Musikfest Stuttgart Trunkener Dichter trifft Distelfink

Der polnische Geiger Adam Baldych spielt Jazz und Barockmusik Foto: Bartosz Maz

Das Musikfest Stuttgart kombiniert unter dem Motto „#geschmacksache“ Liveveranstaltungen und Konzertstreams. Eröffnung ist am Samstag, 12. Juni.

Stuttgart - Das Feld zwischen Bach-Kantaten und Jazz, Swing und Rossini ist ziemlich weit. Ursprünglich sollten beim Musikfest Stuttgart 39 musikalische Pflänzchen auf ihm wachsen: 39 Livekonzerte sollten unter dem Motto „#geschmacksache“ ein Stuttgart-typisches musikalisches Biotop bilden. Das Coronavirus hat das musikalische Ackerland und die Anzahl der Präsenzveranstaltungen beim Festival zwar auf die Hälfte des Geplanten schrumpfen lassen, dafür aber einen enormen technischen Zuwachs gebracht.

 

„Wir haben“, so Katrin Zagrosek, die Intendantin der Bachakademie, „ein umfangreiches Digitalprogramm entworfen, das eine Momentaufnahme dieser extremen Zeit darstellt und gleichzeitig zu einer Sammlung an Produktionen wird, die als Dokumente weiterexistieren werden.“ Auf die Tatsache, dass Gesprächskonzerte von Hans-Christoph Rademann online mehr als doppelt so viele Zuschauer wie bei normalen Konzertstreams erreichten, will die Bachakademie „in der weiteren Planung reagieren“.

Das Musikfest Stuttgart, das an diesem Samstag beginnt, führt auf bisher einmalige Weise analoge und digitale Präsentation zusammen. Zu erleben ist bis zum 26. Juni eine Mischung aus Präsenzkonzerten, Livestreams, zeitversetzt gestreamten Konzertaufzeichnungen sowie vorproduzierten Videos und Podcasts, die sich auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlicher Stilistik mit unterschiedlichen Themen beschäftigen. Im Kessel gibt’s viel Buntes – das Motto macht’s möglich, und die hybride Programmplanung garantiert zwei Wochen pausenlosen Festivalbetrieb.

Hans-Christoph Rademann dirigiert Rossini

So wird man die Bachakademie auch mal von einer ganz anderen, ungewohnten Seite kennenlernen: nämlich unterhaltsam, manchmal sogar witzig. Das beginnt schon im Eröffnungskonzert: In den barocken Instrumentalsätzen und Arien, die Hans-Christoph Rademann dirigiert, geht es unter anderem um Bacchus, einen betrunkenen Dichter, einen Distelfink und einen kunstaffinen Kanarienvogel. Und im Abschlusskonzert gibt es Gioacchino Rossinis „Petite Messe Solennelle“; diese Oper für die Kirche soll das Festivalmotto abschließend abrunden, weil sie viele unterschiedliche Geschmäcker in sich vereint.

Der Intendantin selbst gefallen am Festivalprogramm „die Wanderungen zwischen Genres“ – wobei damit keinesfalls Cross-over oder die bloße Anreicherung von Jazz durch verbreiternde Füllstimmen im Orchester gemeint seien. Um zu zeigen, wie bereichernd die individuelle Art der Grenzüberschreitung sein kann, verweist sie auf das Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters: Da gibt es neben Werken von zwei (nebenbei völlig unbekannten) barocken Stuttgarter Hofkapellmeistern die Uraufführung eines Stücks, das der polnische Geiger Adam Baldych komponiert hat. Dieser wiederum sei „eine Mischung aus Barockgeiger und Jazzer“ und improvisiere auf einer historischen Geige. „In der Barockmusik“, so Zagrosek, „ist die Kunst des Improvisierens ja ebenso ausgefeilt wie im Jazz, damit haben die beiden so unterschiedlichen Genres eine Gemeinsamkeit – ein spannender Ansatz für das Musizieren.“

Eine weitere Programmlinie bilden Parodien, also die Verwendung von vorhandener Musik mit neuem Text und in neuem Kontext. „Solche ungewöhnlichen Programme sind festivaltauglich, das ist in einer herkömmlichen Aboreihe mit fünf zeitlich weit voneinander getrennten Konzerten nicht so sinnvoll darstellbar.“

Die Streamingangebote des Musikfests verursachen Kosten im sechsstelligen Bereich

Und wie sieht es mit dem Budget aus? Vehement verneint Katrin Zagrosek die Annahme, ein auch mit gestreamten Konzertmitschnitten bestücktes Festival sei preiswerter als ein reines Präsenzfestival. Hochwertige audiovisuelle Aufzeichnungen, für die man Fachleute verpflichtet hat, sind teuer – beim diesjährigen Musikfest kosten sie die Veranstalter eine sechsstellige Summe. Im Gegenzug entfallen wegen der stark reduzierten Platzkapazitäten gegenüber der Ursprungsplanung Kartenerlöse – ebenfalls in sechsstelliger Höhe. „Sofern alle Förderungen erhalten bleiben“, so die Intendantin, „kommen wir wirtschaftlich gut hin.“

Dabei war und ist das Musikfest für die Bachakademie auch eine Übung in Akzeptanz und Flexibilität. Ein Beispiel: Für das Abschlusskonzert im Beethovensaal hatte man im ersten Vorverkauf zwar schon 130 Karten verkauft, aber für ein gänzlich anderes Programm; jetzt dürfen hier 250 Besucher kommen und Rossini vor Ort hören. Die Zuschauer müssen getestet, geimpft oder genesen sein, und die live auftretenden Musiker werden, auch wenn sie vollständig geimpft sind, zusätzlich getestet. Man geht auf Sicherheit. Und ist überglücklich, dass die Grundideen des Festivals trotz der geschrumpften Menge von Veranstaltungen erhalten bleiben. Auch deshalb wird das Musikfest Stuttgart 2021 ein sehr besonderes sein.

Höhepunkte des Musikfest

Konzerte mit Publikum
Eröffnungskonzert „Barocke Genusstour“ mit der Gaechinger Cantorey (12. Juni), Klezmer und Klassik mit Sebastian Manz (14. Juni), Barock und Jazz mit dem Stuttgarter Kammerorchester (15. Juni), Richard Strauss’ „Krämerspiegel“ (20.  Juni), Bach-Kantaten mit der Gaechinger Cantorey (20. Juni), Abschlusskonzert mit Rossini (26. Juni). Diese Konzerte werden auch teils live, teils zeitversetzt gestreamt.

Musikfest-Cafés
Henning Bey spricht mit dem Sommelier Bernd Kreis (15. Juni), Monsignore Christian Hermes (17. Juni), dem Textildesigner Karl Höing (18. Juni), dem Koch Vincent Klink (21. Juni) und der Musikkritikerin Eleonore Büning (24. Juni).

Nur online
Moskauer Chor Intrada (14. Juni), Vokalsextett Slixs (19. Juni), Stuttgarter Philharmoniker (19. Juni), Staatsorchester Stuttgart (22. Juni), Jordi Savall und Le Concert des Nations (23. Juni).

www.musikfest.de

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