Musk, Zuckerberg und Co. Digitale Propheten
Die Versprechungen der technologischen Revolution haben religiöse Züge. Ihre Vordenker inszenieren sich als Heilsbringer der Zukunft. Doch die neue Glaubenslehre hat auch ihre Ketzer.
Die Versprechungen der technologischen Revolution haben religiöse Züge. Ihre Vordenker inszenieren sich als Heilsbringer der Zukunft. Doch die neue Glaubenslehre hat auch ihre Ketzer.
Stuttgart - Zur Kulisse einer Großstadt im Abendlicht erklingt Klaviermusik. „Wir glauben an eine Zukunft, wo Technologie deine Welt besser macht,“ lautet der erste Satz. Von „verantwortungsvollen, gesunden Unternehmen“ ist die Rede. Eine Welt, in der „Träume wahr“ werden, ist die Verheißung. Der eineinhalbminütige Film ist voller Projektionen eines harmonischen, multikulturellen Paradieses: „SAP verbessert das Leben. Das ist unser Daseinszweck.“ Solche Kitsch-Imagevideos wie jenes des deutschen IT-Konzerns sind heute ein eignes Genre. Technologie hat eine Mission, lautet die Botschaft.
Wenn technologische Revolutionen die Gesellschaft radikal umwälzen, wächst die Versuchung, diese Erschütterungen mit frommen Slogans zu bemänteln. Das späte 19. Jahrhundert war eine solche Epoche der Forschrittsprediger. Und nach dem Zweiten Weltkrieg träumte man in der expandierten Konsumgesellschaft von der im Überfluss vorhandenen Kernenergie, von futuristisch in die Höhe wachsenden oder auf dem Boden der Ozeane befindlichen Städten, von Magnetbahnen, Hubschraubern und Raumschiffen. Der Fortschrittsglaube im 21. Jahrhundert ist nicht so konkret zu fassen. Er steckt in Daten oder Künstlicher Intelligenz. Doch das Versprechen ist dasselbe: Technik löst unsere Probleme, heilt unsere Krankheiten, erfüllt unser Leben. Die Welt der Techno-Theologie kennt ihre Propheten, ihren Klerus, ihre Schäflein und ihre Häretiker.
„In Zeiten wie diesen ist das wichtigste, was wir tun können, eine soziale Infrastruktur zu entwickeln, um den Menschen den Aufbau einer globalen Gemeinschaft zu ermöglichen, die uns allen dient“, so hat Mark Zuckerberg Ende 2017 in einem offenen Brief die Mission seines Unternehmens beschrieben. Damit nicht genug. Facebook „will unsere Sicherheit gewährleisten, unser bürgerschaftliches Engagement unterstützen und die Inklusion aller Menschen“ sicherstellen. „Globale Gemeinschaft“, „Sicherheit“, „Inklusion“ – , das ist ein Heilsversprechen.
„Die Globalisierung nach dem Kalten Krieg hat Unternehmen endlose Horizonte gebracht“, schreibt der US-Historiker Greg Grandin. „Und die Fantasien der Superreichen können sich – genauso wie ihr Kapital – frei entfalten: Sie imaginieren für sich selber ein Leben in freischwebenden Dörfern, außerhalb der Kontrolle von Regierungen oder sie fördern Forschungen, die den Tod überwinden oder ihr Bewusstsein in die Internetcloud hochladen sollen oder sie zum Mars davonfliegen lassen.“
Grandin denkt hier etwa an den deutschstämmigen Technologieinvestor Peter Thiel, der von schwimmenden Freistaaten auf dem Meer fantasiert. Google-Mitbegründer Sergey Brin lässt zur ewigen Lebensverlängerung forschen. Und der Überflieger aller Überflieger, der Tesla-Gründer und Raumschiff-Entrepreneur Elon Musk, will zum Mars. Bei ihm wird ganz besonders deutlich, dass es hier um die Verheißung geht, weniger um die Realisierung. Keine andere Branche als die digitale kreist so sehr um Prophetenfiguren – die Visionäre, die nicht Produkte verkaufen, sondern angeblich die Welt retten und zu neuen Horizonten aufbrechen.
