Musical „Hölder“ in Stuttgart Hölderlin rockt das Theaterhaus

Dynamisch und mitreißend: „Hölder“ im Stuttgarter Theaterhaus Foto: Lg/Christoph Schmidt 4 Bilder
Dynamisch und mitreißend: „Hölder“ im Stuttgarter Theaterhaus Foto: Lg/Christoph Schmidt

Dynamisch, ideenreich, mitreißend: die Stuttgart-Premiere des Musicals „Hölder“ kommt an. Die Lauffener Inszenierung holt den Dichter in die Gegenwart.

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Stuttgart - Wie nah ist uns Hölderlin heute? Wie viel liegt zwischen unserer und der Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als der schwäbische Dichter und seine Freunde Hegel und Schelling in Tübingen an der Utopie einer neuen Werte-Ordnung feilen? Freiheit, Natur, Schönheit, Göttlichkeit – alles sollte damals zusammengedacht werden, um aufzubrechen in ein besseres Leben.

Im Rockmusical „Hölder“, das am Dienstagabend im Theaterhaus seine Stuttgart-Premiere feierte, steht zwischen den 1790er Jahren und der Gegenwart nur eine hauchdünne Leinwand. Die Botschaft ist so transparent wie die Wand selbst: Hölderlins Ideen, sein Wille zur Veränderung des Menschen und der Zustände, in denen er lebt, diffundieren mächtig durch die Zeit zu uns herüber. Eigentlich muss man sie nur noch ergreifen. Doch das ist, wie die Handlung des Musicals noch zeigen wird, nicht so einfach.

16 Songs vom Rap bis zur Popballade

Eingerahmt ist der Reigen von 16 Songs, die sich mal am Rap, mal an der Popballade, meistens aber an einer musicaltauglichen Gangart des Rock orientieren, von einem Appell in Liedform, der uns aufruft, „ins Offene“ zu kommen. Soll heißen: Eine grundsätzliche Bereitschaft braucht es schon, um offen zu sein für Hölderlins Traum einer Wiederkehr der Harmonie von Natur und Menschenwelt. Wie der Autor und Komponist des Musicals, Götz Schwarzkopf, erklärt, geht es in dem Stück um die Möglichkeit, „mit der Natur wieder in einer resonanten Beziehung zu stehen“.

Mitreißendes Tempo und wechselnde Handlungsorte

Keine leichte Kost, könnte man meinen. Doch philosophisch schwer ist an diesem Abend nichts. Dynamisch, ideenreich und immer mitreißend wechseln Tempo und Handlungsorte. Alle Theorie ist hier in Geschichten von Liebe und Freundschaft geerdet: In einem Gasthof des Jahres 1793 formulieren Hegel, Schelling und Hölderlin gut gelaunt ihre Gedanken. Was sie dort mit leichter Feder zu Papier bringen, spiegelt sich in einer Schulklasse des Jahres 2021. Die Schüler sollen sich mit dem Gesellschaftsentwurf und dem Menschenbild Hölderlins auseinandersetzen. Lotta, gespielt von Melisa Özel, ist auch für radikalere Gedanken zu haben. Nicht aber ihr Freund Robin (Jonathan Wein), der unter dem Einfluss seines Vaters, des Immobilienmoguls Grump, steht. Grump, gespielt von Holger Gayer, heißt 1793 Herzog Carl Eugen von Württemberg und macht den Schwaben das Leben schwer. Die Figur steht hier wie dort für den Machtmenschen, dem „das Offene“ ein Gräuel ist: „Gib den Menschen Grenzen, dann fühlen sie sich frei“, poltert der Zyniker.

Das Ensemble aus Laiendarstellern schafft ein dichtes Musiktheater

Was das weitgehend aus Laiendarstellern zusammengestellte Ensemble im Theaterhaus auf die Bühne bringt, ist unter der Regie von Uwe Ehrenfeld ein dichtes und hörenswertes Stück Musiktheater. Eigentlich hätte das von der Stadt Lauffen am Neckar initiierte Musical anlässlich von Hölderlins 250. Geburtstag im vergangenen Jahr durch viele Hölderlin-Städte touren sollen. Doch nach den ersten Aufführungen in Lauffen war pandemiebedingt Schluss. In jeder teilnehmenden Stadt, so die Idee, sollten örtliche Schulchöre in die Inszenierung integriert werden. Auch das konnte wegen Corona nicht umgesetzt werden, weshalb in Stuttgart nun Schüler der Musicalschule JAS diesen Part übernehmen. „Überall hatten bereits Chöre begonnen, die Chorsätze einzustudieren“, erzählt Schwarzkopf. Weil viele Schüler inzwischen nicht mehr an den Schulen sind, müsse die Arbeit nun teilweise von vorne beginnen.

Das Engagement der Lauffener hat sich gelohnt. Der fast voll besetzte große Konzertsaal im Theaterhaus zeigt sich hellauf begeistert vom Ideenfeuerwerk, mit dem das Ensemble „das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ zum Rocken bringt. Bad Homburg soll im kommenden Jahr die nächste Station der Tour sein. Und auch Denkendorf und Heidelberg haben, so Schwarzkopf, ihr Interesse signalisiert. Bleibt zu hoffen, dass auch die Aufführung in Stuttgart eine Wiederholung findet.




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