Musik und Kultur Die Homentaschn – die wohl außergewöhnlichste Band in der Region

Wohl eine der außergewöhnlichsten Bands der Region: Rainer Albrecht, Götz Engelhardt, Roland Wunderlich und Harald Schnabel (von links). Foto: privat

Vier Musiker aus dem Kreis Ludwigsburg spielen seit 2001 traditionelle jiddische Musik – inspiriert von Purim-Gebäck und alten Freundschaften.

„Homentaschn“ sind traditionelles, dreieckiges Gebäck zum jüdischen Fest Purim – benannt nach dem Hut des biblischen Offiziers Haman, dessen geplantes Pogrom an den Juden vereitelt wurde. Das süße Gebäck aus Mürbeteig mit Pflaumenfüllung erinnert an diese Geschichte. Der Buchstabe „e“ im Wort fehlt, typisch für gesprochenes Jiddisch. Obwohl noch kein Purim ist, hat Musiker Roland Wunderlich an einem kalten Wintertag für den Besuch eigens Homentaschn gebacken – mit etwas Geschick: Kreise ausstechen, Ecken umknicken, backen.

 

Wunderlich ist einer von vier Mitgliedern der Band „Homentaschn“ aus dem nördlichen Landkreis Ludwigsburg – die Gruppe zählt zu den wenigen, die traditionelle jiddische Musik spielen. Warum der Name? „Die Homentaschn sind mit dem Purim-Fest verbunden – einem Fest der Freude. Genau diese Freude wollen wir dem Publikum vermitteln“, so die Bandmitglieder.

Jahrzehnte gemeinsame Musik

Mit jiddischer Kultur und Musik der osteuropäischen Juden beschäftigen sich Wunderlich und Albrecht schon, seit sie sich beim Studium in Tübingen kennengelernt haben – vor 50 Jahren. Zur jiddischen Musik kamen sie über die Gruppe „Zupfgeigenhansel“, damals bekannt für ihr deutsches Liedgut vor 1848. „Die haben aber auch eine Platte mit jiddischen Liedern aufgenommen, und diese Art Musik hat uns sofort fasziniert“, erinnert sich Rainer Albrecht. Albrecht und Wunderlich musizieren schon seit Jahrzehnten.

Albrecht und Wunderlich musizieren schon seit Jahrzehnten. „Wir beide haben schon in den 1990er Jahren zusammen auf einer Geburtstagsfeier gespielt“, erinnern sich die beiden Männer. Sie hielten Kontakt, auch als sich ihre Wege beruflich trennten und beide eine Familie gründeten. Beide wohnten nicht weit auseinander – und ihre gemeinsame Musik nahm um die Jahrtausendwende wieder Fahrt auf.

Nach diesem Gebäck ist die Band benannt – die Homentaschn. Foto: privat

Mit dem Violinisten Götz Engelhardt, einem Profi-Orchestermusiker und Nachbarn von Wunderlich, formierte sich erst ein Trio. Das spielte unter anderem in Kleiningersheim, dem Wohnort von Harald Schnabel. „Er hat sofort Feuer gefangen für diese Art Musik“, erinnert sich Rainer Albrecht an den Einstieg Schnabels. Der Klarinettist und Saxophonist vervollständigte kurze Zeit später das Quartett – 2001 wurden die „Homentaschn“ offiziell gegründet.

Seitdem spielen die vier in derselben Besetzung – und haben inzwischen rund 150 Konzerte „zwischen Stuttgart, Lauffen und Heilbronn“ gegeben. Geprobt wird zweiwöchentlich bei Albrecht in Lauffen – für alle gut erreichbar.

Auftrittsmöglichkeiten gibt es genug

Harald Schnabel, wie Wunderlich und Albrecht vielseitig begabt, bringt Abwechslung in die Konzerte – besonders liebt er die Klarinette, ideal für Klezmer-Musik. Götz Engelhardt schreibt viele Arrangements; Melodien und Texte kommen aus Liederheften oder werden von Aufnahmen abgehört.

Wunderlich und Albrecht sind das Fundament der Gruppe. „Die Begleitungen werden nicht aufgeschrieben, sondern spontan entwickelt“, sagt Albrecht. Die beiden verstehen sich nach all den Jahren blind – ein Vorteil, wenn nicht alle Termine für das komplette Quartett machbar sind. Wichtig ist eine solide klangliche und rhythmische Basis – und dass die Arrangements für verschiedene Besetzungen funktionieren.

Auftrittsmöglichkeiten mussten sie nie aktiv suchen – ein Glücksfall. „Meist sprechen uns Leute direkt nach einem Konzert an.“ Kein Wunder: Ihre Musik spricht die Zuhörer emotional unmittelbar an – und sorgt für Gänsehaut im Saal.

Trotz ihres Alters wollen die vier immer weiter dazulernen. Nicht nur, weil Albrecht viele Jahre eine Volkshochschule leitete. Das Quartett nahm jahrelang am „Yiddish Summer Festival“ in Weimar teil – traf Gleichgesinnte, trainierte Aussprache, lernte neue Kompositionen. „Es gibt immer neue Lieder“, freuen sich Albrecht und Wunderlich. Denn – und das ist ihnen wichtig: „Jiddisch ist nicht tot, sondern immer wieder aktuell.“

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