InterviewMusikfest Stuttgart Große Kunst und kleines Budget

Von Susanne Benda 

Das Musikfest Stuttgart braucht mehr Geld und einen anderen Termin, sagt Henning Bey. Seit 2015 ist der Musikwissenschaftler Chefdramaturg der Internationalen Bachakademie Stuttgart.

Henning Bey Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Henning Bey Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - An diesem Donnerstag wird das Konzertprogramm des Musikfests Stuttgart mit Bachs „Johannespassion“ eröffnet. Ein Gespräch mit dem Dramaturgen und Programmplaner Henning Bey.

Herr Bey, in diesem Jahr steht der akademische Gedanke beim Musikfest Stuttgart viel stärker im Vordergrund als in den vergangenen Jahren. Warum?
Die Vorträge und Diskussionen, mit denen wir jetzt das Konzertprogramm ergänzen, tragen dem Bildungsanspruch der Bachakademie Rechnung. Sie sind aber auch dem Etat geschuldet. Ich darf das Festival planen, das ist ein Geschenk, aber mein Budget erlaubt keine großen Sprünge, und ich kann nicht nur Musik anbieten, sondern muss auch einen interessanten Rahmen schaffen. Den erlebt man jetzt in den Klangateliers und bei den Musikfestcafés. Ich könnte mir sogar vorstellen, Vorträge dieses Festivals zu sammeln und dann in einen Schriftenband zu veröffentlichen. Bisher hat die Bachakademie darin überwiegend Monografien herausgebracht, das ist sehr verdienstvoll, aber ich glaube, diese Perspektive ist nun ausgeschöpft. Es wäre an der Zeit, das Machen stärker in den Fokus zu nehmen, also über die Aufführungspraxis barocker und klassischer Musik nachzudenken.
Da spricht der Musikwissenschaftler. Ihr beruflicher Werdegang hat bei der Neuen Mozart-Ausgabe begonnen und führte dann über die Dramaturgie und Pressearbeit beim Freiburger Barockorchester zur Bachakademie. Ein folgerichtiger Weg?
Einerseits natürlich gar nicht, am Ende dann aber doch – obwohl ich es nicht so geplant habe. Mein Traum war zunächst, an die Uni zu gehen, zu unterrichten und dadurch auch selbst immer ein Lernender zu bleiben. Die Mozart-Edition ist natürlich etwas sehr anderes als eine Uni, aber ich habe dort Dinge getan, die mir Spaß gemacht haben, habe das Mozart-Jahrbuch herausgegeben und publiziert. Als dann der Vertrag in Salzburg auslief, habe ich mich um ein Lectureship in Southampton beworben, hatte ein Gespräch mit Silke Leopold über eine Habilitation über Haydns Rezeption eines europäischen Opernkanons, den er als Impresario, Kapellmeister und Bearbeiter in Eszterháza aufgeführt hat, und es kam diese Ausschreibung vom Freiburger Barockorchester, das jemanden für Dramaturgie und Pressearbeit suchte. Da hat es sofort geklappt, auch menschlich. Meine ersten Freiburger Programme waren damals sicherlich mehr akademisch und weniger sinnlich, aber ich habe schnell dazugelernt, und die Musiker haben mich machen lassen. Als Chefdramaturg der Bachakademie bringe ich jetzt sozusagen meine beiden beruflichen Stränge wieder zusammen: das Akademische von früher und das Dramaturgische aus Freiburg. Dass ich außerdem in Stuttgart noch auf konzeptioneller Ebene aktiv werden kann, reizt mich sehr.
Sie planen auch das Programm des Musikfests. Wie viel bringt Hans-Christoph Rademann ein?
Ich mache mir Gedanken und schlage dem Akademieleiter das dann vor. Die Idee der Johannespassion zur Eröffnung kam von ihm, und ich habe ihm dann vorgeschlagen, die zweite Fassung von 1725 zu machen. Das „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen“ der Johannespassion passt einfach zum Motto „Freiheit“.
So wie der „Belshazzar“ im Schlusskonzert?
Ja. Aber wir wollen außerdem die Händel-Tradition in Stuttgart weiterführen – auch 2018, wenn das Musikfest unter dem Thema „Krieg und Frieden“ stehen wird. Oft kommt Hans-Christoph Rademann auch mit eigenen Vorschlägen zum Programm, weil er selbst ja viele Musiker kennt. Zum Beispiel die Barokksolistene aus Norwegen.
Ein interessantes Konzert?
Unbedingt – am besten mit einem Glas Bier in der Hand… Dann kann man das Gefühl bekommen, statt im Wizemann in einem Alehouse des 17. Jahrhunderts sitzen. Diese Musiker improvisieren auf Barockinstrumenten, und sie pflegen eine abgedrehte Mischung aus Kunstmusik, Folklore und Improvisation – eigentlich untypisch für die Bachakademie, die ja zwei sehr strenge Begriffe in einem Wort zusammenbringt. Aber genau das wollen wir beim Musikfest bieten.
