Musikerin aus Aichwald Die Geige des kleinen Mannes

Fast schon exotisch: Sonja Rauschers Instrument ist neben der Gitarre die Mandoline. Für den Juli ist ein Konzert in der Südkirche geplant. Foto: Marion Brucker

Die Mandoline ist das „Instrument des Jahres 2023“. Sonja Rauscher ist eine der wenigen im Kreis Esslingen, die sie in einem Orchester spielt. Die Schanbacherin gibt auch Unterricht, Musikernachwuchs zu gewinnen wird aber immer schwieriger.

„Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“, dieser Ohrwurm aus den 40er Jahren ist eines der Lieder, durch das den Menschen der Klang der Mandoline bekannt ist. Sehnsucht nach Meer und lauen Sommernächten in Italien wird damit heraufbeschworen. Kein Wunder – die Mandoline kommt ursprünglich aus Italien und trat von dort in der Barockzeit ihren Siegeszug durch ganz Europa an. Heutzutage ist sie eher ein Nischeninstrument. Doch das könnte nun anders werden. Für 2023 haben die Landesmusikräte, die Unterverbände des Deutschen Musikrates, die Mandoline zum „Instrument des Jahres“ auserkoren.

 

Es fehlt dem Orchester an Nachwuchs

„Ich war ganz überrascht, als ich es gehört habe“, sagt Sonja Rauscher. Die Schanbacherin ist eine der wenigen, die in einem Orchester im Kreis Esslingen Mandoline spielt. Alle 14 Tage freitags geht die 63-Jährige zur Probe des Esslinger Zupforchesters (ESZO) im Gemeindesaal der Südkirche in der Pliensauvorstadt. Dort spielen sieben Frauen und acht Männer, darunter neben Rauscher ein 88-Jähriger und ein 61-Jähriger Mandoline, die anderen Gitarre. „Zurzeit haben wir keinen, der Mandola spielt“, sagt Rauscher. Sie erklärt, dass dies das größere der beiden Instrumente ist, so wie das Verhältnis von Violine und Bratsche. „Die Mandoline ist wie die Geige gestimmt, die Mandola wie die Bratsche, eine Oktave tiefer. Aber im Gegensatz zu diesen seien Mandoline und Mandola nicht so populär.

Und so fehlt sowohl der Nachwuchs im Orchester – derzeit haben sie keine Mandola – als auch die Lehrenden. Deshalb hat Rauscher sich noch einmal dazu überreden lassen, Mandoline zu unterrichten, seit die Grund- und Hauptschullehrerin im Sommer 2021 in den Ruhestand ging. Im vergangenen Herbst haben sich fast gleichzeitig zwei Interessentinnen gemeldet. Eine davon hatte ihr Instrument wieder in der Rente entdeckt, die andere, eine Stuttgarterin, möchte gerne im Orchester mitspielen. „Ich habe es mir lange überlegt, da ich nicht vorhabe, groß einzusteigen“, sagt Rauscher. Sie hat ehemals neben ihrer Grund- und Hauptschullehrerausbildung Lehrgänge in Trossingen belegt für Mandolinen- und Gitarrenlehrer und bis 2002 auch die Instrumente unterrichtet. Jetzt unterstütze sie die beiden, dem Ensemble zuliebe.

Wie bei allen Musikvereinen sei es auch für das ESZO schwierig, Nachwuchs zu gewinnen. „Viele wollen sich nicht mehr regelmäßig terminlich binden oder spielen bereits in Musikschulen mit“, sagt Rauscher. Die Freizeitgestaltung habe sich geändert, seit sie jung waren, meint die 63-Jährige. Sie nimmt ihre Mandoline aus dem Instrumentenkasten und legt sie auf den Tisch. Es ist eine mit mandelförmigem Bäuchlein, die sogenannte neapolitanische Form. „Mir hat der Klang gefallen“, sagt Rauscher. Ihr Instrument hat sie in den 70er Jahren gekauft, nachdem ihr damaliger Gitarrenlehrer an der Musikschule Aichwald sie dazu animiert hatte, auch Mandoline zu lernen, weil das ehemalige Mandolinenorchester Esslingen Nachwuchs suchte.

Die Gitarre sei ihr Hauptinstrument, die Mandoline würde sie nie solistisch spielen. Das überlasse sie Menschen, die es studiert haben. Es gibt nur wenige Hochschulen, an denen dies möglich ist. Etwa in Wuppertal. Dort ist Caterina Lichtenberg Professorin für klassische Mandoline/Sopranlaute. Sie ist eine der bedeutendsten klassischen Mandolinisten der Welt. „Die meisten Menschen sehen die Mandoline als Volksinstrument, das nichts mit wertvoller Musik zu tun hat“, sagt Rauscher. Es sei die Geige des kleinen Mannes. Besonders beliebt war sie während der Zeit der Wandervögel. Das leichte kleine Instrument passte gut in einen Rucksack. Dabei sei es in der Barockzeit das Instrument des Hofes gewesen, für das komponiert wurde.

Das Orchester spielt Stücke aus allen Epochen

Und so spielt das ESZO Stücke aus allen Epochen. Derzeit übt Rauscher Peter Tschaikowskys Walzer Nr. 2. Das Stück ist für die Aufführung des nächsten Programms des ESZO geplant, ebenso wie das Lied „Music“ von John Miles und irische Kompositionen. Im Juli soll es voraussichtlich in der Südkirche stattfinden. Dort wollen die Musikerinnen und Musiker die Vielfalt des „Instrument des Jahres“ 2023 präsentieren.

Eine Alleskönnerin für fast jede Musik

Historie
Die Mandoline ist ein seit dem 17. Jahrhundert bekanntes Zupfinstrument und eine Nachfolgerin der Laute. Von der Mandoline existieren zwei Grundbauformen, die sich deutlich in der Form des Korpus unterscheiden: Die neapolitanische Mandoline, auch Rundmandoline genannt, hat eine flache, abgeknickte Decke, keine Zargen und einen schalenförmigen Korpus. Die portugiesische Mandoline ist eine Flachmandoline mit Zargen und leicht gewölbtem Korpus.

Gebrauch
Die Mandoline gilt als „Brückeninstrument“ zwischen der Volks- und der Kunstmusik. Wolfgang Amadeus Mozart ließ in der Oper „Don Giovanni“ seinen adeligen Schwerenöter mit der Mandoline die Frauenherzen bezirzen. Ludwig van Beethoven schrieb mehrere Stücke für Mandoline und Klavier (Cembalo) für Comtesse Josephine von Clary-Aldringen, die eine bekannte Sängerin und Mandolinenspielerin war. Von Anfang des 20. Jahrhunderts an wuchs ihre Beliebtheit wieder im Zuge der sogenannten Wandervogel-Bewegung; seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird sie vor allem im US-amerikanischen Bluegrass und Folk Rock eingesetzt. Das Besondere an der Mandoline ist: Man kann praktisch fast jede Musik auf ihr darstellen.

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