Mut zum Risiko? Vorsicht bei der Zinsjagd am Anleihemarkt

Die Leitzinsen beeinflussen die Renditen am Anleihemarkt stark. Foto: fovito - stock.adobe.com

Die Zinsen im Euroraum und in den USA dürften weiter fallen – noch können sich Anleger höhere Renditen sichern. Auch beim Anleihekauf gilt jedoch das Motto: Augen auf!

Mit den sinkenden Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) sind Tages- und Festgeldkonten unattraktiver geworden und auch die Renditen von festverzinslichen Wertpapieren unter Druck geraten. Noch sehen Experten aber Chancen für Anleger, sich bei weiter fallenden Zinssätzen das derzeit noch erhöhte Renditeniveau am Anleihemarkt zu sichern. Besonders verlockend seien hier Hochzinsanleihen – auch Junk Bonds oder Ramschpapiere genannt. Das sind Schuldtitel bonitätsschwacher Unternehmen, die deutlich höhere Erträge bieten als Staatsanleihen.

 

Blackrock sieht Grund zum Einstieg

Sie sind jedoch auch mit wesentlich höheren Risiken verbunden. „Hochzinsanleihen haben sich in den letzten Quartalen überdurchschnittlich gut entwickelt und sind nach wie vor vorzuziehen“, heißt es in einer Marktuntersuchung des Analysehauses Morningstar. Für den weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock zum Beispiel sei das wirtschaftliche Umfeld ein Grund zum Einstieg. „Da die Zinssätze in den Industrieländern sinken, ist es an der Zeit, sich die Renditen zu sichern, die in der Kategorie der Hochzinsanleihen nahe den historischen Höchstständen liegen”, zitiert Morningstar den Blackrock-Strategen Karim Chedid.

Die effektiven Renditen bei Hochzinsanleihen seien mit 6,6 Prozent für die USA und 5,8 Prozent für Europa immer noch attraktiv, meint Chedid. Allerdings lagen sie vor einem Jahr noch bei deutlich höheren rund neun Prozent. Sorgen um einen Wirtschaftsabschwung und steigende Firmenpleiten macht der Marktkenner sich nicht. „Wir brauchen kein signifikantes Wachstum, damit Anleihen gut abschneiden.“ Das hätten Hochzinspapiere in diesem Jahr bereits deutlich gezeigt. Die Ausfälle von Zins- und Tilgungszahlungen lägen im langfristigen Durchschnitt der letzten 25 Jahre.

Doch nicht alle Fachleute teilen diese Zuversicht. „Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen nimmt weltweit zu – das birgt Gefahren für Junk-Bond-Investoren“, warnt Experte Thomas Umlauft vom Vermögensverwalter HRK Lunis, der den Anleihefonds Arbor Invest verwaltet. Es stimme zwar, dass die geldpolitische Wende der Europäischen Zentralbank (EZB) und der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) sich durch sinkende Leitzinsen tendenziell positiv auf den Wert von Anleihen auswirke. Bestehende Papiere mit höheren Zinscoupons würden attraktiver, da die Verzinsung neu ausgegebener Anleihen niedriger ausfalle. Bei Hochzinsanleihen sei dennoch große Vorsicht angebracht.

„Allein in den USA meldeten in diesem Jahr über 2500 Unternehmen Insolvenz nach dem sogenannten Chapter-11-Verfahren an“, gibt Umlauft zu bedenken. Das sei mehr als eine Verdopplung gegenüber früheren Jahren und zeige deutliche Parallelen zur globalen Finanzkrise von 2008.

Experte warnt: „Alarmierende Entwicklung ist global“

Dabei beschränke sich das Phänomen nicht auf die USA. „Diese alarmierende Entwicklung ist global zu beobachten: 2023 stiegen die Insolvenzen weltweit im Schnitt um 29 Prozent an – der stärkste Anstieg seit 2009.“ Auch in Deutschland gerieten laut Datenreihe des Statistischen Bundesamts in den vergangenen Monaten zunehmend Firmen in Finanznöte. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) geht dieses Jahr von deutlich mehr als 20 000 Insolvenzen aus. „Immer mehr Unternehmen geht die Luft aus“, kommentiert DIHK-Mittelstandsexperte Marc Evers die Entwicklung.

