Musical-Konzert am Hauptbahnhof Erinnerungen an Freddie Mercury über den Dächern von Stuttgart

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Mit Queen-Gitarrist Brian May wollte er auf große Musicaltour und den Freddie Mercury singen. Corona spielt nicht mit. Dennoch geht’s für Christopher Brose hoch hinaus – über den Dächern Stuttgarts ist der Berliner Musicalstar gelandet.

Beim Kerzenlicht-Konzert auf dem Infoturm am Stuttgarter Hauptbahnhof erinnert Musicalstar Christopher Brose an den großen Freddie Mercury. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone 10 Bilder
Beim Kerzenlicht-Konzert auf dem Infoturm am Stuttgarter Hauptbahnhof erinnert Musicalstar Christopher Brose an den großen Freddie Mercury. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Stuttgart - Längst hatte die Krankheit Besitz von seinem einst so athletischen Körper genommen. Freddie Mercury wog 1991, kurz vor seinem Tod, 46 Kilo. Sein künstlerischer Drang aber war ungebrochen. Entkräftet, aber entschlossen schrieb der damals 45-Jährige den Song „Mother Love“. Seiner Mutter hatte der charismatische Sänger die Aids-Diagnose verheimlicht, auch die Fans erfuhren erst spät davon. Seine Homosexualität lebte der Rockstar Ende der 1980er immer offener aus (in Stuttgart war er regelmäßig Gast bei Wirtin Laura in der Schwulendisco Kings Club) – doch es war die Zeit, als viele darüber nicht reden wollten.

Die emotionale Botschaft geht unter die Haut

Wenn der Berliner Musicalstar Christopher Brose über die letzten Tage seines Idols spricht, ist er den Tränen nahe, obwohl er die Geschichte schon oft vorgetragen hat. Vom Entstehen des Songs „Mother Love“ erzählt Brose beim Kerzenlicht-Konzert auf Einladung der Stuttgarter Börse auf der Dachterrasse des roten Infoturms Stuttgart am Hauptbahnhof. Die emotionale Botschaft geht den Zuschauern, die bei dem exklusiven Auftritt dabei sein dürfen, unter die Haut. In dem letzten Song seines Lebens beschreibt Mercury, wie schwierig es ist, mit Aids umzugehen. Nur selten gewährte dieser Einblicke in seinen Gefühlszustand. Mit kräftiger Stimme gelang es Mercury noch, die ersten beiden Strophen aufzunehmen. Für die dritte Strophe fühlte er sich zu schwach. „Kurz danach war Freddie tot“, sagt Brose, verneigt sich vor ihm, schaut traurig auf den Boden.

Musicalsänger arbeiten bereits bei Aldi an der Kasse

Seit 2012 kennt der Berliner Musicalsänger, der in Stuttgart in „We Will Rock You“ im Apollo-Theater und in „Die Päpstin“ im Theaterhaus gespielt hat, die Gitarrenlegende Brian May. Damals saß der Brite mit dem Lockenkopf beim Casting für das Queen-Musical in der Jury. Eine Hauptrolle bekam Christopher Brose, den alle nur Chris nennen. Seitdem ist Freddie Mercury sein ständiger Begleiter. Auf der großen Tour mit May sollte er in die Rolle des viel zu früh gestorbenen Sängers schlüpfen. Bisher hat die Pandemie dies nicht erlaubt.

Umso mehr freut sich der 34-Jährige, endlich mal wieder vor Publikum auftreten zu können. „Für uns Künstler ohne feste Verträge, also ohne Kurzarbeitgeld, wird es immer härter“, sagt er, „Kollegen von mir jobben bereits bei Aldi an der Kasse, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt.“

Unzählige Kerzen leuchten auch der Dachterrasse

Mit dem Gitarristen Johannes Schöne ist Chris Brose neun Stunden lang aus Berlin im Auto angereist. Die Börse Stuttgart hat die beiden gebucht, um ausgewählten Gästen mit dem Konzert sowie mit Diehl-Weinen und Weller-Speisen eine Freude zu machen. Die beiden Musiker haben unzählige Kerzen auf der Dachterrasse des neu am Gleis 16 gebauten Turms angezündet, der 2025 abgerissen werden soll. Der Spätsommer unterstützt das romantische Open-Air-Ambiente mit angenehmen Temperaturen.

Zehn Kräne und ein rotierenden Mercedes-Stern auf dem Bahnhofsturm leuchten ringsum, und fast scheint es, als gehörten auch diese markanten Leuchtriesen zur Kulisse der Börse-Veranstaltung „Art and Wine“. Sänger Chris Brose schaut auf die Baustelle des Tiefbahnhofs mit den riesigen Stützkelchen herab und sagt schmunzelnd: „Mal sehen, ob ihr in Stuttgart das auch so pünktlich hinbekommt wie wir mit unserem Flughafen in Berlin.“

„Die Veranstaltungswirtschaft braucht dringend Hilfe!“

Die beiden singen ein Lied von Gregor Meyle: „Ich will nie wieder meinen Kopf verlier’n, ich will nie wieder mein Herz riskier’n, ich will nie wieder solche Schmerzen spür’n, wegen dir.“ Über „Raise Me Up“ geht es schließlich strikt auf Queen zu. „Don’t stop me now“ ist ein klares Bekenntnis: Künstler sind nicht zu stoppen, auch wenn es scheint, als habe die Pandemie alles darauf angelegt. Der zweitgrößten Branche von Deutschland – der Veranstaltungswirtschaft – müsse aber dringend geholfen werden, sie brauche dringend Finanzhilfe von Bund und Land, ehe es zu spät ist, ehe viele Existenzen am Ende sind, appelliert Brose.

Erneut schlüpft er in die Rolle von Freddie Mercury, um ein weiteres Lied von ihm zu spielen. „Schwulenmutti“ Laura Halding-Hoppenheit erinnert sich noch heute an ihren berühmten Gast im Kings Club: „Freddie sah gut aus, war ruhig, zurückhaltend, als er noch nicht ganz so berühmt war. Viele meiner Gäste haben sich in ihn verliebt. Zum Glück gab’s keine Handys. Hätte man damals sofort Fotos bei Instagram oder Facebook gepostet, Freddie hätte keine Ruhe gehabt. Er wollte tanzen, trinken, Sex haben, so sein, wie viele andere auch.“

Bei der Stuttgarter Oper befindet sich heute eine Gedenkstätte für Menschen, die an Aids gestorben sind. Ein Name auf dem Stein im Boden erinnert an einen unvergessenen Stuttgart-Gast: an Freddie Mercury.




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