Ein Motto auch für Zeiten des Krieges? Aber ja, sagt Hans-Christoph Rademann, der künstlerische Leiter der Internationalen Bachakademie. Wenn deren jährliches Musikfest Stuttgart 2022 mit den Worten „Ins Paradies“ überschrieben ist, dann meine dieses Erlösungsversprechen auch Flüchtende, die von einem besseren Leben träumen. Und überhaupt: Beim Musikfest 2022 bilde das Motto eine „aufregende Klammer“, und diese Klammer schließe extrem Unterschiedliches ein. Sprich: Das Festival will raus aus der christlich-oratorischen Ecke, will (auch) ein neues, jüngeres Publikum erreichen, will sich öffnen – und auf diese Weise zu einem Festival für die ganze Stadt werden.
Ausgangspunkt ist allerdings weiterhin die Musik, die seit jeher das Markenzeichen der Bachakademie ist. Deshalb ziehen sich Vertonungen der sieben letzten Worte Christi wie ein roter Faden durch die kommenden zwei Wochen – einschließlich des Satzes „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, den Jesus an den reuigen Schwerverbrecher am Kreuz neben ihm richtete. Im Eröffnungskonzert an diesem Samstag steht die Vokalfassung von Joseph Haydns „Sieben Worten“ neben Sofia Gubaidulinas textloser Vertonung, die sich ganz ins Innere des sterbenden Gottessohnes zurückzieht.
Eine weitere Programmlinie in der Tradition der Bachakademie sind die „Sichten auf Bach“, eine Konzertreihe des Festivals, die in diesem Jahr mit Auftritten u. a. von Concerto Copenhagen unter Lars Ulrik Mortensen, Salomon’s Knot und Václav Luks’ Collegium 1704 besonders vielfältig ausfällt. Wenn beim Konzert der Gaechinger Cantorey unter Hans-Christoph Rademann ein neues Stück von Mark Andre uraufgeführt wird, dann kommt in dessen atmender Stille ein weiterer Aspekt ins Spiel: der Heilige Geist – für Rademann „Sinnbild einer positiven Verbindung der Menschen, die wir im Musikfest stärken wollen“.
Geistliches und Weltliches sind eng verbunden
Um Erlösung geht es auch in Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Und überhaupt sind Geistliches und Weltliches im Festivalprogramm oft untrennbar verbunden. Wie etwa beim Konzert des Staatsorchesters, das Alban Bergs Violinkonzert einbringt – laut Rademann spiegelt dieses Stück „den Übertritt in eine andere Welt und eine Zukunftsvision“. Und überhaupt: „Fragen des Christentums sind Fragen der ganzen Menschheit.“
Optimale Einstiegsmöglichkeiten für das jüngere, vielleicht noch nicht so Klassik-vertraute Publikum bieten Konzerte des jungen Stegreiforchesters, das Beethovens neunte Sinfonie auseinandernimmt und auf ihr utopisches Potenzial hin abklopft. Auch eine Streichquartettfassung von Mozarts Requiem, bei der Laurenz Theinert Mozarts Klänge in Lichtimpulse umsetzt, dürfte viele ansprechen. Hinzu kommen Jazz, Vocal Pop, Diskussionen, Museumsführungen. „Wir wollten“, sagt Hans-Christoph Rademann, „bei unserem Musikfest ein Angebot für alle machen. Dieses Jahr ist uns das gelungen.“
Musikfest Stuttgart 18. Juni bis 3. Juli. Karten: 0711 / 619 21 61. Informationen unter https://www.musikfest.de