Musikdoku bei Arte Kleines Label, großer Soul

Aus Memphis kam in den 60er und 70er Jahren zeitlos tolle Musik: der Soul von Stax Records. Eine kleine Doku auf Arte erzählt, wie die Heimat von Otis Redding, Sam & Dave und anderem Soul-Adel aus dem Projekt einer Country-Klitsche entstand.

Heute ein Museum: Das Hauptquartier von Stax Records  in Memphis Foto: Jean-Gabriel Leynaud/Flair Production
Heute ein Museum: Das Hauptquartier von Stax Records in Memphis Foto: Jean-Gabriel Leynaud/Flair Production

Stuttgart - Jim Stewart, ein weißer Kleinfarmersohn aus Tennessee, hätte eigentlich froh sein müssen, es bis zu einem Schreibtischjob in einer Bank in Memphis gebracht zu haben. Aber der Mann, der so gerne Fiedler er in einer halbwegs erfolgreichen Countryband sein wollte, aber allmählich einsah, dass seine Unfähigkeit, den Takt zu halten, dafür ein ziemliches Hindernis darstellte, langweilte sich im Büro. Wenn er schon nicht selbst Musiker werden konnte, wollte er wenigstens selbst ein paar Countryplatten produzieren. Nach glücklosen, halbgaren Anfängen mit ein paar Kumpeln konnte Jim Stewart seine Schwester Estelle Axton überreden, 1958 ihr Erspartes zu riskieren. Ein funktionierendes Country-Label entstand daraus zwar nicht, aber famoser- und ungeplanterweise eine der wichtigsten Brutstätten afroamerikanischer Musik: Stax Records.

Durch Zufall ins Getto

Die knapp einstündige Dokumentation „Stax Records – Wo der Soul zu Hause ist“ von Stéphane Carrel und Lionel Baillon erzählt die Geschichte dieses Labels notwendigerweise stark verkürzt, aber mit den exakt richtigen und zeitgemäßen Akzenten. In den Büroräumen, in der Studioband, im zugehörigen Plattenladen, der das Projekt anfangs über Wasser halten sollte, arbeiteten bald Schwarz und Weiß zusammen. Und die Musik, die von Stax und ausgerechnet aus der immer noch sehr rassistischen Südstaatenmetrople Memphis kam, lieferte der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre ihren Soundtrack. Und sie brach draußen in der Gesellschaft Barrieren zwischen Schwarz und Weiß nieder.

Otis Redding, Isaac Hayes, Carla Thomas, Rufus Thomas, The Bar-Kays, Sam and Dave, Eddie Floyd und natürlich Booker T and the MGs sind nur ein paar der großen Namen, die mit Stax verknüpft sind. Aber das Ganze kam nicht aufgrund irgendwelcher Planungen, politischer Ambitionen oder klarer Weltverbessrungskonzepte zustande. Jim Stewart und Estelle Axton brauchten schlicht eine bezahlbare Immobilie, in der sie Studio, Büros und Laden unterbringen konnten. Die fanden sie in Gestalt eines ehemaligen Kinos, des Capitol Theater. Dass es an der East McLemore Avenue lag, mitten im Schwarzengetto von Memphis, in der ehemaligen Boxtown, der einst hastig hochgezogenen Siedlung für freigelassene Sklaven aus dem ganzen Süden, schien anfangs kein glücklicher Umstand, sondern ein verschmerzbarer Nachteil zu sein.

Überraschung im Studio

Aber die Nachbarschaft machte sich bemerkbar. Junge Schwarze kamen herbei, kauften nicht nur Singles, sondern erzählten gern, eigentlich hätten sie auch ein paar Songs drauf. Stewart ließ sich davon rasch überzeugen, holte mit Al Bell einen begnadeten Strippenzieher und Labelmanager an Bord. Und auch Al Bell konnte kaum glauben, was er im Studio sah: Die so erdig klingende, so tief in Gospel, Blues und Soul getauchte Studioband, die hinter den Sängern des Labels den modernen schwarzen Sound des Südens definierte – bestand zur Hälfte aus Weißen.

Wie Stax dann mehrfach in die Krise geriet, wie die Einheit von Weiß und Schwarz in der immer aufgeheizteren Atmosphäre in den USA Sprünge bekam, wie Stax ein Männerladen blieb, der weibliche Talente allenfalls auf dem zweiten Rang zuließ – das wird in der Kürze der Zeit nur angetippt. Aber für alle, die über Stax und die Stax-Ära bislang wenig wissen, ist dieser Film ein sehr schöner Einstieg. Und für jene, die schon regelmäßig Stax-Musik in der Playlist haben, bietet er ein paar wunderbare Originalaufnahmen von damals.

Ausstrahlung: Arte, Freitag, 26. Juni 2020, um 21.45 Uhr und Samstag, 4. Juli 2020, um 07.10 Uhr. Bereits in der Mediathek des Senders abrufbar – bis 25. August 2020.




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