Musik-Label in Waldenbuch Mit 32 Mikrofonen zum perfekten Sound

Der Tonmeister vor seinem Equipment. Foto: Stefan Gawlick

Der Musiker und Tonmeister Stefan Gawlick betreibt in Waldenbuch ein Label mit überraschendem Namen – Perfect Noise ist eine Alternative zu den großen Klassiklabels.

Das Label Perfect Noise hat einen Sitz in einem Waldenbucher Wohnhaus. 36 CDs hat Stefan Gawlick dort bereits produziert, für sein Label Perfect Noise, 25 weitere für Auftraggeber wie Naxos, den WDR, Deutschlandfunk, Radio Bremen. Ein Studio benötigt Gawlick nicht – er vereinbart mit Musikern Aufnahmeorte in ganz Deutschland, reist an mit einer mobilen Ausrüstung. Er ist viel unterwegs – als Musiker, als Tonmeister.

 

Geboren wurde Stefan Gawlick 1969 in Ludwigshafen. In Berlin studierte er klassisches Schlagzeug für Orchester. „Berlin“, sagt er, „besitzt in Deutschland neben Detmold die einzige Hochschule, an der man Tonmeister studieren kann. Die Tonmeisterräume befinden sich gleich neben den Schlagzeugräumen. Ich war häufig als Gasthörer bei den Tonmeistern.“ Viel später dann sollte Stefan Gawlick einen der Berliner Professoren wiedertreffen, der ihn ermutigte, sich selbst in diese Richtung zu entwickeln. „Er sagte mir, ich hätte ein Händchen dafür.“

Wenig Hall in der Waldenbucher Stadtkirche St. Veith

Das liegt 25 Jahre zurück. Gawlick lebte zunächst in Köln, lernte dort seine Frau kennen. Sie war es, die schließlich ein Arbeitsangebot in Stuttgart bekam. Das Paar zog 2008 nach Waldenbuch, erwarb schließlich ein Haus, blieb. Ein wenig Schicksal mag dabei mitgespielt haben, denn Stefan Gawlick ist von der alten Waldenbucher Stadtkirche St. Veith schlicht begeistert: „Sie hat einen sehr trockenen Klang, mit wenig Hall. Das ist nicht in vielen Kirchen so. Oft ist dort der Nachhall so stark, dass jedes Detail verloren geht.“

Stefan Gawlick entschloss sich vor zehn Jahren, Perfect Noise zu gründen, um klassischen Musikern die Möglichkeit zu geben, ihre Ideen unabhängig von den großen Labels des Marktes zu veröffentlichen. Früher ganz unüblich, entstand in den vergangenen 20 Jahren eine Anzahl solcher Labels auch im Klassik-Bereich, mit gutem Grund: „Große Labels geben viel Geld aus für große Künstler. Die kleinen müssen viel Geld mitbringen.“

Weniger bekannte Musiker mit künstlerischer Verantwortung

Nicht nur dies: Die Großen geben den Kleinen oft kaum Möglichkeiten, auf die künstlerische Gestaltung des Produkts einzuwirken. Dabei kann es um die Gestaltung der CD, des Booklets gehen, aber auch um die Aufnahme. „Das ist vielleicht okay, wenn man ein berühmter Musiker ist, und gut bezahlt wird. Weniger bekannte Musiker haben aber vielleicht Jahre gespart, um sich einige Aufnahmen leisten zu können, und haben sich ihr Programm sehr gut überlegt. Sie wollen die künstlerische Verantwortung nicht an der Tür abgeben.“

Aufnahmen für die Seelentrost-CD in der Kirche Maria am Wasser in Dresden Foto: Stefan Gawlick

Zwischen Stefan Gawlick und seinen Auftraggebern gehen Aufnahmen und Korrekturlisten hin und her. Eine Grafik-Agentur in Bremen kümmert sich im Dialog mit den Künstlern um die Gestaltung der CDs. In Bremen findet sich auch Gawlicks liebster Aufnahmeort, der ehemalige Sendesaal von Radio Bremen, nun in privatem Besitz. Auch der Reitstadl in Neumark bei Nürnberg gehört zu seinen Favoriten, der Saal der Bundesakademie in Trossingen, der Orchesterprobensaal der Württembergischen Philharmonie in Reutlingen, der große Saal im Stuttgarter Theaterhaus. Stefan Gawlick bespricht mit den Musikern die Voraussetzungen einer Aufnahme, ein Mikrofonierungsplan entsteht. Gemeinsam wird ein geeigneter Saal gefunden, und der Tonmeister reist an, gut ausgerüstet: „Stative, Mikrofone, Lautsprecher, Interfaces, Vorverstärker, Kabel, Computer – ein komplettes mobiles Studio.“

Auftritte mit der Akademie für Alte Musik oder dem Barockorchester

Manchmal, bei kleinster Besetzung, einer Laute beispielsweise, genügt eine Stereomikrofonierung mit zwei Mikrofonen; bei Orchesteraufnahmen kommen bis zu 32 Mikrofone zum Einsatz. „Der Klang muss weit und dicht genug sein. Man versucht, den Raumklang und zugleich die Details einzufangen. Wenn man diesen Punkt gefunden hat, braucht man nichts mehr.“

Stefan Gawlick trat, als Musiker, mit den English Baroque Soloists auf, mit der Akademie für Alte Musik in Köln, dem Collegium 1704 in Prag, dem Freiburger Barockorchester; er ist Mitglied und Gesellschafter bei Concerto Köln. Der Großteil der Künstler, die ihn als Tonmeister engagieren, stammt ebenfalls aus diesem Bereich. „Allmählich bekommen wir auch Anfragen aus anderen Bereichen“, sagt er. Längst betreibt Gawlick Perfect Noise in Zusammenarbeit mit der Bremer Flötistin Barbara Heindlmeier.

Künstler aus Österreich, Schweden, Russland oder den USA

„Wenn man solche Musik macht, dann wird man vor dem Mikrofon sehr sichtbar, auch als Mensch“, sagt Stefan Gawlick. „Dazu braucht es ein gutes Vertrauen.“ Die Künstler, die sich von Perfect Noise produzieren lassen, kommen auf Empfehlung, haben in Musikerkreisen von dem Label gehört. Zu ihnen gehört Jacob Leuschner, der 2021 beim Böblinger Pianistenfestival begeisterte, gehören Musiker, Komponisten und Ensembles aus Österreich, Schweden, Russland, den USA, Rumänien, Ungarn und natürlich Deutschland. 2022 produzierte Gawlick ein Album, auf dem das Ensemble Il Giratempo gemeinsam mit der Sängerin Laila Salome Fischer und dem Jazzpreisträger Magnus Mehl zu hören ist – ein Crossover zwischen Jazz und Alter Musik.

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