Musikfest Stuttgart Über die Gräben hinweg

Von Markus Dippold 

Das West-Eastern Divan Orchestra ist kein Ensemble wie jedes andere – Am Donnerstag bestreitet es mit seinem Dirigenten Daniel Barenboim das Eröffnungskonzert des Musikfests in der Liederhalle.

Applaus für das West-Eastern Divan Orchestra u Foto: Musikfest
Applaus für das West-Eastern Divan Orchestra u Foto: Musikfest

Stuttgart - Wer gemeinsam Musik machen will, muss dem anderen zu­hören, egal ob Kammermusik-Ensemble oder groß besetztes Sinfonie­orchester. Für Musiker ist das eine exis­tenzielle Wahrheit. Aus dieser simplen Erkenntnis entstand ein ebenso einmaliges wie erfolgreiches Projekt: das West-Eastern Divan Orchestra. Heute eröffnet es mit seinem Dirigenten Daniel Barenboim das Stuttgarter Musikfest. Zusammen mit dem mittlerweile verstorbenen palästinensisch-amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said hatte Barenboim dieses Orchester 1999 gegen Intoleranz und für die Vision eines friedlichen Nahen Ostens gegründet: „Wir sind uns einig, dass die einzige Möglichkeit für die Zukunft ist, Raum für Dialoge zu schaffen. Dadurch lernt man, dass es Gemeinsamkeiten gibt, und es wird Respekt für den jeweils anderen entstehen.“

Das ist Barenboims Kredo für das WEDO, wie das Orchester kurz tituliert wird, in dem junge Musiker aus Israel, den Palästinenser­gebieten und der arabischen Welt neben- und miteinander spielen. Seinen Namen verdankt das Orchester Goethes „West-Östlichem Divan“, dieser Gedichtsammlung, worin der Verfasser von einer Weltliteratur träumt, zu der westliche wie östliche Kultur gleichermaßen beitragen. Seinen Sitz hat das WEDO im spanischen Sevilla. Barenboim: „Andalusien ist ein einmaliges Beispiel in der Geschichte, ein idealer Ort, weil dort über 700 Jahre lang Christen, Muslime und Juden friedlich zusammengelebt haben.“

Man müsse Raum für Dialog schaffen, das betont der Dirigent immer wieder. Dass genau dies den jungen Musikern, ob Palästinensern oder Israelis, anfangs schwergefallen ist, liegt auf der Hand. Man spielt schließlich mit dem „Feind“. Übereinstimmend schildern die Künstler, wie schwierig es für sie gewesen sei, miteinander klarzukommen. Erst allmählich wichen festgefahrene Haltungen und Vorurteile dem Verständnis für die andere Seite.

Der Dirigent ist ein Kosmopolit

Wahrscheinlich ist Daniel Barenboim einer der wenigen, der so ein Projekt realisieren und zu einem Erfolg machen kann. Der 1942 in Buenos Aires geborene Dirigent ist ein Kosmopolit. Die russisch-jüdischen Eltern, die in Argentinien leben, wanderten nach Israel aus, als Daniel zehn Jahre alt war. Das Wunderkind gastierte als Jugendlicher weltweit und wurde zum gefeierten Pianisten und Dirigenten – und vor allem zu einem Homo politicus, der sich nicht scheut, auch unbequeme oder unliebsame Dinge offen auszusprechen.

So kritisiert er, der Jude mit israelischem Pass, die Palästinenserpolitik des Staates Israel: „Die Palästinenser müssen dieselben Rechte haben wie die Israelis.“ Aber auch die andere Seite schont er nicht: „Das sind zwei Völker, die sich als Opfer betrachten und sich darin überbieten wollen, wer mehr gelitten hat. Die Palästinenser müssen akzeptieren, dass es Israel gibt.“ So etwas darf ungeschützt wohl nur sagen, wer auch einen palästinensischen Pass besitzt. Barenboim ist derzeit wahrscheinlich der einzige Mensch mit diesen beiden Staatsbürgerschaften. Genau deshalb kann er für sich und das WEDO auch reklamieren: „Wir sind nicht politisch. Denn politisch zu sein bedeutet, Partei zu ergreifen, und genau das wollen wir nicht.“

Dieser Haltung wegen wird Barenboim oft vorgeworfen, das West-Eastern Divan Orchestra sei ein utopisches Projekt, ein Symbol ohne Mehrwert. „Ich bin nicht naiv. Ich glaube nicht, dass ein wundervolles Orchester alle Probleme lösen kann; aber es kann eine Idee liefern, wie man vielleicht eine Lösung finden kann. Ich sehe es wie ­alternative Medizin. Sie wirkt nicht so schnell, sie wirkt anders.“




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