Musikfest Stuttgart Schwarzbrot, Austern, Kaviar

Von Markus Dippold 

Beim Musikfest gibt die Jazzformation Stupor Mundi im Kursaal Bad Cannstatt ein Nachtkonzert. Mit dabei: der Sternekoch Vincent Klink an der Basstrompete.

Die Jazzer Vincent Klink, Patrick Bebelaar, Frank Kroll und Carlo Rizzo (v. re.) Foto: Schneider
Die Jazzer Vincent Klink, Patrick Bebelaar, Frank Kroll und Carlo Rizzo (v. re.) Foto: Schneider

Stuttgart - Sein Klavierkonzert, in dem er Volks- und Kunstmusik verband, das sei wie Schwarzbrot mit Austern und Kaviar, meinte Edvard Grieg. Ein passendes Motto für zwei Konzerte am Montagabend im Kursaal Bad Cannstatt. Den Auftakt machte der Pianist Evgeni Koroliov, der ein ausgeklügeltes Programm bot. Das Musikfest-Motto „Herkunft“ nahm er genau und kombinierte Auszüge aus Bachs „Kunst der Fuge“ mit György Kurtágs Bach-Bearbeitungen. So naheliegend diese Verbindung ist, so schwarzbrot-trocken blieb sie an diesem Abend. Koroliov neigt zum strengen Ton, zum weihevollen Duktus, dem äußere Regungen eher fremd zu sein scheinen.

Den Kontrast zu dieser asketischen Haltung bildete das Ensemble Stupor Mundi. Dahinter verbergen sich der Wielands­höhen-Chef Vincent Klink und die Stuttgarter Jazz-Größen Patrick Bebelaar und Frank Kroll. Mit dem Pianisten Bebelaar erkundet der Koch regelmäßig die Welt des Jazz, lässt die heimatliche Volksmusik und Tradition einfließen und macht daraus eine neue Kunstmusik, die an diesem Abend durchaus luxuriös ausfällt – Kaviar und Austern eben.

Ausgangspunkt für Stupor Mundi ist die Musik des Mittelalters. Auf den Spuren der Staufer erkunden die drei, an diesem Abend unterstützt vom italienischen Tamburin-Virtuosen Carlo Rizzo, die Welt des Minnesangs und die mediterrane Kunst, was sich in orientalischen Klängen, italienischen Canzonen und übermütigen Rhythmen niederschlägt. Was Frank Kroll mit flinken Fingern dem Sopransaxofon und der Bassklarinette entlockt, was Patrick Bebelaar an virtuosen Kaskaden aus dem Flügel holt, ist spannend und beeindruckend.

Das Improvisieren überlässt Klink den Partnern

Im Fernduell treffen sich Jazz und Klassik nur einmal auf Augenhöhe. Sechs Stücke aus „Musica Ricercata“ und vier Etüden von György Ligeti hat Evgeni Koroliov in sein Programm eingebaut. Obwohl das polyfone Bach-Erbe auch hier deutlich zu erkennen ist, prägen energische Motorik und sportive, bisweilen brutale Rhythmen neben überbordender Virtuosität diese Stücke. Da bricht der Koroliov-Panzer, ironische Momente und große Steigerungen, fast schon exaltierte Passagen lässt er hören. Da hatte man vergessen, dass er sich zuvor mit dem stürmischen Gestus der Sonate a-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach eher schwer getan hatte. Schade auch, dass der Saal nicht einmal zur Hälfte gefüllt war. Beim nächtlichen Klink-Auftritt waren die Reihen dicht besetzt, allerdings wollten nicht alle das Ende erleben.

Zu ungewohnt für typische Bachakademie-Hörer ist diese Jazz-Kunst vielleicht. Vincent Klink fügt sich jedenfalls mit seiner Bass-Trompete dezent in den Ensembleklang ein, grundiert meist die Melodien, riskiert gelegentlich virtuose Anflüge, überlässt den Großteil der Improvisationen aber seinen drei Partnern, wohl wissend um die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit. Als Moderator bot er kluge Überlegungen und interessanten Zusammenhänge – war aber doch ein bisschen spröde. Zuviel Kaviar und Austern schmecken wohl nicht, ein bisschen Schwarzbrot muss es zwischendurch sein.




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