Musikfest Stuttgart Klänge wie aus einer anderen Welt

Von Markus Dippold 

Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und sein ehemaliger Chefdirigent Roger Norrington spielen Beethoven und Dvorák. Das Publikum ist begeistert.

Roger Norrington und das RSO am Sonntag in der Liederhalle Foto: Holger Schneider
Roger Norrington und das RSO am Sonntag in der Liederhalle Foto: Holger Schneider

Es ist, als sei er nie weg gewesen. Ein altbekannter Klang stellt sich im Beethovensaal ein. Als Chefdirigent beim Radio-Sinfonieorchester des SWR hat Roger Norrington den „Stuttgart Sound“ kultiviert. Drei Jahre nach seinem Abschied, lässt er ihn wieder aufleben. Die Kontrabässe stehen in breiter Front hinter dem Orchesterapparat, die Holzbläser treten in doppelter Stärke an und die Streicher verzichten konsequent aufs Vibrato. Und schon tönt Ludwig van Beethovens achte Sinfonie im vertrauten Norrington-Idiom.

Dass es kein Selbstzweck, sondern Mittel für eine ausgeprägte und in sich stimmige künstlerische Handschrift ist, haben Anhänger einer traditionellen Lesart in den 13 Norrington-Jahren gerne ignoriert. Am Sonntag ist genau das, ein durchgeformter Gestaltungswille, schnell greifbar. Gerade in der Auseinandersetzung mit Beethoven haben der Engländer und das RSO gezeigt, wie viel Experimentierlust und ungebändigtes Genie in dieser Musik steckt. Auch die achte Sinfonie zeugt davon. Wuchtige Akzente formen den Kopfsatz, Norrington staffelt sie, begreift sie als Entwicklungsstufen. Immer wieder zügelt er das RSO, setzt auf feine Nuancierungen, die mit plötzlichen Attacken und groß angelegten Steigerungen kontrastieren. Wundersames entdeckt er im zweiten Satz: das Pulsieren der Bässe rückt er in den Vordergrund, lässt Freiheiten in der metrischen Dehnung. Überhaupt pflegt der Achtzigjährige einen entspannten Dirigierstil. Freundlich zelebriert die rechte Hand den Takt, die linke hängt entspannt und wird nur für wenige, umso prägnantere Momente eingesetzt.

Begeisterter Beifall für den Dirigenten und das RSO

Diese Effizienz kommt dem Hauptwerk entgegen, Antonín Dvoráks neunter Sinfonie, der Norrington den romantisch-idyllischen Kitsch austreibt. Das markante Kopfthema klingt kantig, ein bisschen rau. Das erhebt Norrington auch in den anderen Sätzen zum Prinzip, etwa die Blechbläser-Fanfaren im Finale, die zwar brillant funkeln, zugleich aber eine herbe Note haben. Die große Entwicklung, auch die Überwältigung des Hörers in der Finaldramaturgie geht keineswegs verloren. Norrington erreicht sie nur auf einem eher untypischen Weg. Der Ausgangspunkt dafür ist der langsame zweite Satz mit dem berühmten Englischhorn-Solo. Auf niederste Stufen fährt der Dirigent den Klang zurück und Michael Rosenberg zaubert das Solo wie aus einer anderen Welt. Begeisterter Beifall für den Dirigenten und das mit technischer Brillanz und großer Klangpalette agierende RSO. Interessant auch die Rarität kurz vor der Pause: „Roméo seul“ aus Hector Berlioz’ Ballettmusik „Roméo et Juliette“. Eine feine Studie in Sachen französische Klangkultur ohne großes Gepinsel.

Liveübertragung
Das RSO gastiert mit diesem Programm am Mittwoch bei den Proms in London. SWR 2 sendet das Konzert ab 20.30 Uhr.




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