Sie haben sich im Eröffnungskonzert für die selten gespielte zweite Fassung der Johannespassion von 1725 entschieden. Warum hat Bach das Stück drei Mal umgearbeitet?
Er war so fasziniert von diesem Stoff, dass er einfach nichts Endgültiges komponieren konnte. Die zweite Fassung ist gegen die Hörgewohnheiten, anders, widerborstig. Sie hat Elemente eines Passionsoratoriums, also auch dieses etwas Barock-Schwülstige, und sie rückt mehr den Menschen ins Zentrum, der aus seinem Dasein befreit werden muss. Das ist lutherischer, es passt zum Reformationsjubiläum und zu unserem Thema.
Der programmatische Bogen ist weit, er reicht bis hin zu Schönberg. Aber wie und warum passt Casanova ins Musikfest?
Weil Casanova ein Freigeist war. Er glaubte fest, dass es kein Schicksal gibt, sondern nur die Kraft des menschlichen Willens, und diese Haltung ist sehr modern.
Mit dem international gecasteten Jungen Stuttgarter Bach-Ensemble wird wieder viel musikalischer Nachwuchs in der Stadt präsent sein. Eine Rückbesinnung auf die Wurzeln, auf Helmuth Rillings Europäisches Musikfest?
Da sind wir noch ein bisschen am Suchen. Wir überlegen zurzeit, ob wir das JSB-Ensemble wechselnd ein Jahr im Musikfest und ein Jahr bei der Bachwoche haben wollen, die dann nur alle zwei Jahre stattfinden würde. Man muss ja sehen – und dabei komme ich als Disponent ziemlich ins Schwitzen - : Diese jungen Leute wollen Konzerte geben, und das nimmt dann sehr viel Raum im Gesamtprogramm ein. Es muss aber auch noch andere Veranstaltungen geben. Man muss also aufpassen, dass man sich selbst nicht blockiert.
Das Motto 2017 heißt „Freiheit“. Auf diese Idee sind andere Festivals vor Ihnen auch schon gekommen.
Die bisherigen Motti folgten einer gewissen inneren Logik, die vor meiner Zeit entwickelt worden ist. Und „Freiheit“ ist das letzte davon. Das Motto des nächsten Jahres wird „Krieg und Frieden“ lauten, 2019 dann „Geschmackssache“. Geschmack oder Stil ist ein historischer Begriff, wir können dabei auch ein bisschen ironisieren, was wir tun werden. Und ich träume von einem Konzert im Beethovensaal mit Tischen und Catering und mit Telemanns „Tafelmusik“ . . .
Aber ist ein Motto nicht vor allem etwas für die Festivalmacher? Oder für das Marketing?
Manchmal, ja. Aber ich will das schon ein bisschen durchdeklinieren. Ich möchte, dass die Besucher die Gedankenlinien sehen – oder zumindest ahnen. Und ich will unbedingt, dass die Leute durch das Programm dazu gebracht werden, auch mal ihren Standpunkt zu wechseln. Dass ihnen die Kunst also selbst auch eine neue Art von Freiheit schenken kann. Kunst kann und soll das. Und sie lehrt uns dadurch, toleranter zu sein.
Hätten Sie die Stelle bei der Bachakademie auch angenommen, wenn das Orchester noch auf modernen Instrumenten spielen würde?
In meinen Vorstellungsgesprächen wurde ich das gefragt, aber da wollte ich nicht wie der Barockpolizist auftreten. Und Hans-Christoph Rademann selbst hat sich bei der Frage des Instrumentariums zunächst ja sehr bedeckt gehalten. Ich denke, ich hätte auch zugesagt, wenn er bei modernen Instrumenten geblieben wäre, denn ich hatte ihn ja mit dem Bach-Collegium gehört und gemerkt, dass er trotzdem Dinge anders und neu macht.
In welche Richtung soll sich das Musikfest Stuttgart in den nächsten Jahren entwickeln?
Wir möchten unbedingt, dass dieses Festival auf Dauer auf anderen Füßen steht. Wir wollen uns auch einen anderen Termin überlegen, vielleicht im Juni oder Juli. Natürlich ist der Zeitpunkt jetzt insofern nicht schlecht, als noch nichts anderes los ist. Aber viele sind nicht da – auch nicht die anderen Institutionen in der Stadt, mit denen wir gerne kooperieren würden. Und der Zeitraum passt nicht in den Tourneezirkus. Mit unserem „Belshazzar“ könnten wir nach dem Musikfest auf Tournee gehen, aber das geht im September nicht, weil dann keine anderen Festivals mehr stattfinden. Wenn man viele Produktionen alleine veranstaltet, bleiben enorme Kosten an einem hängen, und auch das ist mit schuld an unseren Engpässen im Budget. Etwa ab 2020 hätten wir gerne eine andere finanzielle Ausstattung und einen anderen Termin.
Sind Sie deswegen schon in Gesprächen?
Ja, das machen der Intendant und der Akademieleiter. Ansonsten versuchen wir, alles möglichst gleichmäßig zu bewässern: die Akademiekonzerte, das Musikfest, die „Bach bewegt“-Projekte. Aber für die großen künstlerischen Möglichkeiten, die wir haben, wünschen wir uns definitiv mehr Wasser.