Musikikone Graham Nash Herr Nash, wann haben Sie zuletzt geweint?
Er war bei den Hollies, dann Teil der Supergroup Crosby, Stills, Nash & Young. Musikikone Graham Nash im Interview über Liebe, Hoffnung und seine Angst vor Donald Trump.
Er war bei den Hollies, dann Teil der Supergroup Crosby, Stills, Nash & Young. Musikikone Graham Nash im Interview über Liebe, Hoffnung und seine Angst vor Donald Trump.
Die Welt brennt. An allen Ecken. „Man sollte aber trotzdem nie die Hoffnung verlieren“, sagt Graham Nash, kurz vor seinem 83. Geburtstag. Ohne Übertreibung schrieb der Herr Musikgeschichte als Mitglied der Bands The Hollies und Crosby, Stills, Nash & Young.
Herr Nash, lassen Sie uns über Liebe und Hoffnung sprechen. Beides braucht man im Leben, oder?
Ich denke, dass diese beiden Themen, Liebe und Hoffnung, unglaublich wichtig im Leben der Menschen sind. Besonders in meinem Leben. Ich bin sehr verliebt in meine neue Frau, die seit fünf Jahren mit mir verheiratet ist: Amy Grantham, die eine brillante Künstlerin ist. Und ich kann nur hoffen, dass die Dinge in Zukunft besser werden. Im Moment sieht es in den Vereinigten Staaten so aus, als würden wir mindestens vier Jahre lang politisches Chaos erleben. Ich glaube nicht, dass Donald Trump seine Präsidentschaft oder besser gesagt sein Königtum aufgeben wird. Ich glaube, dass er auch versuchen wird, die Verfassung zu ändern, damit er ein weiteres Mal kandidieren kann.
Es sieht gerade nicht gut aus.
Besonders der Aufstieg des rechten Flügels in Europa. Das ist sehr, sehr beunruhigend.
Von Nick Cave stammt der schöne Satz: „Hope is optimism with a broken heart“, also Hoffnung ist Optimismus mit gebrochenem Herzen. Wie machen Sie das, dass Sie nie die Hoffnung verlieren?
Du kannst nur dich selbst beeinflussen. Man selbst ist der Punkt, an dem man anfängt. Ich wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, und seitdem bin ich sehr hoffnungsvoll, dass die Welt besser wird. Im Moment sieht es allerdings unglaublich gefährlich aus. Es gibt keine Einigkeit zwischen Amerika und dem Vereinigten Königreich und Europa und Russland und China. Jeder findet etwas, worüber er sich beschweren kann. Und das ist eines der Dinge, für die ich Donald Trump wirklich verachte, nämlich dass er uns leider auf brillante Weise gespalten hat und uns dazu gebracht hat, mit dem Finger auf alle zu zeigen, die nicht so sind wie wir. Und genau das breitet sich auf der ganzen Welt aus. Aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass die Dinge besser werden.
Neben der Hoffnung ist die Liebe wichtig. Was ist das schönste Liebeslied, das Sie je geschrieben haben?
Ich habe das Gefühl, dass ein Lied, das ich geschrieben habe und das „Our House“ heißt, diese Auszeichnung tragen könnte. Doch auch auf meinem neuen Album gibt es ein paar Liebeslieder für meine Frau Amy, die ich sehr mag.
Was haben Sie in all den Jahren über die Liebe gelernt?
Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, sich mit Liebe zu umgeben, sich mit Menschen zu umgeben, die einen schätzen, sich mit Menschen zu umgeben, die lieben, was man liebt. Ich war gerade heute Morgen bei einer unglaublichen Ausstellung im Guggenheim Museum hier in New York. Man muss sich mit Dingen umgeben, die man liebt, mit Bildern, die man liebt, mit Menschen, die man liebt, mit Kindern, die man liebt.
Und eben mit Kunst und mit Musik. Sie haben „Our House“, diese unglaubliche Liebeshymne für Joni Mitchell angesprochen. Glauben Sie, dass eine Künstliche Intelligenz einen solchen Song schreiben kann?
Ich bin sicher, dass die KI zu diesem Punkt kommen wird, dass sie das kann. Eine Menge von Musikern versuchen schon, mit KI Songs zu schreiben. Aber eine KI hat kein Herz. Keine Seele. Als KI zum ersten Mal aufkam, bat ich sie , mir einen Text zu einem Graham-Nash-Song zu schreiben. Und es war so erschreckend, wie schnell das ging, so dass ich es nie wieder versucht habe.
Wann haben Sie zuletzt geweint, als Sie Musik hörten?
Wahrscheinlich, als ich Samuel Barber hörte, ein klassisches Stück, das „Adagio for Strings Movement“, dieses Musikstück berührt mein Herz. Und vor kurzem hat mich meine Frau Amy auf Glenn Gould aufmerksam gemacht, der ein genialer Pianist ist, der Bach auf eine wirklich unglaubliche Weise spielt.
