Bei einer Drückjagd wurden am Mittwoch Rehe und Wildschweine erlegt. Auch etliche Autofahrer beklagen „Kollateralschäden“: Sie waren schneller als erlaubt im Jagdgebiet unterwegs und wurden geblitzt.

Musberg - Hossa, Hossa!“ Laut rufend zwängt sich Karl Romankiewicz zwischen zwei jungen Bäumchen hindurch. Zweige kratzen im Gesicht, außerdem muss er genau hinschauen, wohin er seinen Fuß setzt – feuchte und teilweise schneebedeckte Zweige können gefährlich rutschig sein. Es ist kein Zufall, dass Karl Romankiewicz und seine beiden Begleiter an diesem Mittwochmorgen querfeldein durch den Wald stiefeln, ihren Weg genau dort zu finden versuchen, wo ein normaler Spaziergänger nicht läuft. Denn an diesem Morgen ist Drückjagd. Die drei gehören zu einem Trupp von Treibern, der mit möglichst viel Lärm die Tiere aufschrecken soll, damit sie das Dickicht verlassen und ins Blick- und möglichst auch Schussfeld der 20 Jäger kommen, die auf den Hochsitzen auf sie warten.

 

Zehn bis 15 Meter Abstand sind zwischen jedem der in einer Linie laufenden Treiber. Immer wieder leuchten zwischen den Bäumen die orangefarbenen Westen auf, die sie zum eigenen Schutz tragen. Plötzlich schlägt Jagdhund Dustin an. Irgendwo vor der Gruppe ist sein Bellen zu hören, kurz darauf ein Schuss. Dann: Stille.

„Hossa, Heja.“ Weiter geht es durch den Wald, schließlich auch zu dem Hochstand mit dem erfolgreichen Schützen. Ein junges Reh liegt regungslos im Gras, vermutlich eines der beiden Kitze, die Jäger bereits in den Monaten zuvor zusammen mit der Rehmutter beobachtet hatten. „Der Jäger hat das schwächere der beiden Jungtiere ausgewählt und sauber getroffen“, sagt Karl Romankiewicz mit fachmännischen Blick.

Wildsau neckt Jäger

Ein bisschen wehmütig wirkt er dabei. Doch die Jagd erfülle ihren Sinn. Denn natürliche Feinde haben Rehwild oder Wildschweine nicht. Und gerade die Schwarzkittel können große Schäden in den Wiesen und auf den Äckern der Bauern verursachen, die von den Jagdpächtern beglichen werden müssen. „Außerdem dient die Drückjagd der Sicherheit im Straßenverkehr. Wildunfälle können nämlich gefährlich sein“, ergänzt er.

Wieder schallt das „Hossa, hossa“, durch den Wald, schlagen die Treiber mit Stöcken an Baumstämme, um Krach zu machen. Wer hier nicht jeden Baum kennt, kann sich nur schwer orientieren. Doch Romankiewicz als Treiberführer weiß, wo es lang geht, wo sich der nächste Hochsitz befindet, in dessen Richtung die Tiere getrieben werden sollen.

Wieder schlägt Dustin an, die Gruppe steht vor einem Dickicht aus jungen Nadelbäumen. Ein ideales Versteck, das von dem Jagdhund angekläfft wird. Irgendwann wird es drei Wildschweinen zu bunt, sie nehmen Reißaus und verschwinden hinter den Bäumen. Vorsichtig geht es weiter, da dies wahrscheinlich Jungtiere waren. Wieder bellt der Hund, wieder sind flüchtende Sauen zu sehen. Sechs, sieben, wahrscheinlich acht Tiere sind es, die Reißaus nehmen und die Treiber vielleicht auch ein wenig an der Nase herumzuführen versuchen. „Die Wildschweine sind intelligent“, sagt Karl und erzählt von erfahrenen Alttieren, die die Jungtiere vorschicken würden, damit diese das Terrain erkunden.

Ordnungsamt auf der Pirsch

Michael Hertneck, der auf dem benachbarten Hochsitz ausharrt, kommt zu keinem sicheren Schuss und drückt daher den Abzug nicht durch. „Hinter mir hat es kurz darauf zweimal geknallt“, sagt der Obmann der Musberger Jagdpächter später. In der Tat zählen die Kollegen im Böblingen Revier am Ende zehn Rehe und zehn Wildschweine, die erlegt wurden. In der anderen Richtung wurden im Nachbarrevier drei Sauen und vier Rehe geschossen. „Wir Musberger Jäger haben drei Rehe getroffen, der Sinn der revierübergreifenden Drückjagd hat sich damit erfüllt“, sagt Hertneck am Ende. Erfreulich ist für ihn außerdem, dass es keine Nachsuchen gab, alle erlegten Tiere auf der Stelle tot waren. Und passiert sei auch nichts.

Das jedoch werden einige Autofahrer anders sehen. Denn ebenso wie die Jäger hat das Ordnungsamt von Leinfelden- Echterdingen –im übertragenen Sinne – auch scharf geschossen. Nicht mit einer Waffe, sondern mit einem Radargerät. Wegen der Gefahr, dass flüchtende Tiere oder Hunde unversehens auf die Straße rennen, war auf einem Abschnitt an der Landstraße Höhe Mäulesmühle während der Jagd nur Tempo 30 zugelassen. 143 Autofahrer hatten das nicht ernst genommen.