Christian Bock kann sich gut in seine Bühnenfigur Tom hineinversetzen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Im Musical „Abenteuerland“ spielt der Balinger Christian Bock einen Teenager, der sich in seinen besten Freund verliebt. Eine Rolle, die das Publikum auch in Stuttgart sehr bewegt.
Wenn Christian Bock im Stuttgarter Theaterhaus in dem Musical „Abenteuerland“ als Tom auf der Bühne steht, erzählt er eine Geschichte, die ihm selbst erstaunlich nah ist. Tom ist ein Teenager, kurz vor dem Schulabschluss, und merkt plötzlich, dass er sich in seinen besten Freund Alex verliebt hat. Für ein Musicalpublikum ist das immer noch ungewöhnlich offen erzählt – und für Bock ist es mehr als nur eine Rolle. „Ich kann mich da sehr gut reinversetzen“, sagt er. „Ich bin selbst homosexuell und kenne das Gefühl aus der Schulzeit: Man versteht erstmal gar nicht, was da eigentlich mit einem passiert.“
Vielleicht berührt seine Darstellung deshalb so viele Zuschauer. Wenn in einer Szene Petra sagt, dass sie Tom gerne als Schwiegersohn hätte – egal ob als Mann ihrer Tochter Anna oder ihres Sohnes Alex –, brandet im Publikum regelmäßig Applaus auf. Ein Moment, der Bock nicht nur als Schauspieler trifft. „Das berührt mich auch als Christian“, sagt er. „Diese Sichtbarkeit auf der Bühne zu haben, ist etwas Besonderes.“
Im Pur-Outfit: Christian Bock als Tom (links) und Cedric Schröter als Alex singen „Ich lieb’ dich“. Foto: ATG/Jochen Quast
Von der Schwäbischen Alb in die Musicalwelt
Der Weg dorthin begann weit entfernt von jeder Musicalbühne – in einem Dorf bei Balingen auf der Schwäbischen Alb. „Sehr ländlich“, sagt Bock und lächelt. „Da ist nicht wahnsinnig viel mit Kunst und Kultur.“ Doch seine Mutter liebt Musik. Sie meldet ihn früh zur musikalischen Früherziehung an, später sitzt der Junge am Klavier. Entscheidend wird eine Begegnung während der Konfirmationszeit: Der Pfarrer vermittelt ihm eine Gesangslehrerin. Woche für Woche fährt er zum Unterricht, singt im Gospelchor, wird Solist.
Der Traum wächst. Und mit ihm der Aufwand. Freitags fährt der Schüler nach Stuttgart-Vaihingen zu Musicalkursen, parallel tanzt er im örtlichen Studio. Ein logistischer Kraftakt für einen Jugendlichen vom Land – aber Bock weiß damals schon, dass er auf die Bühne will. „Wenn man so einen Traum hat, nimmt man all die Mühe in Kauf.“
Christian Bock im Theaterhaus Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Wenn schon Bühne, dann nur mit Studium
Seine Eltern unterstützen ihn, auch wenn der Vater zunächst skeptisch ist. Ein Leben als Musicaldarsteller? Für jemanden, der in der Industrie arbeitet, klingt das nicht nach einem sicheren Plan. Schließlich gibt es einen Kompromiss: Wenn schon Bühne, dann mit Studium.
Bock bewirbt sich an der Theaterakademie in München – einer staatlichen Schule, die jedes Jahr nur wenige Studierende aufnimmt. Mehr als hundert Bewerber konkurrieren um eine Handvoll Plätze. Dass er genommen wird, ist der erste große Meilenstein.
Den ganzen Tag singen, tanzen, spielen
Das Studium hat wenig Glamour. Es ist vor allem harte Arbeit. Tanzunterricht am Morgen, Schauspiel, Gesang, Klavier – und das oft bis spät abends. „Von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends“, sagt Bock. „Es ist wahnsinnig intensiv.“ Aber genau dieses Rundumtraining macht den Reiz des Musicalberufs aus. Drei Disziplinen, die gleichzeitig funktionieren müssen: singen, spielen, tanzen.
