Musikfest Stuttgart Auftakt im Theaterhaus

Ganz entgegen der visuellen Gewohnheiten eines Orchesterkonzertes werden beim Auftakt zum Musikfest Stuttgart im Theaterhaus afrikanische Einflüsse sowohl sichtbar als auch hörbar. Foto: dpa
Ganz entgegen der visuellen Gewohnheiten eines Orchesterkonzertes werden beim Auftakt zum Musikfest Stuttgart im Theaterhaus afrikanische Einflüsse sowohl sichtbar als auch hörbar. Foto: dpa

Ein unvergleichliches Seh- und Hörerlebnis: Beim Auftakt des Musikfestes Stuttgart treffen afrikanische Griots auf ein Sinfonieorchester.

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Stuttgart - Eigentlich beginnt das Musikfest Stuttgart erst am 27. August. Doch die Bachakademie hat dem Festival einen vorgezogenen, außergewöhnlichen Auftakt gegeben. Im ordentlich besuchten Theaterhaus ging es beim Gastspiel des International Regions Symphony Orchestra afrikanisch zu. Das in Baden-Württemberg angesiedelte Projektorchester, dessen Mitglieder Schüler und Studenten aus aller Welt sind, widmete sich in seiner diesjährigen Arbeitsphase dem Schweizer Musiker Daniel Schnyder. Der Fünfzigjährige, der seit zwei Jahrzehnten in New York lebt, ist ein musikalischer Grenzgänger, der in seinen Kompositionen zwischen Klassik, Pop, Jazz und Ethno-Musik balanciert. Das schlug sich auch im begeistert gefeierten Konzert des IRO nieder.

Am Beginn standen zwei Barockwerke, die Schnyder in seinem typischen Personalstil überschrieben hat. "Agitata da due venti" ist eine koloraturgespickte Virtuosenarie aus einer Oper Antonio Vivaldis. Deren originale Rhythmen überlässt Schnyder dem Streicherapparat, die Melodien tauchen in den Holzbläsern auf, während Blech und Schlagwerk mit kurzen Störungen des rhythmischen Gefüges und unerwarteter Akzentuierungen der Stabspiele die barocke Gleichförmigkeit aufbrechen. Ein Prinzip, das sich auch in der Bearbeitung von Händels "Wassermusik" zeigt. Bei dieser Uraufführung blendet Schnyder nach und nach das Original aus und überschreibt es mit groovenden Rhythmen und spannungsreicherer Harmonik.

Dass dieses Prinzip auch mit Jazz-Standards und afrikanischer Musik funktioniert, zeigt sich bei Horace Silvers "Peace" und Ramín Santamarias "Afro Blue". Hier hat sich Schnyder die interessantesten Passagen auf den eigenen Leib geschrieben. Denn zum manchmal arg süffig daherkommenden Breitwandsound des Sinfonieorchesters improvisiert Daniel Schnyder mit Sopran- oder Tenorsaxophon. Mal turnt er fingerfertig durch aberwitzig schnelle Modern-Jazz-Sequenzen, dann schwelgt er in melancholischen Blues-Linien.

Ein König kämpft gegen böse Zauberer

Das Hauptwerk des Abends ist aber das vor zwei Jahren uraufgeführte, gut vierzigminütige Werk "Sundiata Keåta". Schnyder vertont darin die Geschichte des westafrikanischen Königs Sundiata, der im 13. Jahrhundert der Gründervater Malis war und sich durch legendenhafte Heldentaten auszeichnete.

Überliefert ist dieses malische National-Epos durch die Tradition der Griots, einer Kaste von Musikern und Geschichtenerzählern. Deren musikalische Strukturen hat Schnyder nun mit den Möglichkeiten der europäischen Kunstmusik kombiniert. Also dürfen die Streicher mehrheitlich in Liegeklängen schwelgen, ab und zu auch mal Melodisches ausformen, während das Wesentliche bei der Singstimme liegt.

Abdoulaye Diabaté entstammt einer alten Griot-Familie Malis und singt meist in hoher Lage die Geschichte des bejubelten Königs, der im Kampf erfolgreich ist, sich gegen böse Zauberer zur Wehr setzen muss, und dem am Ende alle huldigen.

Das Werk gleicht einem  musikalischen Wechselbad der Gefühle

Rezitativisch könnte man diesen Stil nennen, der sich in Geschwindigkeit und rhythmischer Struktur dem emotionalen Gehalt der Geschichte anpasst, zwischen balladenhafter Ruhe und tänzerischer Feierstimmung wechselt. Für diese musikalische Charakterisierung der einzelnen Abschnitte ist mehrheitlich das typische Instrument Balafon verantwortlich, ein Xylofon mit markanter Klangfarbe, mit dem Lansine Kouyaté die einzelnen Sätze einleitet, oft im Dialog mit der Kora, einer Art Harfe mit klarem, obertonreichem Klang (Ballaké Sissoko).

Spannend ist dieses Werk vor allem im Aufeinanderprallen völlig unterschiedlicher Musizierhaltungen. Das freie, improvisatorische, nicht immer in den gängigen Parametern hiesiger Notation zu fassende Spiel der afrikanischen Musiker muss der sehr umsichtige Dirigent Hermann Bäumer mit den klaren Strukturen des brillant agierenden Sinfonieorchesters koordinieren.

Die vokale Führungsstimme wird häufig von den Chorstimmen (klangschön: Orpheus Vokalensemble) im Kanon beantwortet oder an den Kulminationsstellen in hoher Lage parallel geführt. Und unter allem liegt ein grooviger Rhythmus von Bass (Peter Herbert) und Djembé (Michael Wimberley), der sich auch im Orchester ausbreitet und nicht nur dort für gute Laune sorgt.




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