Musiker und Politiker Thorsten Puttenat Stuttgarts bunter Hund

Musiker, Politiker und Bandshirt-Träger: Thorsten Puttenat Foto: /Lichtgut/Ferdinando Iannone

Seit fünf Jahren ist er Stadtrat, Musiker schon immer. Am Samstag beendet Thorsten Puttenat als Teil von Putte und Edgar das „Klinke“-Festival im Merlin. Wer ist der Tausendsassa, den in Stuttgart (fast) alle kennen?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Für viele in der Stuttgarter Innenstadt ist Thorsten Puttenat einfach Putte: Jeder kennt ihn, und er ist sehr sichtbar. Zuletzt grüßte er für die Stadtisten erfolgreich von Wahlplakaten, am 31. August spielt er wie fast jedes Jahr zum Abschluss des „Klinke“-Festivals mit Putte & Edgar im Kulturzentrum Merlin. Wer also ist Thorsten Puttenat?

 

Als Musiker bezeichnet er sich, als Müßiggänger und Lokalpolitiker. „Inzwischen begrüßen mich viele Menschen mit ‚Ah, der Herr Stadtrat’“, sagt der Gerade-noch-49-Jährige mit dem schelmischen Lächeln beim Interview vor dem Kiezcafé Herbert’z. Als Musiker kennt man ihn deutlich länger. 1998 zog der Kaufmannssohn und Autodidakt von Weil im Schönbuch nach Stuttgart. Die bei Virgin veröffentlichte Single seines Hip-Hop-Projekts „Supersonnig“ war frisch gefloppt, Putte & Edgar schon Realität. Bei einem Konzert in Ulm hatte Puttenat den Schlagzeuger Edgar Lichtner kennengelernt, aus einem spontanen Jam wurde mehr, und ein Jahr später spielten die beiden in der Röhre ihr erstes Konzert.

In den 26 Jahren, die seither vergangen sind, gab es viele Auftritte und nur eine Handvoll Proben. „Für mich ist die Band eine Art Liebesbeziehung, wir verstehen uns blind auf der Bühne“, erzählt Puttenat. Wozu üben, wenn es eh jedes Mal funkt?

Crossover, bis heute

Das Konzept geht bis heute auf: Der begnadete Schlagzeuger Edgar trifft auf den improvisationsverliebten Entertainer Putte. Schon im Video zur „Supersonnig“-Single trägt Puttenat einen Kapuzenpulli von Radiohead, bis heute legt er Songschnipsel artverwandt sperriger Rockbands über dick aufgetragene Beats, dazu Synthesizer-Bässe und Technosounds – fertig ist ein zeitloser und kraftvoller Crossover-Sound aus den vermeintlich nicht kompatiblen Genres Rock und Elektro.

Diese Energie lasse sich nicht aufnehmen, sagt Puttenat. Auch wenn er es derzeit mal wieder versucht. Beim Projekt Russo und Putte mit der georgischen Musikerin Russudan Meipariani klappte es mit der Platte, im Juli stellten die beiden das Album „Interruption“ im Merlin vor. Ewig habe er, der Perfektionist, daran produziert, erzählt Puttenat. „Schon irgendwie schräg, weil es von den Verkaufszahlen her wohl eher kein Megahit wird.“

Er hat auch mal Filmmusik gemacht

Ist es nicht das größte Geschenk für einen Musiker, wenn das Finanzielle keine Rolle spielt? Ja schon, sagt Puttenat, „das Gemeinderatsamt hat mich da ehrlicherweise ein bisschen gerettet“. Mit der Auftrags- und Filmmusik, seinem früheren Standbein („Mein Bruder, der Vampir“, „Besser als Schule“), sei es kompliziert: Zur miserablen Bezahlung komme mangelndes Selbstvermarktungstalent. Mit Künstlicher Intelligenz lässt sich Gebrauchsmusik zudem billiger produzieren. Das drängt Künstler aus dem Markt.

2013 gründete er mit anderen die Partei Die Stadtisten, 2019 klappte es mit der Wahl in den Gemeinderat. Wie viel Putte steckt im Stadtrat Puttenat? „Es gab mal ein Foto von einer Rede, die ich in einem bunten T-Shirt gehalten habe. Da kamen dann Kommentare, wie man als Politiker so herumlaufen könnte“, erzählt er, „aber es wäre doch schräg, wenn ich mich verstelle“.

Weiterhin nur „Innenstadtisten“?

Klar, dass er beim Interview ein Bandshirt trägt, an diesem Tag vom US-Musiker Steve Lacy. Klar auch, dass er sich politisch um die Themen kümmert, die ihm und den Menschen in seinem Umfeld wichtig sind: Kulturförderung, Nachtökonomie, Zwischennutzung. Als „Innenstadtisten“ wurde seine Partei mal bezeichnet, weil ihre Anliegen die Menschen in den Außenbezirken vermeintlich nicht betreffen. Das Wahlergebnis vom 23. Juni bestätigt diese These. Warum interessiert es in Mühlhausen oder Birkach so wenige, wo und unter welchen Bedingungen sich der Stuttgarter Kulturnachwuchs und die alternative Szene ausprobieren und ausleben können?

So ganz genau weiß Puttenat es nicht. Aber er sagt: „Viele in Stuttgart sind extrem innenstadtfixiert.“ Beispiele? „Schon der Standort Ehmannstraße war vielen für die Interimsoper zu weit außerhalb.“ Ähnlich beim städtischen „Office Hub“, der anders als geplant nicht in Möhringen eingerichtet wird. „Eigentlich ist das provinziell, so zu denken“, findet Puttenat, „wenn in der City kein Platz ist, müssen wir den Radius erweitern“. Allein weil durch Stuttgart 21 viele Flächen und Spielorte weggebrochen seien. „In den 1990ern war die Subkultur schon einmal weiter“, glaubt er.

In der Subkultur ist Thorsten Puttenat heimisch, hier ein Foto von den damaligen Waggons am Nordbahnhof 2012. Foto: Archiv/Petsch

Bei kaum einem anderen Thema liegen in Stuttgart Kultur und Politik so übereinander. Trotzdem könne er beides trennen, sagt Thorsten Puttenat.

„Als Politiker treffe ich so viele Menschen. Abends gibt es nur die Musik und mich.“ Rechner, Keyboard, Mikro – mehr braucht er nicht, sein Arbeitsplatz steht direkt neben dem Bett. Platz wäre genug in seiner WG, aber Puttenat will es genau so. „Beim Musizieren komme ich in den Flow“, sagt er, das hilft ihm gegen die erst vor gut einem Jahr diagnostizierte Störung ADHS.

Die Zappelei steckt genauso in der Musik von Putte & Edgar wie der verspielte Spirit der Subkultur und die Einzigartigkeit des Konzertmoments, die keine KI jemals erzeugen kann. Ein bisschen Politik wird es im Merlin wohl auch geben. „Ich singe über das, was mir durch den Kopf geht“, sagt Thorsten Puttenat, „Demokratie, Gesellschaft, Stuttgart“. Vielleicht ist die Nacht vor den Wahlen in Thüringen und Sachsen die letzte Gelegenheit, zu solchen Themen ausgelassen zu tanzen.

Putte & Edgar: Samstag, 31. August, 20.30 Uhr, Kulturzentrum Merlin.

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