Der Funke für diese Welt sprang allerdings schon früher über – bei einem Schulausflug. Damals sitzt der 13-Jährige im Musicaltheater in Stuttgart und sieht „Wicked“. „Das hat mich komplett geflasht“, erinnert er sich. „Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Wenn ich das mal beruflich machen könnte, wäre das unglaublich.“
Nach dem Studium geht alles erstaunlich schnell. Sein zweiter Job führt ihn direkt in eine große Produktion: „Harry Potter und das verwunschene Kind“ in Hamburg. Für einen jungen Darsteller ist das ein Traumstart – und zugleich ein Vorgeschmack auf die Realität der Branche. Befristete Verträge, ständig neue Castings, oft nur wenige Monate Planungssicherheit. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Bock. „Aber es gibt schon Tage, an denen man sich fragt, ob man das für immer machen möchte.“
Von Pur kannte er nur die Partyhits
Seit einigen Jahren lebt er deshalb in Hamburg, dem Zentrum der deutschen Musicalszene. Von dort aus geht es auf Tour, von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt. Hotelzimmer statt Wohnung, neue Bühnen jede Woche. Anstrengend – aber auch reizvoll. „Ich sehe so viel von Deutschland, wo ich sonst nie hingefahren wäre“, sagt er.
Die Rolle des Tom in „Abenteuerland“ zählt zu seinen bisher wichtigsten und größten. „Die Musik von Pur kannte ich davor nur von Dorffesten, von der Fasnet oder solchen Partys“, erzählt er. Die großen Mitsing-Hits, die jeder kennt. Als er für „Abenteuerland“ erstmals die Songliste des Musicals bekommt, hört er sich die Lieder genauer an – und entdeckt plötzlich eine andere Seite dieser Musik. „Da habe ich Songs kennengelernt, die ich vorher gar nicht kannte und die wahnsinnig berührend sind.“ Lieder wie „Verboten schön“ oder „Wenn sie diesen Tango hört“. Für ihn ist das eine der größten Überraschungen des Stücks gewesen: wie viel Melancholie und Lebenswirklichkeit in diesen Liedern steckt – und wie gut sie sich zu einer Geschichte verweben lassen, die von Familie, Sehnsucht und Aufbruch erzählt. „Ich glaube, deshalb funktioniert das Musical so gut“, sagt Bock. „Weil sich so viele Menschen darin wiederfinden.“
„Abenteuerland“ ist auch eine queere Coming-of-Age-Story
2024 ist er zunächst nur Teil des Ensembles, später übernimmt er die Rolle des Tom. Eine Figur, die ihm besonders nahegeht. Nicht nur wegen der queeren Geschichte, sondern weil sie von der Intensität der Jugend erzählt – von Gefühlen, die größer sind als jede Vernunft. Vielleicht spielt Bock deshalb so überzeugend Teenagerrollen, obwohl er inzwischen schon über dreißig ist, weil er sehr an dieser Lebensphase interessiert ist. „Jugendliche erleben ihre Gefühle so extrem. Das macht sie für Schauspieler unglaublich spannend.“
Wenn er auf der Bühne steht und die Geschichte von Tom erzählt, schließt sich ein Kreis: vom schwäbischen Dorfchor über jahrelange Ausbildung bis in ein Musical, das von Liebe, Familie und dem Mut erzählt, man selbst zu sein. Für Christian Bock ist das mehr als Unterhaltung. Es ist auch ein Stück eigene Geschichte.
Abenteuerland: Stuttgarter Sing-Along-Shows und Tourtermine
Abenteuerland. Das Musical mit den Hits von Pur ist noch bis zum 22. März in Stuttgart im Theaterhaus zu Gast. Für alle, die nicht nur zuschauen, sondern auch mitsingen wollen, gibt es sogenannte Sing-Along-Shows am Dienstag, 17. März, um 19.30 Uhr, am Freitag, 20. März, um 19.30 Uhr und am Samstag, 21. März, um 14.30 Uhr. Für die letzten Shows in Stuttgart gibt es mittlerweile nur noch Restkarten. Die nächsten Stationen der „Abenteuerland“-Tour sind dann Basel (24.-29. März), Dortmund (8.-12. April), Oberhausen (14. April-3. Mai) und Hannover (5.-17. Mai). Infos und Tickets gibt es hier.