Musical „Hamilton“ Besser als jeder Denkmalsturz

Alexander Hamilton (Lin-Manuel Miranda, Mitte) kennt den Weg in die Zukunft für die ehemaligen britischen Kolonien. Foto: Walt Disney

Das Hip-Hop-Musical „Hamilton“ bei Disney+ lässt US-Geschichte lebendig werden. Die Gründerväter sehen aber ganz anders aus als im Schulbuch. nicht mehr weiß, zum Beispiel.

New York - Schon ab 1592 Dollar für die schlechteren Plätze war man auf dem Schwarzmarkt dabei, als das Musical „Hamilton“ ab 2015 Kritiker und Publikum in New York in Jubel versetzte. Man konnte aber auch für rund 10 000 Dollar einen viel besseren Sitz bekommen, wie CNN erfreut berichtete. Offiziell kosteten Karten für „Hamilton“ zwar nur zwischen 85 und 300 Dollar, aber offiziell waren die eben längst ausverkauft. Als das Gerücht die Runde machte, der Autor und Hauptdarsteller Lin-Manuel Miranda werde demnächst seinen Abschied nehmen, drehte New York durch: Der Tauschwert von Tickets lag ungefähr bei fünf Grabtüchern Christi gegen einen Platz hinter der dicken Säule ganz hinten links, neben der zugigen Notausgangstür.

 

Wer damals nicht zugeschlagen hat, kann „Hamilton“ nun beim Streamingdienst Disney+ erleben. Eine gehörige Portion Misstrauen ist dabei gar nicht schändlich. War „Hamilton“ doch bloß noch ein Gutverdiener-Hype einer übersättigten Stadt? Hält die erstaunliche Grundidee, die amerikanischen Gründerväter in einem Hip-Hop-Musical auftreten zu lassen, dem genauen Hinschauen nach der ersten Überraschung stand – oder entpuppt sie sich als Gimmick? Und vermag die abgefilmte Variante der Broadwayshow in der Originalbesetzung die Atmosphäre eines Liveabends einzufangen?

Sitzbad mit Zitteraalen

Die Überraschung: „Hamilton“ ist so sensationell, wie seine Fans beteuern. Das Wunder: Thomas Kails Filmaufzeichnung der Bühnenshow ist so sprühend lebendig, dass man vergisst, vor dem Bildschirm und nicht am Broadway selbst zu sitzen. Die filmischen Mittel sind so sparsam eingesetzt wie die Bühneneffekte der Musical-Inszenierung selbst – und ebenso punktgenau. Handelsübliche Filmdokumente von Bühneninszenierungen geben einem oft das Gefühl, am Tiefpunkt der Schlafkrankheit lebendig begraben worden zu sein. „Hamilton“ hält wach wie ein Sitzbad in einer Wanne voller Zitteraale.

Alexander Hamilton (1757–1804) war im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg der Adjutant von George Washington. Von allen Architekten der gerade entstehenden USA war er der ungewöhnlichste, der Underdog unter den feinen Herren. Er war als uneheliches Kind in ärmlichen Verhältnissen auf der britischen Karibikinsel Nevis geboren worden. Mit Wissbegier und Cleverness eignete er sich Bildung an, wurde Gehilfe eines Kaufmanns, und schon das wäre bei diesen Startchancen eine erstaunliche Karriere gewesen. Aber Hamilton schaffte es, zur Weiterbildung nach New York geschickt zu werden. Dort studierte er, sagte sich aber von alten Verpflichtungen so los wie die englischen Kolonien von der Herrschaft George III. im fernen London.

Hamilton stößt anderen auf

Hamilton, der Überflieger; Hamilton der Selfmademan; Hamilton, der Bastard unter Gentlemen; Hamilton, der Immigrant unter Alteingesessenen: Dieser Mann stieß vielen seiner Weggefährten immer wieder sauer auf, vor allem seinem Widersacher Aaron Burr, der ihn schließlich im Duell töten sollte. Das alles machte Hamilton für Lin-Manuel Miranda, den Sohn puerto-ricanischer Eltern, zur interessantesten Figur im Götterhimmel der US-Verfassungsväter. Erst recht, weil Hamiltons Gegner das damals potenziell ruinöse Gerücht streuten, es gebe einen Anteil schwarzen Blutes in seinen Adern.

Miranda führt den Rassismus ab absurdum und stellt Geschichtsbücher auf den Kopf. Nicht nur, dass er selbst Hamilton spielt: Die anderen Figuren sind fast alle mit dunkelhäutigen Darstellern besetzt. Thomas Jefferson, George Washington und Aaron Burr hätte auf der Stelle der Weltbildinfarkt niedergestreckt, hätte ihnen das jemand vorhersagen können.

Folgenreiche Schachereien

Dabei wirken sie hier nun von aller Steifheit der Ruhmesbüsten und allem Kreidestaub der Schulstuben befreit: Plötzlich stehen sie fast als Zeitgenossen und doch völlig glaubhaft eingesponnen in ihre damaligen Konflikte, Probleme, Utopien und Motive vor uns. „Hamilton“ ist nicht nur berückend unterhaltsam, sondern auch lehrreich: Miranda schafft es mit seinen Rap-Songs, die politische Landschaft von damals, die unterschiedlichen Konzepte und die folgenreichen Schachereien fassbarer darzustellen als manches Geschichtsbuch.

Die treibende, eingängige, energiegeladene Musik ebenso wie die sparsame, wirkungsvolle Tanzchoreografie münzen abstrakte Konzepte in sinnliches Leben um. Ob der Streit über die frühe Finanzstruktur des Landes und seiner Regierung, ob das Fingerhakeln um den Sitz der Bundeshauptstadt, ob Strategiediskussionen im Unabhängigkeitskrieg: Die politischen Debatten sind so nachvollziehbar wie die von Liebe und Betrug geprägte Beziehung Hamiltons zu seiner Frau Eliza (Phillipa Soo).

Für die Ära Trump

Man könnte einzeln viel Lob ausgießen über die großartige Besetzung, über Leslie Odom jr. als Burr, Daveed Diggs als Jefferson und als Lafayette, Chris Jackson als George Washington und Jonathan Groff als König George, könnte ausführlicher jubeln, dass und wie „Hamilton“ die Gattung Musical ins 21. Jahrhundert holt. Könnte preisen, wie Miranda in der Ära Obama vorausgeahnt hat, was die Ära Trump brauchen wird, und dass „Hamilton“ so intensiv mit der Zeit von „Black Lives matter“ zu tun hat wie mit dem 18. Jahrhundert. Man könnte loben, wie der tumbe Denkmalsturz ad absurdum geführt wird, weil eine ganz andere, viel habhaftere und komplexere Rückeroberung von Geschichte stattfindet. Aber das würde nur Zeit von etwas Wichtigem abknapsen, was jeder, der „Hamilton“ gesehen hat, bald unternehmen möchte: „Hamilton“ gleich noch mal anschauen.

Verfügbarkeit: beim Streamingdienst Disney+.

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