Musikwissenschaftler im Stuttgarter Norden Friedrich Schiller würde sich freuen

Von Eva Funke 

Georg Günther hat ein Werk verfasst, dass so ziemlich alle Vertonungen von Texten des Dichters auflistet. In das zweibändige Nachschlagewerk hat der Stuttgarter 15 Jahre Arbeit gesteckt.

15 Jahre Arbeit stecken in dem Nachschlagwerk von Georg Günther. Foto: Funke
15 Jahre Arbeit stecken in dem Nachschlagwerk von Georg Günther. Foto: Funke

Stuttgart-Nord - Stuttgart-Nord - An allen Wänden im Arbeitszimmer von Georg Günther stehen Regale. Die Bücher stapeln sich bis unter die Decke: alles neue und antiquarische Nachschlagewerke in verschiedenen Sprachen zum Thema Musik. Auf dem Tisch: Zwei dicke Bücher mit insgesamt 1070 Seiten. Der Titel des Kompendiums: „Friedrich Schillers musikalische Wirkungsgeschichte.“ Georg Günther ist der Autor dieses Werks, das sämtliche Vertonungen von Texten Friedrich Schillers auflistet. „Ich hoffe zumindest, dass es alle sind“, sagt Günther.

Mit mehr als 3000 vertonten Gedichten, Balladen, Dramen und Tragödien hat der 60-Jährige, der am Killesberg wohnt, in 15 Jahren Arbeit ein enormes Nachschlagwerk geschaffen und mit Metzler einen Verlag gefunden, der das Werk publiziert hat. Dass die beiden Bände es in keine Bestsellerliste schaffen, ist Günther klar: doch für Sänger, die nach Liedern suchen, Musiker, Literaturwissenschaftler und Historiker sei es durchaus eine Fundgrube auch für vergessene Kompositionen, ist Günther überzeugt.

Lebensmut durch Leidenschaft

Dass er auf Grund seiner Ausbildung und seines Berufs als Bibliothekar und Musikwissenschaftler wusste, wo er die entsprechenden Nachschlagewerke findet und wie er Zugang dazu bekommt, bezeichnet Günther als „großes Glück“ in seinem Leben. Günther von „Glück“ sprechen zu hören, berührt. Denn der 60-Jährige ist vor Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt, er sitzt im Rollstuhl. Das Atmen und Sprechen fallen ihm schwer. „Meine Leidenschaft, das Nachschlagewerk abzuschließen, hat mir Lebensmut gegeben. Ohne diese Aufgabe würde ich die Radieschen vielleicht schon von unten sehen“, sagt er. Ob so eine akribische Suche nach Vertonungen auf Dauer nicht stinklangweilig ist? „Überhaupt nicht. Je mehr man sich rein kniet, um so interessanter wird es“, sagt Günther. Dabei geht es ihm wie jedem leidenschaftlichen Sammler, egal ob Kunst, Briefmarken oder Bierdeckel: Bis die Sammlung vollständig ist, gibt das Sammlerherz keine Ruhe. Ist die Sammlung komplett, braucht es eine neue Herausforderung.

Günthers nächstes Projekt: ein Nachschlagwerk, das einen Überblick über die klassische Musik in bekannten Kinofilmen gibt. „Oder wussten Sie, dass ,Pretty Woman‘ Musik aus Verdis Oper ‚La Traviata‘ und ‚Doktor Schiwago‘ Musik von Rachmaninov enthält?“ Mehr als 1000 Seiten soll das geplante Werk allerdings nicht umfassen: „Ich weiß ja nicht wie viel Zeit mir noch bleibt“, stellt Günter fest – und will das auch gar nicht wissen.

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