Frau Baez, Sie sagten vor vielen Jahren einmal, Sie seien keine Pessimistin, sondern Realistin. Dieser Tage scheint es keinen großen Unterschied zwischen den beiden zu geben, finden Sie nicht auch?
Vielleicht nicht. Das Interessante ist ja aber: Ich bin dennoch fest entschlossen, nicht unglücklich zu sein. Wenn ich nun also eine fleißige Pessimistin werde, ende ich doch nur mit einer ausgewachsenen Depression. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich der Meinung bin, dass meine Enkelkinder ein sorgenfreies Leben führen können, dann muss ich das dennoch verneinen. Die Frage ist also: Wie kann ich dennoch ein glückliches Leben führen? Wie kann ich lieben, wie kann ich für andere da sein, wie kann ich lachen und tanzen, wie kann ich die Welt verändern?
Ihre Songs und Interpretationen waren immer auch ein Spiegel der Zeit. Ist es nicht frustrierend, dass man im Grunde immer noch über dieselben Probleme singen muss?
Meine Erwartungen an die Menschheit waren nie besonders hoch. Und doch bin ich heute angewidert und enttäuscht, obwohl ich eigentlich gar nicht schockiert sein dürfte.
Sind Sie immer noch zuerst Mensch, dann Pazifistin und erst dann Folk-Sängerin, wie Sie einst klassifizierten?
Ich denke schon. Es gab da mal eine Phase, in der ich mein politisches Engagement ruhen lassen musste, um mich auf meine Musikkarriere zu konzentrieren. Doch abgesehen davon hat sich meine Empfindung gegenüber diesen Dingen nie geändert. Ich fühle immer noch so, wie ich fühlte, noch bevor ich überhaupt auf der Bühne stand. Ich interessierte mich schon in jungen Jahren für die Dinge, die in der Welt vor sich gingen, und merkte sehr früh, dass da etwas falsch läuft. Der Unterschied war, dass ich mit einer Stimme beschenkt worden war, mit der ich darauf aufmerksam machen konnte.
Wann merkten Sie das erste Mal, dass Sie diesen Einfluss auf andere Menschen hatten? Dass Sie etwas bewegen konnten?
An den genauen Zeitpunkt kann ich mich nicht mehr erinnern. Es dauerte eine ganze Weile, bis mir überhaupt bewusst wurde, dass ich singen kann. Dass das, was aus meinem Mund kam, in irgendeiner Weise besonders war. Da ich immer schon politisch aktiv war, fügte sich das ganz natürlich zusammen, schätze ich. Je berühmter ich wurde, desto mehr verlangten die Leute von mir, ich sollte hier auftauchen, dort erscheinen und da singen. Das war anfangs merkwürdig, doch irgendwann stellte ich fest, dass es außer mir niemanden zu geben schien, der das machte, was ich tat.
Wie gingen Sie mit dieser Verantwortung um?
Das ist eine wirklich interessante Frage, die ich mir manchmal selbst stelle. (lacht) Am Anfang wurde ich damit fertig, indem ich unglaublich antikommerziell war. Ich dachte, auf diese Weise meine Seele retten zu können. Ich hatte große Angst davor, kommerziell zu werden und nur für das Geld zu singen. Damals dachte ich noch, dass das automatisch passieren würde, sobald ich im Mainstream der Unterhaltungswelt lande. Und um das zu vermeiden, war ich unglaublich stur. Ich wollte mich davor schützen, dumme Dinge zu tun.
Hätten Sie Ihre Karriere in den Siebzigern gestartet, wären Sie vielleicht eine Punk-Ikone geworden.
Ja, stimmt, das ist sehr gut möglich.
Ist es heute leichter oder schwieriger, politisch aktiv zu sein?
Für mich ist es schwieriger geworden, weil ich nicht mehr so viel in den Straßen unterwegs bin, wie ich es früher war. Die Menschen, die auf den Straßen sind, haben sich selbst, um sich gegenseitig anzutreiben und dieses „Evil Empire“ zu bekämpfen. Und glauben Sie mir, das kann ungemein motivierend sein. Es freut mich wirklich zu sehen, wie die Menschen mehr und mehr auf die Straße gehen – und das nicht nur bei den großen Märschen in Amerika.
Es liegt also durchaus etwas Gutes in all dem Schlechten, das gerade passiert?
Ja, das sehe ich genau so. Wir beschuldigen Trump, was aber total dämlich ist. Die Dinge entwickelten sich die letzten fünfzig Jahre in die Richtung, in der sie sich jetzt befinden. Und die Menschen ließen es zu! Rassismus ist wieder mal von den Ketten – und hätte man mir in den Sechzigern erzählt, dass es hier und heute so zugeht, hätte ich es nicht geglaubt.
Das Gros der heutigen Popmusiker ist nicht politisch aktiv. Verurteilen sie das?
Verurteilen kann ich sie nicht, das würde eh nichts bringen. Doch ich kann darüber sprechen, warum es mir so wichtig ist – und das tat ich erst kürzlich, bei meiner Aufnahme in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame. Mein Aktivismus gab meinem Leben erst einen Sinn, mein Aktivismus brachte mich dorthin, wo ich heute stehe.
Wo sehen Sie Ihre Gegenstücke in der heutigen Musik?
Es gibt auch heute zahlreiche Künstler, die wichtige Musik machen. Menschen, die auf Märschen spielen, die ihre Stimme einsetzen. Das Einzige, was ihnen fehlt, ist eine Hymne. Eine Hymne, die all diese Hunderttausenden Demonstranten vereinigt und die alle singen können. Mehr fehlt ihnen nicht.
Warum schrieben Sie nicht eine?
Oh, ich wünschte, ich könnte. Aber erstens habe ich seit einem Vierteljahrhundert nichts geschrieben, und zweitens kann man eine Hymne nicht einfach aus dem Hut zaubern. Sie muss ganz natürlich entstehen. Viele Menschen mögen vielleicht etwas zu sagen haben, doch ihnen fehlt das Talent. Und die, die das Talent haben, haben nicht unbedingt etwas zu sagen.
Auch das, was Sie singen, klingt mittlerweile gewandelt: Ihre Stimme hat sich im Laufe Ihrer Karriere merklich verändert. Wie gingen Sie damit um?
Das war alles andere als leicht. Die letzten zwanzig Jahre waren eine große Herausforderung. Die Stimmbänder ermüden und werden steif wie der Arm eines Tennisspielers. Es braucht immer mehr Zeit und Arbeit, um sie in Form zu halten. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund, warum ich dieses Jahr das letzte Mal in einen Bus steige und teilweise drei Nächte hintereinander singen werde.
Treten Sie immer noch gern auf?
Das tue ich. Ich liebe meine Musik, ich liebe mein Publikum und meine Tour-Familie. Ob mir das alles fehlen wird? Vielleicht. Nein, ziemlich sicher sogar.