„Museum“ – ein wegweisende Ausstellung in Frankfurt Große Leere? Große Lehre!

Gavin Turk, Spent Match, 2005 Foto: Axel Schneider

Gegenwartskunst: Was ist daran problematisch – und ist vielleicht am Ende das Museum als Standort für eben diese Kunst auch etwas Problematisches? Die Frankfurter Museumsdirektorin Susanne Pfeffer scheut sich nicht, ihre Institution in Frage zu stellen, aber am Ende geht das Museum für Moderne Kunst geläutert aus der Angelegenheit hervor.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - Rabbit“ von Jeff Koons: 91, 1 Millionen US-Dollar. „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“ von David Hockney: 90,3 Millionen. So viel zu den Lebenden. Und die Toten? „Salvator Mundi” von Leonardo da Vinci: 450,3 Millionen. „Les femmes d’Alger“ von Pablo Picasso: 179,4 Millionen Dollar. Absurditäten des Kunstmarkts. Dass die Museen bei dieser Preisentwicklung nicht mehr mithalten können, hat in der „Frankfurter Rundschau“ zuletzt Peter Iden beklagt, um zu folgern, dass von Kunst, die nur noch Geschäft sei, nicht mehr bleiben werde als der Wind, der durch eben dieses „Business“ hindurchgehe.

 

Man muss unwillkürlich an diesen Satz denken, wenn man den Hauptsaal des 1991 eingeweihten, von Hans Hollein so postmodern wie nur möglich gebauten Museums für Moderne Kunst in Frankfurt betritt, denn hier weht einen buchstäblich und programmatisch das große Nichts an: Der Raum ist leer und schweiget, bis auf ein leises Flirren in der Luft: Wind. Der Wind kommt aus unsichtbaren Schächten die Ryan Gander angelegt hat. Die Arbeit heißt: „Looking for something that has already found you (The Invisible Push)“. Trüge sie diesen poetischen Titel nicht, hieße sie wahrscheinlich (und zugegebenermaßen eine Portion platter): „Alles auf Anfang“, denn so ungefähr ist sie gemeint. „Die Ausstellung ,Museum‘ versucht in einer Zeit des permanenten Wandels und begleitender Ohnmacht“ – Kunstmarkt, siehe oben – „Räume zu öffnen und zu besetzen“, schreibt die Frankfurter Direktorin Susanne Pfeffer in einer Zettelsammlung, die ganz bewusst kein Katalog ist, und trotzdem häufen sich die Fragen im Quadrat: Was macht die Kunst (aus?) Was macht sie aus uns – und wir mit ihr? Pfeffer, seit zwei Jahren verantwortlich für die drei Häuser für Moderne Kunst in Frankfurt, die mittlerweile Museum, Zollamt und Tower statt MMK1, MMK 2 und MMK 3 heißen, stellt also mit radikal einfachen Mitteln die ganz große Sinnfrage: Wozu sind Museen da? Sowohl in Ereignismuseen neueren Zuschnitts wie in den alten Archivpalästen wird solches Bohren am eigenen Identitätssockel eher gerne vermieden und selbst in kompensatorischen Maßnahmen (die Tate Britain zeigt ein ganzes Jahr lang nur zeitgenössische Frauenmalerei) mag man eine gewisse Hilflosigkeit erkennen. Die Frankfurter Ausstellung „Museum“ jedenfalls ist schon mal sehr riskant, bevor sie eigentlich losgeht und wird mit jedem Schritt hinauf bis unters Dach brisanter.

Auf dem Prüfstand

Alles nämlich kommt auf den Prüfstand: Wer zum Beispiel nacheinander Gavin Turks zur winzigen Bronze veredeltes, abgebranntes Streichholz anschaut und dann Robert Rymans Müll- und Krümelsammlung, die vor einer Riesenleinwand liegt, stellt die Frage nach den Größenverhältnissen neu. Im allerkleinsten Raum in Holleins Museum hingegen werden die musealen Benimmregeln bespiegelt: Der Düsseldorfer Hans-Peter Feldmann hält auf einem Sockel eine Box mit Schokoriegeln bereit („Milky Ways“), hat aber auch unmissverständlich darunter ein graviertes Messingschild angebracht, das simpel „Nein“ sagt. Berühren verboten, an Mitnehmen nicht zu denken. Obwohl? Natürlich muss das Museum darauf achten, dass die Hausregeln nicht verletzt werden. Wer ganz nahe rangeht oder verdächtig lange in diesem Kabinettraum verweilt, spürt bald den Atem der Aufseher im Nacken…

