Unkonventioneller Unterricht mit viel Praxis und wenig Theorie: zum Gewaltpräventionstag am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium in Murrhardt kommen fast zwei Dutzend Fachleute.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Murrhardt - Wie benommen torkelt ein Zehntklässler des Heinrich-von-Zügel-Gymnasiums durch das Klassenzimmer. Der Versuch, ein Geldstück vom Boden aufzuheben, misslingt. Schließlich prallt er auch noch gegen eine Wand. Dann darf er die sogenannte Rauschbrille absetzen. Endlich wieder nüchtern. So schnell geht das im echten Leben freilich nicht.

 

Am Mittwochvormittag findet an dem Murrhardter Gymnasium kein gewöhnlicher Unterricht statt. Beim dritten Gewaltpräventionstag durchlaufen alle Schüler der Klassen fünf bis zehn mehrere Projektstationen. Während in der 10b im Suchtparcours im vierten Stock des Schulhauses die Spezialbrillen herumgereicht werden, um in nüchternem Zustand zu erkunden, wie es sich anfühlt, stockbetrunken zu sein, geht es andernorts mit einem Mitarbeiter des Kreisjugendrings um das Thema Waffen und Gewalt. Ein Polizist erklärt, was Strafmündigkeit bedeutet. Die Neuntklässler, die sich als Streitschlichter engagieren, treffen ihre Paten, die Fünfer. Die Schülermitverantwortung (SMV) bespricht mit den Fünftklässlern die Schulcharta.

Alkohol nicht verbieten, aber „gesunden Umgang“ lernen

Der Zeigefinger wird an diesem Tag nicht erhoben. Der Caritas-Suchtberater Michael Walter erklärt der 10b, dass es nicht darum gehe, Alkohol komplett zu verbieten, die Schüler sollten vielmehr den „gesunden Umgang“ mit der legalen Volksdroge lernen.

Zwei Stockwerke weiter oben berichten die Ausbildungsbotschafter der Industrie- und Handelskammer (IHK) der 10a von ihrem Alltag. Die Botschafter sind Azubis, die von der Praxis in ihrem Betrieb erzählen. An diesem Vormittag stellen die jungen Leute zusammen mit Claudia Schlender von der IHK die Berufe Kaufmann, Elektroniker und Erzieher vor – was auf den ersten Blick wenig mit Gewaltprävention zu tun hat. Doch die Lehrerin Dorothee Ziesik, die die Aktionen mit den gut zwei Dutzend Fachleuten koordiniert, sagt: Viele Schüler hätten Zweifel, ob das Abitur für sie überhaupt das richtige Ziel sei. So ein Gefühl könne zu Frust und im Einzelfall zu Aggression führen. Also erzählen Gleichaltrige von Alternativen. Caroline und Isabell, die eine Erzieherausbildung machen, berichten, dass sie später auch ohne Abi studieren könnten, wenn sie wollten.

Der Kampfkunstexperte zeigt sein Können

Im fünften Stock ist Bewegung gefragt: Daniel Gomes stellt sich den Jungs aus der 8a und der 8b als „Kampfkunstexperte“ vor. Er ist gelernter Feinmechaniker und hat mehrere schwarze Gürtel in verschiedenen Kampftechniken. Der 31-Jährige will den Schülern freilich nicht beibringen, wie sie sich besser prügeln können. In dieser Stunde, sagt er, gehe es ausschließlich um die Verteidigung im Falle eines Angriffs. Die Jugendlichen lernen, wie sie sich mit einfachen Mitteln wehren können.

Ist der Erfolg der Präventionstage, die seit 2011 über die Bühne gehen, messbar? Dorothee Ziesik sagt, die Lehrer bekämen immer wieder Hinweise von den externen Fachleuten. Mitunter erkennen sie deshalb Probleme, die im normalen Unterreicht kaum zu beobachten seien.

Partner und Sponsoren

Projekt
Der Gewaltpräventionstag ist laut Auskunft des Zügel-Gymnasiums ein im Landkreis einzigartiges Projekt. Zu den Sponsoren und Partnern gehören unter anderem die Landesverkehrswacht, der Kinderschutzbund, das Landesmedienzentrum, die Initiative Sicherer Landkreis und die Volksbank Backnang.

Schule
Das Zügel-Gymnasium hat eine Schulcharta formuliert, darin heißt es unter anderem: Die Schüler, die Lehrer und die Eltern seien verantwortlich für das Klima an der Schule. Die Lehrer sollten Kritik stets konstruktiv äußern. Die Eltern sollten den Kindern Regeln des Zusammenleben vermitteln.