Sie haben in Ihrer Karriere mit so vielen legendären Musikern zusammengearbeitet. Welche Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Es war im November 1959. Ich war 17 Jahre alt. Und wir hatten eine Show im Norden Englands, bei der zehn Künstler der Region zusammengestellt wurden, die jeweils einen Song spielten. In der Show, von der ich spreche, traten unter anderem ich und Allan Clarke auf, der später die Hollies gründete, ein Mann namens Freddie Garrity, der Freddie bei den Dreamers war, ein Mann namens Ron Wycherley, der zu Billy Fury wurde und eben fünf Kinder aus Liverpool namens Johnny and the Moondogs. Das war das erste Mal, dass ich das sah, was schließlich die Beatles wurden. Ich erinnere mich gut daran, dass ich mit den Beatles in einer anderen Stadt in Nordengland auftrat, und McCartney kam zu mir und sagte: Hey, willst du einen neuen Song hören? Und ich stand in der Mitte von Paul McCartney und John Lennon, als sie mir einen Song namens „Misery“ vorsangen, den sie gerade geschrieben hatten. Ich habe mit vielen, vielen großen Musikern zusammengearbeitet. Eine Wahnsinnsehre! Mit David Gilmour beispielsweise. David und ich stellen gerade ein Album zusammen, auf dem wir die Background-Stimmen für viele große Künstler singen: Carole King, Stephen Stills, John Mayer, Elton John.
Die Legende besagt, dass Sie David Crosby und Stephen Stills im Garten von Joni Mitchell kennengelernt haben. Mit Neil Young war dann eine Supergroup geboren. Haben Sie noch Kontakt zum lebenden Rest?
Auf jeden Fall. Ich habe gelegentlich auch mit Joan gesprochen. Ich habe ihr jedes Jahr, seit wir uns getrennt haben, Blumen zu ihrem Geburtstag geschickt.
Sie haben alles miterlebt: Vinyl, CDs, MP3s und jetzt Streaming. Wann haben Sie am meisten Geld verdient?
Meine Zeit war die des Vinyls. Natürlich habe ich wahrscheinlich mehr Vinyl-Alben als CDs verkauft, weil ich im Zeitalter des Vinyls aufgewachsen bin, und ich bin unglaublich begeistert, dass die Vinyl-Verkäufe, vor allem hier in den Vereinigten Staaten, weitaus höher sind als der Verkauf von CDs. Und ich liebe es, dass es einen großen Unterschied zwischen dem Hören von Musik auf Vinyl und dem Hören von Musik auf digitalem Wege gibt.
Und wie haben Sie die 70er Jahre erlebt?
Es ist ziemlich schwierig. Heutzutage ist es ganz anders als früher. Es gab einen Punkt, an dem wir dachten, dass Richard Nixon verrückt war. Aber es ist, wissen Sie, es ist nichts wie die Trump-Regierung. Viele Musiker wollen den Karren nicht aus dem Dreck ziehen, wie man so schön sagt. Sie haben Angst davor, Leute wie Donald Trump zu verurteilen. Und ich verstehe ihre Angst. Ich verstehe, dass Donald Trump sehr wohl gegen Leute wie uns vorgehen kann. Aber es ist eine ganz andere politische Situation und ein sehr schwieriges, anderes Klima. Es gibt so viele Probleme: der Klimawandel und die damit verbundenen Brände, Tornados, Wirbelstürme und Erdbeben, die immer schlimmer werden.
Es ist doch mutig von Künstlerinnen wie etwa Taylor Swift, die sich gegen Donald Trump aussprechen.
Ich mag Taylors Musik nicht besonders, aber ich verstehe die Macht, die sie hat. Und ich verstehe, wie sie diese Macht nutzt. Und sie spricht natürlich mit vielen Leuten, besonders in den sozialen Medien. Und deshalb mag ich wirklich, was sie zu sagen hat. Viele ihrer politischen Ansichten gefallen mir sehr. Und ich freue mich sehr, dass sie ihre Macht auf großartige Weise einsetzt.
Welche aktuelle Musik mögen Sie?
Das letzte, was ich gehört habe und was mich wirklich bewegt hat, war ein Lied namens „This Is America“ von Childish Gambino. Nicht nur, dass der Song großartig ist, auch das Video dazu ist spektakulär.
Tour
Graham Nash wird im Herbst 2025 auf Deutschlandtournee gehen. Die „More Evenings of Songs & Stories 2025“-Tour umfasst insgesamt sechs Konzerte in deutschen Städten. Nash wird Songs aus seinem langen Schaffen darbieten – von The Hollies über Crosby, Stills and Nash bis hin zu seinen Solosachen. Auf der Bühne wird er von Todd Caldwell, Adam Minkoff und Zach Djanikian unterstützt.
Termine
23.9. Frankfurt, 24.9. Düsseldorf, 26.9. Berlin, 27.9. Leipzig, 29.9. Stuttgart, 1.10. Hamburg.