Musik hilft Kindern bei Kopfschmerzen Singen gegen den dröhnenden Schmerz

Einem Großteil der Schmerzpatienten kann durch Musiktherapie geholfen werden. Foto: Klinikum Stuttgart/Tobias Grosser

Migräne-Attacken und Spannungskopfschmerzen nehmen zu – schon im Kindesalter. In Stuttgart untersuchen Ärzte die Gründe für die wiederkehrenden Leiden und helfen den Schülern, fast ohne Medikamente auszukommen.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Wenn der Schmerz kommt, dann geht bei Anna gar nichts mehr. Sie kann sich kaum noch bewegen, der Magen rebelliert und jeder Laut, jedes bisschen Licht lässt alles noch quälender erscheinen als es ohnehin schon ist. „Seit drei Jahren habe ich Kopfschmerzen“, sagt die 17-Jährige, die ihren wahren Namen nicht nennen möchte. Erst waren es Migräneattacken, die vereinzelt im Jahr auftraten und Anna stundenlang in ein abgedunkeltes Zimmer verbannten. Dann kamen die Spannungskopfschmerzen hinzu. Und dieses „wilde Pulsieren hinter der Stirn“, so erklärt es die Jugendliche, nimmt kein Ende. „Es ist fast immer da“, sagt sie. Mal stärker, mal schwächer.

 

Im Jugendalter gehören Kopfschmerzen zu den häufigsten Schmerzen, heißt es seitens des Deutschen Kinderschmerzzentrums. Die Zahlen sind vergleichbar hoch wie bei Erwachsenen. Der Kinder¬ und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) in Deutschland und viele andere Studien zeigen, dass etwa jedes dritte Grundschulkind unter zehn Jahren und bis zu 60 Prozent der 11- bis 17-Jährigen wiederkehrende Kopfschmerzen haben. Die Schmerzen waren umso häufiger je älter die Kinder waren und bei Mädchen häufiger als Jungen. Meist sind es Spannungskopfschmerzen, aber viele kennen auch Migräne-Attacken oder leiden an beiden Formen, so wie Anna.

Kinder mit Kopfschmerzen schlecht versorgt

Fachgesellschaften wie die Deutsche Schmerzgesellschaft und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) mahnen seit Jahren, dass die allermeisten Kinder mit Kopfschmerzen hierzulande nur unzureichend versorgt werden. Dabei ist eine frühzeitige Therapie wichtig: Studien haben gezeigt, dass bei Kindern ohne Therapie wiederkehrenden Kopfschmerzen häufig zu einer chronischen Schmerzstörung im Erwachsenenalter führen kann.

Markus Blankenburg leitet das Kinderschmerzzentrum Baden-Württemberg. Foto: Klinikum Stuttgart

„Wirf doch einfach eine Schmerztablette ein“ – diesen Ratschlag hat Anna häufig zu hören bekommen, wenn die Anfälle so stark wurden, dass sie im Unterricht bat, nach Hause gehen zu dürfen. „Als ob ich das nicht schon so oft probiert hätte“, sagt die Jugendliche genervt. Teilweise schluckte sie täglich mehrere Tabletten. Wegen Übergebrauch an Medikamenten bekam sie erst recht Kopfschmerzen. Ein Teufelskreis, den sie nun mit professioneller Hilfe zu durchbrechen versucht.

2200 Kinder im Südwesten wegen Schmerzen in Behandlung

Seit einigen Tagen ist Anna daher stationär im Kinderschmerzzentrum Baden-Württemberg am Olgahospital des Klinikums Stuttgart. Dort lernt sie zusammen mit 15 weiteren Kindern und Jugendlichen, wie sie Medikamente richtig einsetzen und den Attacken sogar vorbeugen kann. Rund 200 Kinder werden hier pro Jahr auf Station wegen ihrer Schmerzen behandelt, weitere 1800 Betroffene in der Ambulanz.

„Es gilt vor allen Dingen, die Selbstwirksamkeit der Patienten zu stärken“, sagt Markus Blankenburg, Ärztlicher Direktor der pädiatrischen Neurologie, Psychosomatik und Schmerztherapie am Klinikum Stuttgart. Die Kinder werden in die Lage versetzt, ihr Leiden aktiv unter Kontrolle zu bringen – etwa mit Entspannungstechniken oder Biofeedback. „Sie sollen erfahren, wie wichtig es ist, selbst zu handeln, statt nur behandelt zu werden“, so Blankenburg.

Musiktherapie hilft bei Kopfschmerzen

Zwar gehört das Schmerzzentrum zu einem Krankenhaus, aber umsorgt wird hier keiner: Es gibt feste Therapiezeiten und Schulunterricht. Auch sonst geht es hier eher zu wie in einem Internat. „Wir haben Küchendienst, übernehmen morgens abwechselnd das Wecken der anderen oder decken zu Essenszeiten den Tisch“, sagt Anna. Schwänzen gilt nicht. Auch nicht, wenn man sich vor Schmerzen im Bett verkriechen möchte.

