Gamze Güngör (links) und Gökçen Sara Tamer-Uzun sprechen darüber, welche Kommentare Fastende zum Ramadan nicht mehr hören können. Foto: privat
„Das kann doch nicht gesund sein“ – solche Kommentare hören viele Fastende im Ramadan. Zwei Musliminnen erzählen, was sie nicht mehr hören können, und was hinter dem Fasten steckt.
Sara Braig
18.03.2026 - 19:00 Uhr
Der Fastenmonat Ramadan ist vorbei, am 20. März feiern Muslime auf der ganzen Welt das Zuckerfest. Diese besondere Zeit ist aber nicht nur von schönen Erinnerungen geprägt. Viele Fastende müssen sich immer wieder den gleichen Fragen und Kommentaren stellen. Wir haben mit der Grundschullehrerin Gamze Güngör und der Religionspädagogin Gökçen Sara Tamer-Uzun darüber gesprochen, was Muslime nicht mehr hören können.
„Das kann doch nicht gesund sein“ oder „Das kann man ja nicht schaffen“ sind nur zwei der Kommentare, die Gamze Güngör in der Fastenzeit oft hört. „Bist du überhaupt noch leistungsfähig, wenn du nichts essen und trinken kannst?“, „Das Fasten sieht man dir gar nicht an“, „Tagsüber verzichten und abends alles in sich hineinessen, was soll daran gut sein?“ sind drei weitere Aussagen, denen sich Muslime im Ramadan laut der Religionspädagogin Gökçen Sara Tamer-Uzun immer wieder stellen müssen.
Diese Kommentare würden ein typisches Muster aufzeigen, sagt die 49-Jährige: eine Sensationslust, einen Defizitblick auf die religiöse Praxis, eine Vereinheitlichung muslimischen Lebens, stereotype Vorstellungen und nicht selten auch ein implizites Infragestellen der muslimischen Religiosität, Kultur und Zugehörigkeit.
Gamze Güngör arbeitet als Grundschullehrerin in Heilbronn. Dabei sind die Kommentare, die sie in der Fastenzeit oft hört, gar nicht unbedingt auf sie bezogen. Vielmehr sind sie an die Schüler gerichtet. Auch an ihrer Schule gebe es Kinder, die mitfasten. Teilweise würden sie aber schon Mittags etwas essen oder verzichten in der Zeit auf Süßigkeiten. Ab zehn Jahren fasten manche aber auch den Tag durch. Vorgeschrieben ist diese Praxis für Grundschüler allerdings nicht, der Islam sieht das Fasten erst ab der Pubertät vor. Weil Schulen eine Fürsorgepflcht haben, müssen sie darauf achte, dass die Gesundheit und die Unterrichtspflicht der fastenden Kinder und Jugendlichen nicht gefährdet ist.
„Also das mit dem Essen verstehe ich ja, aber das mit dem Trinken kann ich nicht nachvollziehen“, lautet eine weitere Bemerkung, die Gamze Güngör schon oft gehört hat. Dabei gehe es im Ramadan darum, in sich zu kehren und ruhiger zu werden. „Das, was einen im Alltag ablenkt, wie Essen und Trinken, wird heruntergefahren und so fährt auch der Körper herunter, damit die Seele wieder einen Platz findet“, erklärt die 40-Jährige. Einige würden die Ruhe auch durch das Gebet zu Gott finden, das Fasten sei wie ein Gottesdienst. Das ist auch der Grund, warum Gamze Güngör den Verzicht auf Essen und Trinken über den Ramadan hinweg durchhält.
Auch Gökçen Sara Tamer-Uzun ist es wichtig zu betonen, „dass Fasten keine „fremde Sonderpraxis“ ist, sondern etwas zutiefst Verbindendes.“ „Das Fasten verbindet Religionen und Weltanschauungen seit Beginn der Menschheitsgeschichte. Auch der Ramadan steht in dieser großen spirituellen Tradition“, sagt sie. Im Islam sei das Fasten nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern auch ein Ausdruck von Verbundenheit, Selbstreflexion, Barmherzigkeit und innerer Einkehr. „Fasten erinnert an Mitgefühl, Solidarität, Dankbarkeit und Nächstenliebe. Gerade darin liegt sein tiefer Sinn“, erklärt die Dozentin der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.
Mehr Normalität, aber keine übertriebene Rücksicht
Gamze Güngör beschreibt den Ramadan für die Muslime „wie die Weihnachtszeit“. „Am Ende des Ramadan ist man immer sehr wehmütig, dass die Zeit vorbei ist. Aber man freut sich auch auf das große Fest, dass alle wieder zusammenkommen und man dann auch am Tag gut essen kann“, erzählt sie. Gökçen Sara Tamer-Uzun geht es ähnlich: „Ich freue mich, jedes Jahr die Freunde zu sehen, sich bewusst die Zeit füreinander zu nehmen und das Essen zu teilen.“
Von den Menschen, die nicht fasten, wünscht sich die Religionspädagogin mehr Normalität. Es solle nicht so getan werden, als wäre es etwas Außergewöhnliches. Auch Rücksicht im angemessenen Rahmen ist gerne gesehen. „Es ist schön, wenn Kollegen sagen, sie gehen zum Mittagessen in die Mensa und das Sandwich nicht vor einem auspacken. Aber nicht übertreiben.“ Die Mitmenschen müssten beispielsweise nicht wegen den Fastenden aufhören, vor ihnen zu trinken, sondern können ihren Alltag ganz normal weiterleben.