Die Museumsdirektorin Pfeffer könnte es sich leicht machen, schließlich verfügt sie über einen Kanon der Nachkriegsmoderne im Haus, der seines gleichen sucht – und sie bräuchte im Prinzip nur weiter zu reihen, wie schon immer gereiht wurde, ein bisschen anders halt. Oben die Sammlung, unten die Sonderausstellung: 4500 Werke von Bacon bis Warhol und Richter bis Andre. Pfeffer will aber keinen Kanon, der eine bezwingende Autorität auf den Besucher ausübt. Sie will, dass jedes Werk sich für sich selbst beweist, und wenn es keine Aura oder historische Atmosphäre mitzuteilen vermag, dann hat es eben Pech gehabt. Das führt zur Relativierungen der Relativierung: Sehr viel Platz bekommen die Bildüberschreibungen von Elaine Sturtevant, die Andy Warhols Siebdrucke mit ausdrücklicher Erlaubnis des Multiplikatoren unter ihrem eigenen Trademark-Namen (Sturtevant) noch einmal veröffentlichte, was eine grundlegende Diskussion über Originalität auslösen kann, ja, muss. Kunstwerke gewinnen also nicht nur an Wert, sie verlieren den ihren auch manchmal – oder zumindest werden sie zutiefst fragwürdig: Wie verrückt muss Claude Lelouch gewesen sein, als er im Film „C’était un Rendezvous“ 1976 frühmorgens wie ein Irrer mit dem Auto, 200 Sachen und der Kamera auf dem Kühler 8 Minuten und 24 Sekunden durch Paris fährt, von der Porte Dauphine bis hoch nach Montmartre, um eine Frau in die Arme zu schließen? Der öffentliche Raum ließ das noch zu, Überwachungskameras gab es keine, aber, profaner Einwand, wenn auch nur ein Kind aufs Trottoir getreten wäre…? Zwischen Lelouchs Amokfahrt, die nicht nur moralische Fragen aufwirft, und Li Liaos ebenfalls auf Video dokumentierter Aktion „A Single Bed No. 1 (Optics Valley)“ liegen 35 Jahre und mehrere Welten: Li Liao zeigt den überbevölkerten Stadtraum und sich selbst, wie er den Bürgersteig putzt, um eine Fläche von der Größe eines Einzelbettes frei zu bekommen. Dann legt er sich schlafen. Sein sehr heutiges Problem ist nicht, dass er nicht weiß, wie er als Mann protzen kann, sondern dass er kaum als Mensch mehr durchgeht. Hier, wie in etlichen anderen Fällen, problematisiert sich die Institution Museum mit: Inwieweit ist sie kulturelles Gedächtnis - und was wird hier eigentlich konserviert, wozu und zu welchem Preis?

Gegenwind vom Laubbläser

So trist die Dependance Zollamt gegenüber dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zunächst bestückt wirkt, so dringlich ist dort die Aussagekraft des Ensembles aus gebrauchten Fahrrädern, Heckentrimmern und Laubbläsern, das der US-Amerikaner Cameron Rowland versammelt hat: Reiner Gegenwind. Unter Neonlicht liegen da zivile Vermögenswerte, allesamt eingezogen von der amerikanischen Polizei, die solche Dinge bei Versteigerungen verkauft und sich teilweise auf diese Art und Weise finanziert. Rechtlich möglich wird das durch einen Rückgriff auf den English Navigation Act von 1660, der sich wie eine einzige Benachteiligung von Afroamerikanern liest, gültig noch heute. Rowland behauptet nicht, dass er hier Kunstwerke verkauft, und er verkauft sie auch nicht. Für den Versteigerungspreis bekäme man sie lediglich fünf Jahre geliehen und würde mithin Teil der Enteignungsaktion, deren Wurzeln eindeutig mit dem Sklavenhandel zu tun haben. Vor den Fenstern des Zollamts erhebt sich die neuerdings fast obszön gelackte Fassade der auf superhistorisch getrimmten Frankfurter Altstadt: Fiktion in der Realität. Wer in der Ausstellung „Museum“ gewesen ist, sieht das alles: klarer.

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