Musikfest Der lockende Prediger

Wortausdeutender Zugriff auf die Musik: Der Dirigent Helmuth Rilling Foto: Bachakademie
Wortausdeutender Zugriff auf die Musik: Der Dirigent Helmuth Rilling Foto: Bachakademie

Helmuth Rillings Gesprächskonzerte sind Legende. In der Stiftskirche hat er den Glauben in Bachs Kantaten untersucht.

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Stuttgart - Eines macht Helmuth Rilling von Anfang an deutlich. „Natürlich sind alle rund 200 Kantaten Johann Sebastian Bachs Glaubenskantaten. Aber die vier, die wir in dieser Woche untersuchen wollen, sind das in einem sehr speziellen Sinn.“ Mit wenigen Worten, einem charmant-bescheidenen Auftreten und einer klaren Positionierung räumt der 79-Jährige alle eventuell vorhandenen Zweifel aus. Genau aus diesen Eigenschaften erwächst der Erfolg, den Rilling mit der von ihm geprägten Form des Gesprächskonzerts seit vielen Jahrzehnten hat. Sein Wissen rund um das, was er seinen Zuhörern vorführt, ist enzyklopädisch. Ehrfurcht gebietend ist nach wie vor die Tatsache, dass er die Partituren bis ins letzte Detail im Kopf hat. Nicht nur die Gesamtaufführung dirigiert er selbstverständlich auswendig; auch die Beispiele für die Erläuterungen hat er minutiös im Kopf. So kann er den musikalischen Fluss immer wieder unterbrechen, kann das eben Gehörte analysieren und reflektieren, und kann auch mal einzelne Stimmen und Motive herauslösen.

Seine Haltung zu der Musik und der von ihm vertretenen These ist ebenso klar wie reflektiert. Und dem Ganzen haftet nichts Belehrendes an. Im freundlichen Plauderton holt Rilling seine Zuhörer ab und führt ihnen mit wenigen, aber effektvollen Mitteln das Wesentliche vor. Das zeigt sich auch beim ersten der vier Gesprächskonzerte des diesjährigen Musikfestes in der praktisch ausverkauften Stiftskirche.

Das Wichtige muss man wiederholen, dass es haften bleibt

Die Kantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“ BWV 102 hat Rilling an diesem Nachmittag ausgewählt und beginnt seine Interpretation ungewöhnlicherweise mit dem Schlusschoral, dessen „drastischer Anfang“ für ihn die „Quintessenz“ dieser Kantate ist. „Das ist doch sehr hart, was Bach hier schreibt“, lautet seine Einschätzung, und lässt seine Ensembles das Ganze wiederholen. Da hält es der von vielen als Bach-Papst Verehrte wie der große Meister: das Wichtige muss man auch mal wiederholen, damit es eindringlich wird und haften bleibt.

Eine knappe Stunde dauert Rillings Auseinandersetzung mit der 1726 erstmals aufgeführten Kantate, in der er immer wieder den herben Tonfall, die Wucht eines alttestamentarischen Predigers und Mahners erkennt. Also ist ihm das erste Rezitativ „ausdrucksstark, obwohl es keine Arie ist“. Unter der „lyrischen Stimmführung“ entdeckt er herbe Dissonanzen, die mit der Seufzermotivik der nachfolgenden Arie und dem „ungewöhnlichen Halteton“ beim ersten Einsatz der Solistin zu einer Warnung oder Klage verschmelzen. Wie so oft in diesen Gesprächskonzerten vertraut Rilling die Solopartien Nachwuchssängern an, die in Meisterkursen von Hedwig Fassbender und Rudolf Piernay betreut werden. Naturgemäß fallen die künstlerischen Ergebnisse dabei unterschiedlich aus. Den stärksten Eindruck hinterlassen mit präsenter Stimme der Bariton Johannes Mooser und die am differenziertesten gestaltende Altistin Katharina Thomas.




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