscheiden“. Die Breitflügelfledermaus zum Beispiel „hört sich an wie ein Treckermotor mit Aussetzern“.

Eine Wasserfledermaus demonstriert ihre Flugkünste

Nach knapp einer Stunde Vor-Ort-Forschung erklärt Silke Czarny den Zuhörern, dass „wir heute Abend immerhin vier Arten   entdeckt haben“: Zwergfledermäuse, Maus­ohren, Wasserfledermäuse und die Breitflügelfledermäuse mit dem schrägen Geknatter. Dann demonstriert eine der Wasserfledermäuse zu nachtschlafender Zeit ihre tollsten Flugkünste. Im Lichtkegel von Dietmar Reinigers Taschenlampe ist gut zu beobachten, wie das Tier nur ein paar Zentimeter über der Wasseroberfläche entlangsegelt und seine üppige Nachtmahlzeit im Vorbeifliegen einsammelt.

Mit dem Anfang dieses Jahres gestarteten Schutzprojekt wollen der Landkreis und der kürzlich gegründete Landschaftserhaltungsverband mit Unterstützung der Rems-Murr-Stiftung in erster Linie Aufklärungsarbeit leisten. Denn viele Menschen hätten Vorurteile und Angst vor den kleinen pelzigen Fliegern, erklären Bläsi und Czarny. Alle Befürchtungen seien aber völlig unbegründet, sagt die Fachfrau. Zum zweiten wollen die Biologin und ihre Mitstreiter erreichen, dass es wieder mehr Quartiere für Fledermäuse gibt. Wer bei der Sanierung von alten Gebäuden ein paar Dinge beachte, könne dunkle Räume und Ritzen erhalten, die für das Überleben vieler Fledermausarten nötig seien. Außerdem wird an diesem Abend ein Fledermausnistkasten an einen Baum am Ufer des Feuersees aufgehängt, als Wochenstube, in der die Fledermausmamas ihre Jungen aufziehen können.

Fachleute leisten Überzeugungsarbeit

Silke Czarny will im Rahmen des rund einjährigen Projekts versuchen, den Ruf der Fledermäusen aufzupolieren. Sie sagt, Fledermäuse seien nicht gefährlich und ganz bestimmt keine Blutsauger, sondern nützlich – etwa beim Kampf gegen die Mückenplage. Dass die Fledermäuse tatsächlich vom Ausstreben bedroht sind, hält man an diesem Abend in Murrhardt kaum für möglich. Gegen 22 Uhr sind vielerorts ungezählte Fledermäuse unterwegs. Doch die Experten wissen, dass immer mehr Jagdreviere verloren gehen – etwa weil Streuobstweisen zu Baugebieten werden. Keine Blüten mehr, das bedeute keine Insekten – und in der Folge keine Nahrung für die Fledermäuse. Im Rahmen des Projekts „Fledermausschutz in ländlich geprägten Gebieten“ werden nun möglichst viele Quartiere erfasst, beispielsweise alte Gebäude und Baumhöhlen. In Konfliktfällen, etwa bei anstehenden Gebäudesanierungen, soll Silke Czarny quasi zur Mensch-Maus-Mediatorin werden und Überzeugungsarbeit leisten. Martin Bläsi hofft sogar, dass die Menschen künftig ganz begeistert sind, wenn sie in ihren Dachstöcken Fledermäusen begegnen. Die Fachleute haben noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten.

Die nächste Gelegenheit, Neues über die kleinen Flugkünstler zu erfahren, besteht am Samstag, 24. August: Die 1. Schorndofer Fledermausnacht im Burgschloss beginnt bereits am frühen Abend um 18 Uhr.




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