Besonders bemerkenswert ist laut Fondsmanager Umlauft, dass selbst größere und von Ratingagenturen bewertete Unternehmen zunehmend in Zahlungsschwierigkeiten gerieten. Der Finanzmarktprofi spricht von einer „problematischen Entwicklung“ und kommt zu dem Schluss, dass die Risikoprämien – der Aufschlag auf die Rendite von sichereren Staatsanleihen – die zunehmende Ausfallgefahr bei Junk Bonds nicht ausreichend reflektiere.

Anleger, die sich für Anleihen interessieren, müssen jedoch nicht gleich auf das höher verzinste Hochrisikomarktsegment setzen. Auch mit Schuldverschreibungen etwa der Finanztöchter finanziell solide aufgestellter Großkonzerne wie Volkswagen oder Mercedes-Benz lassen sich derzeit noch jährliche Renditen zwischen drei und vier Prozent holen. Am Aktienmarkt stehen die deutschen Autobauer zwar angesichts des schwierigen Wandels hin zur Elektromobilität und der Angst vor den Zolldrohungen des designierten US-Präsidenten Donald Trump auf der Verliererseite. Aber ernsthafte Zweifel, dass die deutschen Branchenschwergewichte Anleiheschulden in den kommenden Jahren nicht begleichen können, ließen die Konzernbilanzen bislang nicht aufkommen.

Das Wirtschafts- und Marktumfeld dürfte von fallenden Leitzinsen geprägt bleiben. Die EZB hat dieses Jahr bereits drei Zinsschritte nach unten gemacht, an den Finanzmärkten wird mit einem weiteren im Dezember gerechnet. Auch die US-Notenbank Fed befindet sich auf Zinssenkungskurs.

Erhöhtes Zinsniveau bietet Chancen am Anleihemarkt

Allerdings erfolgt der Abstieg vom Zinsgipfel in beiden Währungsräumen von einem ungewöhnlich hohen Niveau aus. Da Lieferkettenprobleme im Zuge der Coronapandemie und der Energiepreisschock durch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine die Inflation zeitweise massiv in die Höhe getrieben hatten, hoben Fed und EZB die Leitzinsen ab Mitte 2022 rasant an. Dadurch ist das Zinslevel trotz der Senkungen im bisherigen Jahresverlauf immer noch relativ hoch. Das birgt aus Anlegersicht Chancen.

„Wir glauben, dass Investoren die aktuell erhöhten Zinsen nutzen sollten, um sich Renditen zu sichern“, heißt es im Investmentausblick der Schweizer Großbank UBS für das Jahr 2025. Die Aussichten seien sowohl für Staatspapiere als auch für Firmenbonds positiv – sofern es sich um Schuldner mit guter bis sehr guter Bonität handele. Die UBS-Strategen rechnen trotz möglicher neuer Inflationsrisiken durch Trumps protektionistische Wirtschaftsagenda mit anhaltenden Leitzinssenkungen.

Das müssen Anleger bei Anleihen beachten

Feste Verzinsung
Anleihen sind Schuldverschreibungen von Unternehmen oder Staaten, mit denen diese sich gegen eine in der Regel vorab festgelegte Verzinsung für einen bestimmten Zeitraum Geld leihen. Der Anleihemarkt ist riesig, steht aber weniger im Fokus als die Aktienbörsen. Er ist traditionell in fester Hand professioneller Großinvestoren wie Versicherern oder Pensionsfonds ist. Allerdings können Anleihen als relativ sichere langfristige Geldanlage auch für Privatanleger sehr interessant sein.

Kalkulierbare Erträge
Wie bei Festgeld erhalten Anleihekäufer ihr Geld am Ende der Laufzeit zurück, hinzu kommen regelmäßige Zinsen. Dabei bindet man sich nicht an eine Bank und kann seine Papiere an der Börse weiterverkaufen. Anders als bei Aktien handelt es sich nicht um Eigenkapital, mit Unternehmensanleihen geht keine Firmenbeteiligung einher. Wer Anleihen kauft und bis zum Ende hält, kann – je nach Bonität der Unternehmen oder Staaten – mit gut kalkulierbaren Erträgen rechnen.

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