Evangelisten nennen sich ohne jede Ironie Technologieexperten, welche die Vorzüge von Innovationen unters Volk tragen sollen. Der Begriff wurde in den 90er-Jahren von Apple erfunden. Das Gerede von der eigenen Mission habe längst auch deutsche Konzerne von Daimler bis Thyssen-Krupp angesteckt, schrieb vor kurzem die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Auf die Spitze treiben es die jungen Digitalkonzerne in Amerika, die laut eigener Rhetorik samt und sonders zum Wohl der Menschheit unterwegs sind. Derart mit Heiligenschein ausstaffiert, gelingt ihnen das Kunststück, ihre Beiträge fürs Gemeinwesen, Steuern genannt, zu minimieren, den ,Shareholder Value‘ zu maximieren und trotzdem als Wohltäter durchzugehen.“
Die US-Journalistin Kara Swisher hat diesen Messianismus bissig aufgespießt: „Banker haben nie behauptet, dass sie die Welt verbessern. Die Hersteller von Klopapier und Kartoffelchips taten dies genauso wenig. Na ja, Brausehersteller wie Coca-Cola haben das in ihren Anzeigen so dargestellt – aber wir haben augenzwinkernd den Witz verstanden, wenn sie behauptet haben, dass Zuckerwasser die Welt zusammenbringt“, schrieb sie in der „New York Times“: „Aber Silicon Valley hat seine eigenen Mythen wirklich geglaubt – dass die Technologie-Führer vom Berg herabgestiegen sind, um die glitzernden Geräte und magische Software zu liefern, welche die Menschheit verwandeln würde.“
Was wäre eine Religion ohne Kleriker? Sie sind die Auserwählten, wenn sie sich denn genügend anstrengen und würdig erweisen. Die Start-up-Kultur beispielsweise, hat ganz im Sinne frommer Traktate ganze Poesiesammlungen mit Motivations- und Sinnsprüchen zu bieten: „Leidenschaft scheitert nie“, „Fürchte weniger!“, „Alles beginnt als Nichts“, „Innoviere oder Sterbe!“ – das sind einige bei Stuttgarter Start-up-Events gesammelte Postkartensprüche.
Der strenge Reformator Johannes Calvin jedenfalls hätte seine Freude an dem Arbeitsethos gehabt, das so gepredigt wird. „Ich habe die hellsten Köpfe meiner Generation 18-Stunden-Tage schieben und dann über ihr Abstrampeln auf Instagram prahlen sehen“, schrieb der US-Journalist Erin Griffith. Man feiere das „Sich-zu-Tode-Arbeiten“, kommentierte die Zeitschrift „New Yorker“. Askese und Schlafentzug, das könnte aber jeder zur nächtlichen Gebetszeit Vigil eilende Mönch erzählen, gehören zum Erlösungsprogramm dazu. Wessen Fähigkeiten in der kommenden Welt gebraucht werden, darf sich als Teil der Auserwählten sehen, überall zu Hause, global mobil wie einst die Jesuiten. Denn er sorgt mit seiner Programmier- und Entwicklungsarbeit dafür, dass die Visionen der Propheten Wirklichkeit werden.
Joi Ito, der Direktor des Medienlabors am Massachusetts Institute of Technology (MIT) beschreibt Kultur und missionarischen Eifer dieser von Männern dominierten Elite, die ein immer komplexeres technologisches Wissen hütet, folgendermaßen: „Viele von Ihnen haben das Gefühl, dass man sie nur all diese Science Fiction realisieren lassen müsse, dann könnten wir um das ganze unordentliche Zeug wie Politik und Gesellschaft herumkommen.“ Männer als Propheten, männlicher Klerus? Es wäre nicht das erste Mal in der Historie.
Glaube braucht einfache Wahrheiten: „Unsere Diskussionen schrecken zunehmend von Komplexität zurück und wir suchen stattdessen nach schnellen, einfachen, datengestützten Lösungen“, sagt David Puttnam vom Zentrum für Datenethik an der Universität Cambridge. Und Glaube braucht ein Heilsversprechen. Christopher Keese, ein 2016 mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichneter Digital-Journalist beschreibt in seinem Buch „Silicon Germany“ das gesunde Leben der Zukunft: „Unzählige Sensoren überwachen den Körper – auf ausdrücklichen Wunsch des Nutzers.“ Schon der Blick in den Spiegel ist eine Offenbarung: „Badezimmerspiegel scannen jeden Morgen Temperatur, Gesichtsfarbe, Pupillendurchmesser, Blutdruck, Augendruck und viele andere Parameter. Anhand statistischer Relationen erkennen sie Infektionen und andere Erkrankungen kurz nach dem Ausbruch und schlagen Therapien vor.“ Die Unsterblichkeit ist nicht mehr weit.
