Musik im Fernsehen Pling, plang, plong

Eine gute Filmmusik ist kinderleicht? Wer’s glaubt... Foto: Imago

Für gute Filmmusik gibt es jedes Jahr einen Oscar. Schlechte gibt’s im deutschen Fernsehen, meint unser Kolumnist Tim Schleider.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Es gibt offenbar im fortschreitenden Alter tatsächlich den Effekt, dass bestimmte Dinge zu nerven beginnen, die einem früher gar nicht aufgefallen wären. Bei mir ist es zum Beispiel die ölige Musik, mit der das deutsche Fernsehen fast alle seiner Filme unterlegt, häufig von der ersten bis zur letzten Minute, laut, aufdringlich, übergriffig. Wenn eine lustige Szene kommt, ist die Musik lustig. Wenn eine spannende kommt, sagt sie: Achtung, jetzt wird es spannend! Wenn im Film irgendwas Unheilvolles dräut, dräut auch die Musik unheilvoll. Und zwar von der ersten Sekunde an – bevor irgendein Schauspieler auch nur die Chance hatte, irgendwas zu machen, verrät die Musik schon: Ha, Zuschauer, freu Dich, der macht gleich ulkige Faxen! Der schlimmste Albtraum, den deutsche TV-Filmredaktionen haben, ist offenbar dieser: Ein Zuschauer, der allein nur durch das Spiel der Schauspieler und die Bilder der Kamera die Geschichte selbst zu deuten versucht.

 

In den Dokus ist es noch schlimmer

Im ach so beliebten Genre der TV-Doku ist das alles noch viel schlimmer. Kein Naturfilm, der ohne ein spätromantisches Klanggewitter auskommt, damit auch der letzte Demel merkt: Oh, die Natur, wie erhaben! Und kein Geschichtsfilm über die NS-Zeit, bei dem nicht pausenlos die Pauker pauken.

Am Montag war ich fest entschlossen, beim Bügeln im ZDF die David-Glattauer-Romanverfilmung „Ewig Dein“ anzuschauen, vor allem wegen der Hauptdarsteller Julia Koschitz und Manuel Rubey. Es geht darin um eine Frau, die fasziniert ist von einer Alltags-Zufalls-Bekanntschaft mit einem attraktiven, charmanten Mann, sich deshalb auf mehr einlässt – und zu spät bemerkt, wie sich die Beziehung langsam ins Übergriffige und Bedrohliche entwickelt. Das spannende Thema wäre also doch diese Allmählichkeit, der offenbar eben nicht (!) merkliche Übergang vom Schönen zum Schrecklichen. Aber genau das mag das ZDF dem Zuschauer wohl nicht zutrauen. Deswegen macht die Filmmusik gleich in den ersten Minuten und zu den ersten Szenen ein unheilvolles „pling, plang, plong“, damit auch jeder gleich weiß, was diese Frau auf dem Bildschirm mal wieder nicht checkt, nämlich: Sie ist in Gefahr. Und zwar grundsätzlich und von Anfang an.

Zum Glück gibt es ja noch Arte

Tut mir leid, das ertrag ich nicht mehr – und hab weiter gezappt bis zu Arte, wo zum ich-weiß-nicht-wievielten Mal „Gefährliche Liebschaften“ von Stephen Frears lief, und es war genauso gut wie immer. Der Brite George Fenton hat für den Film 1988 eine großartige und keineswegs knappe Filmmusik geschaffen, die aber in keiner Szene das unglaubliche Kammerspiel von Glenn Close und John Malkovich doppelt oder gar vorwegnimmt, sondern es aufgreift und weiterführt, zuspitzt, zum eigenen Bild macht. Und an entscheidenden Stellen vollkommen schweigt.

Summa summarum: Im guten Kino trägt die Musik zum Gesamtkunstwerk bei – deswegen gibt es auch einen Oscar für die beste Filmmusik. Im deutschen TV-Film dagegen scheint die Musik den Schauspielern vorzuschreiben, was sie zu spielen haben. Und ich befürchte, dieses Misstrauen in die autonome Urteilskraft des Zuschauers ist längst bestimmend für die ganze Anstalt Fernsehen.

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