Stattdessen trifft man sich in der Kreativwerkstatt oder im Musikzimmer. Hier wird gegen die Schmerzen angespielt – mit Trommeln etwa und E-Gitarre. Dass dies hilft, hat eine Studie des Deutschen Instituts für Musiktherapie-Forschung in Heidelberg ergeben. Demnach bringt Musiktherapie zwei Dritteln aller von Migräne betroffenen Kinder Linderung: Die Attacken gehen zurück oder verschwinden sogar.

Ursachenforschung bei Kopfschmerzen geht weiter

„Die Jugendlichen sprechen auf diese Art von Therapie besonders gut an, weil es nicht darum geht, Probleme in Worten auszudrücken, sondern in Klängen“, bestätigt Radoslaw Pallarz, der die Station leitet und die Musiktherapie betreut. Auch Anna will musizieren. Eigentlich spielt sie Querflöte. Hier möchte sie aber versuchen, ihre Gefühle und ihren Schmerz in einem Liedtext zu verarbeiten. Zusammen mit anderen Patienten soll dieser vertont werden.

Oft taucht bei solchen Projekten auch die Frage nach dem Warum auf. „Ich habe mich immer wieder gefragt, was mit mir nicht stimmt, warum gerade mein Körper so stark reagiert“, sagt etwa Lena. Die 17-Jährige, die ihren richtigen Namen ebenfalls nicht nennen möchte, ist genau wie Anna seit ein paar Tagen auf Station. Die Kopfschmerzen begleiten sie schon seit der Grundschule.

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Die Ursachen für Migräne und Spannungskopfschmerzen bei Kindern sind vielfältig: Wichtig ist eine gewisse Veranlagung mit familiärer Häufung, sagt der Zentrumsleiter Blankenburg. Auch belastende Lebensereignisse, ungünstige Verarbeitungsstrategien bei starker Anspannung und Hormone lösen derlei Attacken aus.

Schulstress ist oft ein Auslöser

Im Hinblick auf die Häufigkeit von Spannungskopfschmerzen vermuten Forscher noch einen weiteren Auslöser: Stress. „Die schulischen Verpflichtungen haben zugenommen, die Entspannung durch Freizeitaktivitäten oder freies Spiel sind dagegen häufig reduziert“, sagt Blankenburg. Es entsteht ein Ungleichgewicht, dass sich mit Schmerzen bemerkbar machen kann.

Was folgt, ist oft Rückzug: Lena berichtet, sie sei zuweilen tagelang gar nicht aus ihrem Zimmer gegangen. Die Schule konnte sie zeitweise nur noch sporadisch besuchen – und das, obwohl im Frühjahr das Abitur ansteht. Selbst für ihre Hobbys Zeichnen und Ballett fehle ihr oft die Kraft. Verabredungen mit Freunden seien schwierig: „Es kann immer sein, dass ich im letzten Moment absage, weil die Schmerzen so schlimm sind“, sagt Lena.

Kinder mit Schmerzen im Alltag einbeziehen

Von den Stuttgarter Therapeuten erhofft sie sich, Mittel und Wege zu finden, den Schmerz nicht ihr Leben bestimmen zu lassen. Auch ihre Familie wird in Therapiesitzungen einbezogen. Selbst mit den jeweiligen Schulen der Kinder stehen die Therapeuten in Kontakt. „Ernst nehmen, aber nicht aus dem Lebensalltag herausnehmen“, lautet dabei eine Devise von Blankenburg. „Es ist wichtig, Kinder mit chronischen Kopfschmerz stets in den Alltag einzubeziehen.“ Das Risiko besteht, dass sich bei Kindern und Jugendlichen mit chronischem Schmerz, die sich immer wieder aus dem sozialen Leben ausklinken, eine psychische Erkrankung entwickelt.

Aber eigentlich ist die Prognose bei Kindern selbst bei einer starken Beeinträchtigung gut: „Wenn wir nach dem stationären Aufenthalt ein paar Monate später nachfragen, zeigt sich, dass rund zwei Drittel der Patienten kein Schmerzproblem mehr haben“, sagt Blankenburg. Die verbleibenden rund 30 Prozent leiden zwar noch unter Kopfschmerzen, doch die meisten wissen nun, wie sie damit umgehen können.

Anmeldung in der Schmerzambulanz

Hilfe
Das Schmerzzentrum Baden-Württemberg für Kinder und Jugendliche ist dem Olgahospital des Klinikums Stuttgart, Kriegsbergstraße 62, angegliedert.

Anmeldung
Für die Schmerzambulanz anmelden, kann man sich telefonisch unter der Nummer 0711 / 26 39 23 62.

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