Einst wurde in der Kirche von „Schäflein“ gesprochen. Auch der „Nutzer“ im Digitalzeitalter wird als schutz- und steuerungsbedürftig behandelt. In der Unsicherheit der Welt zu helfen – dieser Kernaspekt von Glaubenssystemen geht auf die Technologie über. „Die Fahrzeuge der Zukunft werden wissen, ob ihr Fahrer es eilig hat und wie wichtig der Termin ist, der gerade ansteht. Sie wissen Bescheid, nicht nur, wo die nächste Tankstelle ist, sondern auch, welche Restaurants und Hotels der Fahrer schätzt“, so schreibt Manfred Broy, der Gründungspräsident des Zentrums für Digitalisierung in Bayern für einen von Porsche herausgegebenen Sammelband: „Der Mensch verliert in der Interaktion mit der Maschine an Dominanz und Einfluss. Rollen und Identitäten verschieben sich.“
Religionen wollen dem Guten zum Durchbruch verhelfen. Erstmals in der Geschichte scheint das nun angeblich durch fürsorgliche Technologie möglich. In China wird das offen propagiert. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ beschrieb vor kurzem, dass die überwältigende Mehrheit der Chinesen dies befürworte. Sie schrieb von „Sedieren und Verführen statt Angst und Schrecken“.
Die härtesten Häretiker haben selber einst geglaubt – wie Martin Luther. Es waren auch in den 1960er- und 1970er-Jahren bereits Wissenschaftler und Insider, die als erste die damaligen technologischen Heilsversprechen anzweifelten.
Die Ketzer von heute sind Menschen wie Roger McNamee. Der 62-Jährige war ein früher Investor bei Facebook. Er rechnet im Buch „Zucked“ mit dessen Gründer Mark Zuckerberg ab. „Inzwischen ist McNamee vom Glauben abgefallen“ – so beschrieb der Berichterstatter der Stuttgarter Zeitung dessen Auftritt auf der diesjährigen Digitalkonferenz SXSW im texanischen Austin. „Das Internet hat die Menschheit enttäuscht, statt sie voranzubringen“, sagte vor kurzem Tim Berners-Lee, kein geringerer als der Erfinder des World Wide Web. Der Enthüller Edward Snowden arbeitete im Herzen der US-Geheimdienste. Die mit dem Theodor-Heuss-Preis ausgezeichnete Yvonne Hochstetter ist IT-Unternehmerin; die digitale Revolution sei die die Versuchung der Menschheit schlechthin, schreibt sie: „Man denke an die biblische Erzählung von Adam, Eva und der Ursünde, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Die existenziellen Fragen sind geblieben. Soll der Mensch alles wissen? Welches Paradies verlieren wir, wenn wir dem Big-Data-Versprechen glauben?“
So rosig die Propheten argumentieren, so sehr ist bei den Häretikern ein apokalyptischer Zug nicht zu übersehen. Zuerst sind es Stimmen in der Wüste. Doch wenn solche Mahnungen auf ein verbreitetes Unbehagen und Misstrauen in der Gesellschaft stoßen, kann die Stimmung kippen. Ein Indiz ist, dass in jüngster Zeit bei Apple etwa keine großen neuen Propheten à la Steve Jobs nachgewachsen sind. Die Nachfolger sind blassere, weniger charismatische Figuren.
Häretiker haben nicht unbedingt recht – die Ökologen der 60er- und 70er-Jahre lösten eine Gegenbewegung aus, deren Vorhersagen am Ende nicht eintrafen. Doch Skepsis als „Bedenkenträgerei“ abzuqualifizieren, ist ein Bärendienst für nachhaltige Innovation: Technologischer Fortschritt ist kein linearer, sondern ein dialektischer Prozess. Kritiker zwingen dazu, die Frage nach dem Warum tiefgreifender zu beantworten als in säuselnden Videos.
Die Technologie-Gurus haben verstanden, dass sie so tief in die Existenz der Menschen eingreifen, dass sie eine Legitimation jenseits des Geldverdienens suggerieren müssen. Nur wer dies durchschaut, diskutiert auf Augenhöhe.