Musiker Dominik Benzler im Porträt Im Zweifel für den Zweifel

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Ende der Neunziger galt der Musiker Dominik Benzler in Stuttgart als das nächste große Ding. Dann ging er nach Berlin – und war von der Bildfläche verschwunden. Nach 17 Jahren tritt der große Träumer nun erstmals wieder in seiner alten Heimat auf.

Vor 20 Jahren war Dominik Benzler als Musiker und Skater in Stuttgart ein Versprechen für die Zukunft. Jetzt will er es noch einmal wissen. Foto: Timo Bobert
Vor 20 Jahren war Dominik Benzler als Musiker und Skater in Stuttgart ein Versprechen für die Zukunft. Jetzt will er es noch einmal wissen. Foto: Timo Bobert

Stuttgart - Vor 20 Jahren war Stuttgart noch eine ganz andere Stadt. Auf der einen Seite eine „Großstadt zwischen Wald und Reben“ mit ordentlicher Kehrwoche, Bienzle-„Tatort“ und Trollinger-Viertel. Auf der anderen Seite ein Aufstand der Jungen: Der Hip-Hop-Zusammenschluss Kolchose hatte mithilfe seiner Vielstimmigkeit, als eine Art Spiegelbild der ethnischen Vielfalt dieser Stadt, ein anderes Stuttgart als „Benztown“ bundesweit bekannt gemacht.

Rund um das Radio-Barth-Gebäude am Rotebühlplatz konzentrierte sich diese neue Leichtigkeit. Das 0711-Büro gab dem Hip-Hop-Zusammenschluss Kolchose eine Struktur. In der Radio-Bar wurde nach der Devise gefeiert: Wer sich an die letzte Nacht erinnert, war nicht dabei. Im Soundshop konnte man den Soundtrack der Stadt kaufen. Und in der Firma Bonn, einem geschmackssicheren Ort für die textile Rüstung der Popkultur, konnte man die passenden Sneakers und Boards erwerben für die Hymne „Rolle mit Hip-Hop“, die damals im 0711-Club rauf- und runterlief.

Gesponsert von der Firma Bonn rollte Benzler durch die Straßen Stuttgarts

Mittendrin im Geschehen: Dominik Benzler. Als Skater rollte er gesponsert von der Firma Bonn durch die Straßen Stuttgarts, über eine Theodor-Heuss-Straße, anhand derer man gerade lernte, dass die Ader einer Innenstadt niemals als Stadtautobahn gedacht sein darf. Diese Nachhilfe erfolgte in den ersten popkulturellen Theo-Anrainern wie den 36 Kammern der Shaolin, einem Lokal mit Rap-Attitüde, oder dem Club Inner Rhythm, in dem mittwochs die Hip-Hop-Fans der Stadt feierten.

Als Musiker war Dominik Benzler anfangs von Hip-Hop so weit weg, wie es nur ging. Der heute 42-Jährige hatte sich in der siebten Klasse im Proberaum des Ernst-Siegle-Gymnasiums in Kornwestheim erstmals ans Schlagzeug gesetzt. „Bei meinem Nachbarn Thomas Mitzich habe ich dann auf einer Gitarre mit zwei Saiten Bassläufe gelernt“, erinnert sich Benzler. Nach und nach brachte er sich Schlagzeug, Bass und Gitarre selbst bei. ­Beeinflusst von den Indie-Rock-Bands Guided By Voices oder Talulah Gosh nahm er 1996 sein erstes Demotape auf. Bald ­wagte er sich unter dem Künstlernamen Biertrick auf die Bühne. Die Geschichte hinter dem eher ungewöhnlichen Namen? „Biertrick war das Erste, was mir als Name in den Sinn kam. Das war mir eher egal.“

Benzler war immer im Doppelpack unterwegs mit dem Künstler Harald Hermann

Benzlers Auftritte waren ein Versprechen für die Zukunft. Von der Kombination aus multiinstrumentalem Livepop und einer aufwendigen Super-8-Filmshow ging eine eigentümliche Kraft aus. Bei einer Biertrick-Show lag immer dieses aufgeregte Flimmern in der Luft, das man rational nicht erklären kann, wenn einem Künstler der große Wurf zugetraut wird.

Zu der Zeit war Dominik Benzler fast immer im Doppelpack unterwegs mit dem Künstler Harald Hermann. Beide kannten sich von der Schule. Der eine, Hermann, extrovertiert, laut, fordernd, klebte ganz Stuttgart mit einem Aufkleber zu, der einen Feuerkopf zeigte. Der andere, Benzler, zurückhaltend, leise, lebte scheinbar nach der Maxime „Im Zweifel für den Zweifel“, um es mit einem Songtitel der Hamburger Band Tocotronic zu sagen.