Musik und Kirche in Esslingen Königin der Instrumente braucht Pflege
In der Oberesslinger Martinskirche wird die Weigle-Orgel geputzt, gewartet und klanglich verbessert. Einer fragt sich: Ist das noch Handwerk oder schon Kunst?
In der Oberesslinger Martinskirche wird die Weigle-Orgel geputzt, gewartet und klanglich verbessert. Einer fragt sich: Ist das noch Handwerk oder schon Kunst?
Lange Orgelpfeifen lagern auf den Kirchenbänken und auf der Empore, zu Registern zusammengefasste kürzere Orgelpfeifen stehen beim Lesepult, hinter dem Altar ist eine große Werkbank aufgebaut, Materialien stapeln sich im Chor, Werkzeugkiste reiht sich an Werkzeugkiste. „In der Martinskirche finden die Gottesdienste derzeit auf der Baustelle statt“, erzählt der Oberesslinger Pfarrer Stefan Cohnen lachend.
Seit Ende September ist eine Orgelbauspezialfirma mit der Generalsanierung der 1958 eingeweihten Weigle-Orgel op. 1007 beschäftigt. Am zweiten Advent wird sich das Instrument im Gottesdienst zum ersten Mal geputzt, saniert und neu gestimmt in neuer Klangfülle präsentieren.
„Orgelwerkstätten sind echte Manufakturen, da wird alles von Hand gearbeitet. Für mich sind Orgelbauer Handwerker und Künstler zugleich“, erklärt Martinskirchen-Organist Walter Schimpf bewundernd. Orgelbauer bearbeiten Holz, Metall, Filz und Leder, sie kennen sich mit Elektrik aus, und sie müssen sowohl ordentlich zupacken können als auch ein Händchen für äußerst filigrane Arbeiten haben.
Während die längste der Oberesslinger Orgelpfeifen fünf Meter misst, bringt es die kürzeste gerade mal auf einen Zentimeter Länge. Bei diesem großen „Kundendienst“ wird jede der 2323 Orgelpfeifen ausgebaut und einzeln mit Pinsel, Bürsten und Staubsauger abgestaubt und gereinigt. „Größere eingestaubte Pfeifen klingen dumpfer, eine ganz kleine verstaubte Pfeife gibt überhaupt keinen Ton mehr von sich“, erklärt Orgelbaumeister Ralph Krauter von der Pforzheimer Meisterwerkstätte für Orgelbau Krauter & Teichmann, die die Sanierung übernommen hat.
Während Krauter und sein dreiköpfiges Team in der Martinskirchenorgel nur auf Staub und Spinnweben gestoßen sind, haben sie bei solchen gründlichen Putzaktionen anderswo durchaus bereits Überraschungen erlebt: „In das Orgel-Innere kommt jahrelang nur der Orgelbauer zum Stimmen hinein, das ist also ein ruhiges Plätzchen für allerhand Getier. Wir haben auch schon tote Eulen, Siebenschläfer und eine skelettierte Ratte entdeckt.“
Alle 15 bis 20 Jahre ist eine solche Generalsanierung fällig, bei der sämtliche Hauptteile der Orgel – Pfeifenwerk, Windsystem, Spielsystem und Elektrik – gereinigt und bei Bedarf repariert werden. Vieles wird direkt vor Ort in der Kirche erledigt, anderes, wie etwa die Klaviaturen mit den drei Manualen, wird zur Überarbeitung in die Werkstatt abtransportiert. „Die Windanlage wird auf Windverlust geprüft, Leckstellen werden abgedichtet, und die Belederung wird, wenn nötig, instandgesetzt“, erläutert Kirchenmusiker Walter Schimpf.
In der Elektrik wurden aus Sicherheitsgründen eine Kleinspannungsabsicherung und eine neue Pedalbeleuchtung eingebaut. Die bis zu vier Meter langen Abstrakten werden durch neue ersetzt. Diese schmalen Holzleisten übertragen den Tastendruck auf die Pfeifenventile. „Die neuen sind viel leichter zu spielen und nicht mehr so schwergängig, das wird der Organist deutlich merken“, verspricht Ralph Krauter.
Eine besondere Herausforderung für die Orgelbauer ist in Oberesslingen die Position des Instruments: Als 1953 die evangelische Martinskirche um- und ein neuer Chor angebaut wurde, platzierte man die neue Orgel der Echterdinger Firma Weigle vorne links neben dem Altar. „Das ist für eine Orgel, die ja häufig als die ‚Königin der Instrumente‘ bezeichnet wird, ungewöhnlich. Da ist wenig Platz, die einzelnen Bestandteile der Orgel wurden zum Teil übereinander verschachtelt. Innendrin ist es sehr eng, das macht das Arbeiten für uns schwierig“, erklärt Ralph Krauter.
So konnte er erst nachdem einige Pfeifen ausgebaut worden waren über eine Leiter ins etwa zehn Meter hohe Orgel-Innere einsteigen. Dass er dort oben einen versteckten, bislang ungenutzten Raum entdeckte, erstaunte ihn: „Da wäre durchaus Platz für eine Erweiterung der Orgel gewesen. Schade, dass diese Chance damals nicht genutzt wurde.“
Unter dem Motto „Unsere Orgel soll schöner klingen“ möchte die Oberesslinger Kirchengemeinde bei dieser Sanierung auch den Klang der Orgel verbessern. Deshalb werden in Absprache mit dem die Kirchengemeinde beratenden Orgelsachverständigen auch einige technische Verbesserungen vorgenommen: So wird in ein weiteres, gebraucht erworbenes Register investiert, das den Tonumfang erweitert, die Intonation verbessert, für mehr Volumen sorgt und dem Organisten neue Möglichkeiten eröffnet.
„Für Fachleute ist nach so einer Sanierung tatsächlich ein Unterschied hörbar. Für Laien wahrscheinlich eher weniger. Wobei uns Gemeindemitglieder ganz oft rückmelden, dass die Orgel hinterher viel schöner klingt. Eine Kirchenorgel ist eben immer stark mit Emotionen verbunden“, erzählt Ralph Krauter. Nicht umsonst wurden Orgelbau und Orgelmusik 2017 von der Unesco in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Kosten
Rund 66 000 Euro Gesamtkosten werden für die Orgelsanierung in rund 950 Arbeitsstunden kalkuliert. Pfarrer Stefan Cohnen muss angesichts von „Wünschen, Notwendigkeiten und Realitäten“ die Finanzen im Blick behalten. In Absprache mit dem Orgelsachverständigen, dem Organisten und dem Kirchengemeinderat habe man jedoch „einen sehr guten Kompromiss“ gefunden.
Finanzierung
Die Gesamtkirchengemeinde trägt die Kosten für die Ausreinigung und die Verbesserung der Leichtgängigkeit (rund 45 000 Euro). Für die Kosten der klanglichen Verbesserungen kommt die Martinskirchengemeinde mit rund 7 000 Euro aus der Orgelrücklage und etwa 14 000 Euro durch Benefizkonzerte renommierter Musiker und Spenden auf. Stefan Cohnen betont: „Wir haben unser Spendenziel fast erreicht. In unserer Kirchengemeinde ist die klassische Kirchenmusik noch sehr wichtig.“
Einweihung
Die generalsanierte Martinskirchenorgel wird am zweiten Adventssonntag, 7. Dezember, in Gottesdienst und anschließender Matinee durch Kirchenmusiker Walter Schimpf präsentiert. Weitere Informationen unter www.evang-kirche-oberesslingen.de/ueber-uns/kirchen-und-gemeindehaeuser/die-martinsorgel