Musikfest Stuttgart Schubert-Lieder mit Prégardien und Bezuidenhout

Julian Prégardien (re.) und Kristian Bezuidenhout im Weißen Saal in Stuttgart Foto: Musikfest/Holger Schneider

Im Weißen Saal des Stuttgarter Neuen Schlosses sorgen der Tenor Julian Prégardien und Kristian Bezuidenhout am Hammerflügel mit dem Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ für Spannung und Gänsehaut.

Es geht nicht um schöne Lieder. Sondern um eine alte Geschichte von archaischer Wucht. Ein Drama, nah, menschlich, packend, todtraurig. Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andren erwählt. Auf Himmelhochjauchzen folgt tiefer Absturz. „Gute Ruh, gute Ruh! Tu die Augen zu!“, singt Julian Prégardien im Weißen Saal des Neuen Schlosses. Der Sonntagnachmittag ist heiß, die Klimaanlage ausgeschaltet, weil Kristian Bezuidenhout den Tenor mit einem empfindlichen Hammerflügel begleitet, aber einigen im Publikum dürfte bei den letzten Textzeilen aus Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“ ein Schauer über den Rücken gelaufen sein: Tot liegt der junge Mann im Mühlenbach, er hat nicht mehr leben wollen ohne seine große Liebe.

 

Nein, es geht nicht um schöne Lieder. Zumindest nicht in diesem Konzert, das die Hugo-Wolf-Akademie im Rahmen des Musikfests Stuttgart veranstaltet. Deshalb fällt es auch nicht ins Gewicht, dass der Sänger zumal bei den ersten Liedern nicht jede schnelle Note exakt trifft. Auch im Zusammenwirken mit dem Hammerflügel ist – wie etwa vor der letzten Strophe von „Das Wandern“ – nicht jede gestalterische Nuance auf den Punkt koordiniert. Das spielt aber keine Rolle. Wilhelm Müllers poetischer Hintersinn und Schuberts feine musikalische Deutungen entwickeln einen starken Sog.

Der Schatten des Endes ist schon in den frühen Liedern spürbar

Da gibt es packende Momente voller Aufbruchstimmung ebenso wie Passagen, in denen das Ende schon Schatten auf die frühen Lieder wirft. Am dichtesten nebeneinander liegt beides in „Am Feierabend“: So viel jugendlicher Schwung ist da zu Beginn, so viel Verzweiflung legt Julian Prégardien in die letzte Wiederholung des Refrains, und der letzte Gruß des Mädchens erfolgt am Ende fahl, fast im Falsett.

Kristian Bezuidenhout ist dicht am Gesang, an der Sprache, auch klangfarblich. Neben dem Hammerflügel kann der Sänger gelassen agieren, er muss nirgends kämpfen, man versteht jedes Wort. Gemeinsam machen die Interpreten in „Der Neugierige“ aus der Strophe „O Bächlein meiner Liebe“ eine (Alb-)Traumsequenz. Überzeugend wirken die Differenzierungen der Tempi – besonders frei nimmt das Duo das Lied „Pause“, das hier fast wirkt wie eine Fantasie. „Die liebe Farbe“ ist ein weit phrasierter Trauergesang. Auch Prégardiens gelegentliche Verzierungen begleitet Bezuidenhout mit wachen Sinnen und flinken Fingern. Am Ende ist alles Außen ins Innere gewendet. Das Publikum, berührt und schwitzend, klatscht lange und begeistert.

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