Musikalische Premiere in Esslingen „Die Arbeit mit dem Chor macht mir großen Spaß“

Der Oratorien-Verein Esslingen begeisterte in der Stadtkirche mit weihnachtlicher Musik. Foto: kell

Tobias Flick feiert als musikalischer Leiter des Oratorien-Vereins Esslingen eine beeindruckende Premiere. Welche Herausforderungen er meisterte und wie das Publikum reagierte.

Für Tobias Flick hat sich ein Kreis geschlossen: In seiner Jugend hat er von 2005 bis 2007 einst selbst im Oratorien-Verein Esslingen (ORA) mitgesungen, seit Mai dieses Jahres ist er nun der musikalische Chef des renommierten Vereins. „Die Arbeit mit dem Chor und dem Streichorchester des ORA macht mir großen Spaß“, sagt Flick, der im Hauptberuf als Lehrer für Musik und Deutsch am Hölderlin-Gymnasium in Nürtingen wirkt, welches auch ein Musikprofil anbietet.

 

Für das erste große Konzert mit dem Oratorien-Verein unter dem Motto „Es ist ein Stern erschienen“ hat Flick mit Josef Gabriel Rheinbergers 1891 geschriebener Weihnachtskantate „Der Stern von Bethlehem“ ein stimmungsvolles lyrisches Werk ausgesucht, das am Abend des dritten Advents die Zuhörer in der Esslinger Stadtkirche begeisterte. In romantischer Tonsprache mit neobarocken Zügen zaubert Rheinberger in den neun Abschnitten des Werks eine Stimmung von besonderem Reiz: Die frohe Botschaft von Christi Geburt wird in volkstümlichem Ton überbracht.

Kunstvolle Kantate begeistert mit pastoralen Chören

Alle Teile der poetischen Kantate, die Rheinberger zu einem Text seiner Frau Franziska von Hoffnaaß geschrieben hat, sind kunstvoll durchkomponiert und stellen dem Chor dankbare Aufgaben. Neben den innigen Sopranpartien und dem exotisch anmutenden Zug der Weisen durch die Wüste sind die pastoralen Chöre tragende Stützen des weihnachtlichen Geschehens.

„Ich habe bewusst ein Werk ausgesucht, das ins Ohr geht, und dabei den Chor nicht vor unlösbare Herausforderungen stellt“, erzählt Flick. Eine gute Entscheidung, welche die Grundlage einer stimmigen und durchdachten Wiedergabe legte.

Junge Talente beleben den Oratorien-Verein Esslingen

Eine wesentliche Aufgabe sieht der neue ORA-Chef darin, den Transformationsprozess des Vereins voranzubringen und einer drohenden Überalterung seiner Ensembles entgegenzuwirken. Deshalb war es sehr erfreulich, dass sowohl im Chor wie auch im Orchester zahlreiche junge Menschen mitwirkten.

Bereits im eröffnende „Erwartung“ überzeugte der homogene, in den Stimmgruppen gut abgestimmte Chorklang. Man spürte, dass in der Vorbereitung sorgfältig gearbeitet worden war, und dass Flick großen Wert auf dynamische Differenzierung legt. Die Melodielinien waren hier ebenso spannungsvoll gezogen wie im Chorsatz „Die Hirten an der Krippe“ und in den zupackenden Passagen von „Der Stern“. Im optimistischen Szenario des Schlusssatzes „Erfüllung“ lief der Chor des Oratorienvereins dann zu großer Form auf.

Flicks klare Leitung sichert harmonischen Chorklang

Flick hielt seine engagiert musizierenden Ensembles mit klarem Schlag auf sicherer Spur und sorgte mit klangformender Gestik für stimmige Phrasierungen. Über weite Strecken stimmte die Intonation der Choristen, und auch wenn sich der Klang in lautere Dimensionen öffnete, blieb die vokale Qualität erhalten. Das erweiterte Orchester des ORA sekundierte, ungeachtet einiger intonatorischer Unschärfen, zuverlässig und mit mannigfachen instrumentalen Farbschattierungen.

Von den Gesangssolisten überzeugten insbesondere Johanna Baier (Engel, Maria) und Lisa Hähnel (Hirte) mit ihren unterschiedlich gefärbten Stimmen. Beide Sopranistinnen zogen mit fein timbriertem Vokaleinsatz und metallischer Strahlkraft helle Melodiespuren, die die Seele der Zuhörer im Innersten berührten.

Wachtlers Terzett verzaubert mit betörendem Wohllaut

Marius Wachtler steuerte baritonale Töne bei, in der Tiefe volltönend, in den Höhenlagen stimmlich jedoch nicht ganz frei. Ein besonderes Schmankerl brachte die Anbetung der Weisen. Hier vereinten sich zwei Chorsolisten mit Wachtler zu einem Terzett, das für betörenden vokalen Wohllaut sorgte.

Im zweiten Konzertteil änderte sich dann die Klangaura. Obwohl Rheinbergers Weihnachtskantate und Hugo Wolfs Hymnus „Christnacht“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur selben Zeit entstanden sind, befleißigt sich Wolf einer wesentlich moderneren Tonsprache, die dem Chor in puncto harmonischer Strukturen und den extremen Höhenlagen der Soprane anspruchsvolle Aufgaben stellte.

Doch alle Klippen wurden souverän umschifft, und im Zusammenwirken mit den souverän agierenden Vokalsolisten entstand ein stabiles Klanggebäude. Es gab viel Beifall in St. Dionys, und am Ende konnte man feststellen: Die Premiere des neuen musikalischen Chefs ist gelungen.

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