Musik aus dem Kessel: Bonheur Das ist Stuttgarts Herbst-Soundtrack
Traurige Songs sind die schönsten Songs, finden die Mitglieder der Stuttgarter Band Bonheur. Nun erscheint ihr erstes Album.
Traurige Songs sind die schönsten Songs, finden die Mitglieder der Stuttgarter Band Bonheur. Nun erscheint ihr erstes Album.
Mit Into The Fray landete Lukas Klotzbach schon vor Jahren auf den Favoritenlisten vieler Indie-Kenner. Jetzt schreibt er diese verheißungsvolle Geschichte mit seiner neuen Band Bonheur weiter. Diesen Freitag (18. Oktober) erscheint ihr erstes Album „Sometimes It Hurts But That’s Okay“.
Eigentlich hatte Lukas Klotzbach die Schnauze voll von Bands. Wollte keine Kompromisse mehr eingehen, sein Ding machen, die eigene Vision konsequent zu Ende denken. Deswegen gründete er vor bald zehn Jahren das Indieprojekt Into The Fray, mit dem er in der Stuttgarter Szene rasant von sich reden machte. Irgendwann merkte er aber wieder: Mit Bandkollegen ist es doch schöner. Erst wurde Into The Fray zur Band, der Sound reifte und entwickelte sich. Dann fror die Pandemie alles ein.
„Wir haben mehrere Jahre lang gar keine Musik gemacht“, blickt Klotzbach zurück. Keine Musik ist aber eben auch keine Lösung, also wagt seine Band nach dem Ende der Pandemie den Neustart. „Wir haben uns in dieser Zeit alle weiterentwickelt – persönlich wie musikalisch. Also war es Zeit für einen Reboot unter einem anderen Namen. Wir sind alle älter geworden, haben Erfahrungen gesammelt und neue Einflüsse aus dieser Zeit mitgebracht.“
Aus jungen Erwachsenen sind etwas ältere Erwachsene geworden, die die Welt anders sehen. Schon damals dominiert bei Into The Fray Melancholie das Songgeschehen, Musik, geprägt von der Nachtseite der Dinge. Das ist bei Bonheur nicht anders. Allein, die Melancholie klingt ein wenig sanfter. „Das liegt an unserer musikalischen Sozialisation“, meint Marian Hepp. The National oder Radiohead, aber auch Songwriterinnen wie Phoebe Bridgers haben die Band geprägt.
„Für uns bedeutet das aber natürlich nicht, dass wir ständig traurig sind“, ergänzt Fabian Glück seinen Kollegen. Wir haben eher gelernt, manche Dinge zu akzeptieren. Dadurch wird es leichter.“ Mit einem Lächeln fügt er an: „Außerdem sind traurige Songs einfach die schönsten.“ Manchmal tut so ein Bad in Melancholie eben einfach gut – zumal es heutzutage auch okay ist, mal nicht okay zu sein.
Darauf spielt auch der Albumtitel „Sometimes It Hurts But That’s Okay“ an – als Bekenntnis, Gefühle nicht zu unterdrücken. Dabei hilft Bonheur auch die Musik. „Ich kenne niemandem, bei dem derzeit wirklich alles super läuft“, meint Glück. „Deswegen müssen wir doch auch nicht immer so tun als wäre alles cool. Wenn wir traurige Musik hören oder schreiben, stärkt uns das sogar eher. Sie gibt uns ein fast schon euphorisierendes Gefühl.“
Als Hauptsongwriter ist es überwiegend an Lukas Klotzbach, Gefühle zu kanalisieren und in Songs zu fassen. „Doch dadurch, dass ich sie dann mit den anderen teile, hat das durchaus einen gewissen therapeutischen Effekt“, betont er. So sind schwebende, bittersüße Lieder entstanden, die sich mal aufbäumen und mal meditativ mäandern, Musik wie gemacht fürs Kopfkino bei einem Herbstspaziergang durch die Stadt.
So offen wie Bonheur sind mittlerweile viele Indie-Bands. Noch vor zehn Jahren war es eher die Ausnahme, dass Künstler so offen über psychische Probleme singen, über toxische Männlichkeit und Diversität, über Dinge eben, die man zwischen all dem Sex, Drugs und Rock’n’Roll früher lange suchen musste. „Uns ist bewusst, dass wir vier weiße Männer sind“, sagt Klotzbach, „aber deswegen ist es uns umso wichtiger, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und gewisse Dinge anzusprechen.“ „Die Indie-Szene mag da in vielen Dingen schon einen Schritt weiter sein – „aber das ist ja auch wieder nur eine Bubble, die nicht repräsentativ ist“, schiebt er nach. „Als Künstler musst du Verantwortung übernehmen, egal, welche Reichweite du hast. Meine Texte sind noch direkter, noch persönlicher geworden. Es fühlt sich einfach richtig an so.“
Gefühl ist generell ein Schlagwort, das zu Bonheur passt. Nicht nur aus textlicher Sicht: Ihre Musik ist echt, organisch, strahlt eine Wärme aus, die nur dann entstehen kann, wenn Menschen in selben Raum zusammen Musik machen und über jedem einzelnen Sound brüten. Bei Bonheur ist das der Proberaum im IW8 in Feuerbach, den sie sich mit Eau Rouge teilen. In Zeiten, in denen eine KI auf Knopfdruck generische, aber respektable Popmusik kreiert, ist das längst ein Statement für sich.
„Gerade jetzt müssen wir daran festhalten, menschliche Musik zu machen“, so Marian Hepp. „Ich bin mir sicher, dass es immer eine Menge Menschen geben wird, die nichts anderes hören wollen – echte Menschen, die eine Geschichte erzählen, sich vielleicht auch ihr Herz ausschütten.“ Bonheur tun das mit „Sometimes It Hurts But That’s Okay“ auf denkbar schöne Weise. „Mit diesem Album haben wir uns einen Traum erfüllt“, sagt Klotzbach sichtlich zufrieden. „Darauf wollen wir aufbauen. Und weitermachen, solange wir diese derart große Freude daran haben.“