Museum der Alltagskultur In Waldenbuch lagert das nukleare Erbe

DAS AKW Neckarwestheim in seiner letzten Nacht, bevor es im April 2023 vom Netz ging. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Das Museum der Alltagskultur in Waldenbuch sammelt profane Dinge. Nun ist ein neuer Sammlungsbereich hinzugekommen: das nukleare Erbe.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

An sich geht es in kulturhistorischen Museen oft kostbar und edel zu. Gülden funkeln die Hinterlassenschaften der Fürsten in den Vitrinen, auch die Kirche sparte nicht an Gold und Edelsteinen. Deshalb ist die Waldenbucher Dependance des Landesmuseums Württemberg auch so besonders: Im Museum der Alltagskultur geht es nicht um Glanz und Gloria, sondern um schnöde Nutzartikel. Entsprechend finden sich in der Sammlung viele profane Gegenstände: Jeans und Unterhosen, Aschenbecher und Flaschenöffner, Wäschetrockner und Musikkassetten – eben all das, was den Alltag der Menschen im Land ausgemacht hat.

 

Der neue Sammlungsbereich im Schloss Waldenbuch ist aber besonders ungewöhnlich: Er widmet sich dem „Nuklearen Alltag“. Unter dieser Überschrift werden seit einiger Zeit Objekte gesammelt, dazu aber auch Geschichten und Erinnerungen rund um das Ende der Kernkraft in Baden-Württemberg.

Der Angriff auf die Ukraine stellte vieles auf den Kopf

Gerade mal zwei Jahre ist es her, dass die letzten Kernkraftwerke Deutschlands vom Netz gingen – neben dem Werk Emsland in Lingen waren bis zuletzt die Kraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim II in Betrieb. Eigentlich sollten sie bereits 2022 abgeschaltet werden, aber die Invasion Russlands in der Ukraine stellte Vieles auf den Kopf – und in Deutschland stand plötzlich das Schreckgespenst Energieknappheit bedrohlich im Raum. Deshalb wurde die Laufzeit der Kraftwerke verlängert.

Nun sind sie endgültig Geschichte und also museumsreif, weshalb ein ehemaliger Mitarbeiter eines Kernkraftwerks sich doch noch mal aufgerafft und zu Schere und Klebstoff gegriffen hat. Endlich baut er das Modell zusammen, das er Jahre zuvor begonnen hatte: Es ist ein Bausatz von 1983 aus grauer Pappe – mit Reaktorgebäude und Ringraum, Schaltwarte und Notstromdieselgebäude. Ein weiteres kurioses Papphäuschen nennt sich Notspeisegebäude.

Gespeist wurde gut und lecker

Denn auch im Kraftwerk musste gegessen werden – und das offenbar durchaus gut und lecker. Zumindest im Kernkraftwerk Neckarwestheim waren die Mitarbeiter von ihrer Kantine begeistert, weshalb einer seiner Frau regelmäßig den Speiseplan mitbrachte – zur Inspiration für ihre eigenen Kochkünste. In der Ausstellung Waldenbuch kann man nun nachlesen, was im August 2007 serviert wurde: Zürcher Kalbsgeschnetzeltes, Steak auf Toast oder Rumpsteak mit Kräuterbutter und Rösti. Es wurde in drei Schichten gegessen: mittags und am Abend zwischen 18 und 21 Uhr. Von 23 bis 1 Uhr öffnete die Kantine erneut für die Spätschicht und servierte Reibekuchen mit Apfelmus.

Rückbau im AKW – Kernkraft ist nun museumsreif. Foto: dpa/Marijan Murat

Radioaktive Abfälle und Strahlenbelastung, Endlager, Risiken und Rückbau spielen in dem neuen Raum keine Rolle, der eher auf Anekdotisches setzt oder auch auf künstlerische Beiträge. Eine Ludwigsburger Projektgruppe zur Volksbildung demonstrierte mit durchaus originellen Mitteln gegen die Atomkraft und setzte sich 2000 zum Beispiel mit einem Plakat für erneuerbare Energie ein, das an die christliche Kunst des Mittelalters erinnert: Auf Goldgrund erhebt sich Gott über Beelzebub und schwebt auf einer Wolke und darunter steht geschrieben „Sonnenenergie: ein Geschenk des Herrn. Atomkraft: das Werk des Teufels“.

Die Sammlung soll wachsen

Wie erbittert der Kampf gegen die Kernkraft geführt wurde, lässt sich daran kaum ermessen, aber die Sammlung steht ja noch am Anfang. Und so schön und tröstlich die Installation der Künstlerin Lisa Nollenberger ist, so lässt sie doch ahnen, dass die Kraftwerke noch längst nicht Geschichte sind: Sie hat bei den Kirchheimer Weinterrassen ihre Arbeit „So lange es schläft“ aufgebaut, ein Bild inmitten der Natur, das das Kernkraftwerk am gegenüberliegenden Neckarufer einfach verdeckt.

Auch der hat seine schönen Seiten, wie ein ehemaliger Mitarbeiter des Werkes befand. Von 1989 bis 2023 fotografierte er regelmäßig die Dampffahne vom GKN II, weil ihn faszinierte, wie sich die Abwärme von 2,5 Milliarden Watt sichtbar machte: in einer dramatisch aufsteigenden und sich ausbreitenden Wolke, die manches Mal vom Wind waagrecht umgelenkt wurde, als habe da einer ein riesiges Winkeleisen am Himmel angelegt. So schön hat man Kernkraft selten gesehen.

Die Folgen der Kernkraft bleiben

Doch man sollte sich nicht täuschen: Die Folgen der Technologie werden die Menschheit noch lange begleiten, auch wenn der Stecker längst gezogen wurde, was die Anti-AKW-Bewegung am 15. April 2023 mit einem Abschaltfest feierte. Zur Stilllegung der letzten drei deutschen AKWs wurde auch hier gebastelt: eine überdimensionale Steckdose, deren riesiger Stecker gezogen ist.

Ausstellung Das Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch ist geöffnet Mi bis Sa von 10 bis 17 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.

Erinnerungswürdiger Alltag

Geschichten
Die Sammlung des Museums für Alltagskultur wächst in verschiedenste Richtungen. So gibt es eine Ausstellung zu Alltagsdingen, die Migrationsgeschichten erzählen – etwa von Cem Özdemir und Muhterem Aras. In „ZeitSprünge“ werden Objekte aus der volkskundlichen Sammlung mit heutigen Dingen und Phänomenen konfrontiert.

Öffnungszeiten
Das Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch ist geöffnet von Mittwoch bis Samstag von 10 bis 17 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. adr

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