Musiforum Ruhr Große Lösung für die Musikstadt Stuttgart

Von Susanne Benda 

Mehr als 15 Jahre lang haben die Bochumer Symphoniker und ihr Generalmusikdirektor Steven Sloane gebraucht, bis ihr Traum vom eigenen Konzerthaus wahr wurde. Für Stuttgart könnte der Gebäudekomplex eine Blaupause sein.

Die Bochumer Symphoniker im Konzertsaal des neuen Musikforums Ruhr Foto: Christoph Fein
Die Bochumer Symphoniker im Konzertsaal des neuen Musikforums Ruhr Foto: Christoph Fein

Bochum/Stuttgart - „Schon hier“, sagt Steven Sloane, „wird jeder Besucher emotional und geistig verändert.“ Der Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, die man im direkten, schlichten Jargon des Ruhrpotts „Bosys“ nennt, steht im Foyer des Gebäudes, das ohne seinen Dauereinsatz nie entstanden wäre. Dennoch heißt der erste eigene Konzertsaal des Orchesters, dem der 58-jährige US-Amerikaner seit 22 Jahren vorsteht, nicht Steven-Sloane-Musikforum Ruhr, sondern trägt den Namen von Anneliese Brost, Verlegerin der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Deren Stiftung hat sich auch deshalb an der Finanzierung des Hauses beteiligt, weil man dessen Innenleben neu definiert hatte: Ein Ort der Musikvermittlung sollte in Bochum, ganz in der Nähe des beliebtesten städtischen Ausgehviertels am Rande der Fußgängerzone, entstehen, Profis und Amateure sollten hier eine Heimat finden. „Bochumer Musik-WG“ nennt das der Oberbürgermeister der Stadt, Thomas Eiskirch (SPD), bei seiner Ansprache zur Eröffnung. Im Klartext: Ein Flügel des Musikforums wird von der örtlichen, gut 10 000 Schüler starken Musikschule bespielt, der andere gehört dem ohnehin in Sachen musikalischen Bildungsarbeit sehr aktiven Orchester, das sich bisher bei Konzerten mit der trockenen Akustik von Schauspielhaus und Universitäts-Audimax bescheiden musste.

Zwischen beiden Flügeln ist das Foyer: eines, das es so nirgendwo anders gibt. Es ist hell, ungemein weiß, und seine Decke ist ganz weit oben. Von der profanisierten neogotischen Marienkirche, die vor dem Abriss stand, sind zwei lange Säulenreihen geblieben, hohe Glasfenster – und eine restaurierte Glocke, die jetzt den Pausengong ersetzt. Die Kartenkasse steht in der ehemaligen Apsis. Der Raum strahlt einen Zauber aus – auch deshalb, weil ihm überhaupt nichts Funktionales anhaftet. Und weil Sakrales und Profanes nicht nur dort ineinandergreifen, wo man unter ein Fresko den Wegweiser zum WC montiert hat.

Ein teil des Gebäudes gehört dem Orchester, den anderen nutzt die Musikschule

Vom Kirchenfoyer aus gelangt man in den Multifunktionsraum der Musikschule, der dreifach geteilt werden kann. Und man kommt – wahlweise auch durch ein neogotisches Portal – in den großen, 960 Zuhörer fassenden Konzertsaal. Viel Kirschbaumholz aus Pennsylvania hat man hier verbaut und die klassische Schuhschachtel-Architektur aufgebrochen, indem man auch hinter dem Orchester Zuschauerreihen errichtete. „So umarmt uns das Publikum“, sagt der stolze Generalmusikdirektor, der sich jetzt auch Intendant nennen darf, und dass er „einfach ein schönes Musik-Wohnzimmer“ haben wollte, das sagt er auch. Klangsegel über der Bühne und hier und dort Vorhänge vor den Holzwänden formen den Klang.

Wie der beschaffen ist, kann man im Eröffnungskonzert hören. Zunächst inszeniert da der Bochumer Komponist Stefan Heucke in seinem Auftragswerk „Baruch ata Adonaj“ die allmähliche akustische Besiedelung des Raums durch Bürger, 85 Orchestermusiker, Chorsänger, Profis und Laien; mitlaufende Übertitel sorgen für zusätzliche emotionale Aufladung. Auch Mahlers erste Sinfonie („Der Titan“) gelangte nicht zufällig auf das Programm, sie klingt sehr hell und sehr durchsichtig in diesem Saal, der das Nebeneinander des Unterschiedlichen in diesem Stück fein differenziert und gleichzeitig eine Vermischung von Klangfarben zulässt. Nur wenn hohe Bläser sehr laut spielen, kommt der Raum an seine Grenzen.Im Musikforum Ruhr hat man an allem gespart, nur nicht an der Akustik, die unter anderem jene Brüsseler Firma verantwortet, die auch am berühmten Konzertsaal in Luzern mitbaute, an der neuen Pariser Philharmonie und am Musiktheater Linz. „Jetzt“, stellt Steven Sloane fest, „können wir für Fehler nicht mehr den Raum verantwortlich machen.“

20 000 Bochumer haben für ihr Konzerthaus gespendet

Von der Bühne aus sieht dieser übrigens ganz intim aus. Und dahinter ist alles funktional, konzentriert: Stimmzimmer, ein großer Aufenthaltsraum, hinter einer Glastür das Zimmer des Chef- oder Gastdirigenten. Auch die Verwaltung des Orchesters und seine Bibliothek sind im Haus. 70 Prozent der Veranstaltungen im großen Konzertsaal werden die „Bosys“ bestreiten; daneben werden hier auch andere Ensembles auftreten, aber nur „Non-Profit-Organisationen“. Das Musikforum Ruhr will, kann und soll kein Konkurrent sein zum Gastspielbetrieb in den benachbarten Konzerthäusern von Dortmund und Essen. Es ist ein Haus für die Stadt – und, zwischen Handyshops und Dönerbuden, mitten in der Stadt. Dass die nur 7,1 Millionen zum Bau beisteuern musste, ist ein kleines Wunder. 20 000 Bochumer haben es ermöglicht, indem sie mal größere, mal kleinere Beträge spendeten, der Lokalmatador Herbert Grönemeyer hat sich eingebracht, und fünf Millionen steuerte der Lotto-Unternehmer Norman Faber bei. Dessen Finanzspritze hat das Musikforum auch insofern geprägt, als sie an Bedingungen geknüpft war: Faber machte den Politikern Beine, er gab den Ausschlag für die Standort-Entscheidung, und er sorgte für die Gründung der Stiftung Bochumer Symphonie. In der Summe hat das Gebäude 38 Millionen Euro gekostet. Die Hamburger Elbphilharmonie kommt auf mehr als das Zwanzigfache (789 Millionen Euro).