Ein Mann liegt regungslos da, keine Atmung, kein Puls. Was zwei Schüler aus Remshalden dann tun, bringt selbst Profis zum Staunen.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Es ist ein heißer Junitag, als Semi Russ (17) und Filip Vrbetic (16) auf ihrem Roller durch Remshalden-Grunbach (Rems-Murr-Kreis)fahren. Fast 30 Grad zeigt das Thermometer, der Asphalt flirrt. Doch was die beiden Jugendlichen gleich erleben, lässt ihnen das Adrenalin durch den Körper schießen. Ein Mann liegt regungslos am Gehweg, das Gesicht blau angelaufen, das Hemd durchgeschwitzt, Blut an der Stirn. Daneben eine Frau, überfordert, das Handy am Ohr.

 

„Hast du das gesehen?“ Semi bremst, dreht um. Sekunden später knien die beiden an dem leblosen Körper. Und starten eine Rettungsaktion, wie sie selbst erfahrene Notfallsanitäter selten sehen. Der DRK-Kreisverband Rems-Murr hat uns diese Begebenheit geschildert, weil die Verantwortlichen der Meinung sind, dass der Einsatz der Jugendlichen nicht nur mutig, sondern auch medizinisch bemerkenswert gewesen ist. „Das war eine 5-Sterne-Reanimation“, lobt der Notfallsanitäter Kai Frinke, der den Einsatz begleitete.

Jugendliche Lebensretter zeigen Einsatzwillen und Mut

Nach dem Einsatz treffen Semi Russ, Filip Vrbetic Notfallsanitäter Kai Frinke und Notärztin Dr. Stephanie Haaf in Waiblingen. Foto: DRK/Siekmann

„Er hat nicht geatmet, war komplett regungslos“, schildert Filip rückblickend. Zusammen mit seinem Kumpel dreht er den schwergewichtigen Mann auf den Rücken. Der Körper zeigt erste Zeichen von Herzstillstand – Urinabgang, Speichelfluss, Hautverfärbung. Semi übernimmt das Telefonat mit der Integrierten Leitstelle. Der Disponent bleibt dran, gibt klare Anweisungen – und wird so zum unsichtbaren Dritten in der Rettungskette.

Semi tastet – kein Puls. „Dann hat der Mann von der Leitstelle gesagt: Ihr müsst reanimieren.“ Semi zögert kurz. Erste-Hilfe-Unterricht, Jahre her. Dann: Hemd auf, T-Shirt hoch, Hände auf den Brustkorb. Er beginnt zu drücken – zu zaghaft. „Tiefer“, kommt die Anweisung aus der Leitung. Semi drückt fester – ein Knacken, Rippen brechen. Ein Schockmoment. Doch der Disponent beruhigt sofort: „Das passiert. Weiterdrücken!“

Reanimation nach Lehrbuch – Erste Hilfe funktioniert

Semi bleibt dran. „Ich hab gesehen, wie sich das Gesicht verfärbt hat, wie es langsam wieder durchblutet wurde. Da wusste ich: Wir haben noch eine Chance.“ Während Semi weiter reanimiert, sprintet Filip los – zur nächsten Volksbankfiliale. Im Rems-Murr-Kreis sind hunderte Defibrillatoren öffentlich zugänglich, das sogenannte „Defi-Netz“ wird von der Leitstelle aktiv genutzt.

Mit einem Defibrillator aus einer Bank wurde der Mann letztlich ins Leben zurückgeholt. Foto: dpa

Filip reißt die Tür auf, fragt nach dem Gerät, rennt zurück. „Es war wie im Film – alles ging schnell, aber auch ganz klar“, beschreibt er die Situation. Die Elektroden werden angelegt, das Gerät spricht: Schock empfohlen. „Zurücktreten!“, ruft in diesem Moment ein Mann – zwei ehrenamtliche Ersthelfer, ebenfalls alarmiert, treffen ein.

Defibrillator aus der Bank schenkt kostbare Minuten

Der Schock wird ausgelöst, der Körper des Patienten zuckt. Semi übernimmt erneut die Herzdruckmassage, bis die Profis eintreffen. Rettungswagen, Notarzt, Polizei. Filip regelt den Verkehr. Semi sichert die Szenerie. Dann übergeben sie. Ihre Mission ist erfüllt.

„Wir würden schon gerne wissen, wie es ihm heute geht“, sagt Filip leise. Doch Kai Frinke muss die beiden enttäuschen – aus Datenschutzgründen gibt es keine Informationen über den Patientenverlauf. Wie der DRK-Kreisverband weiter berichtet, wurden die beiden Jugendlichen anschließend vom Rettungsdienst für ihr besonnenes Handeln gelobt.

Zivilcourage mit Wirkung: DRK lobt vorbildliches Verhalten

Was hat die beiden motiviert? „Wir haben uns einfach gefragt: Wenn nicht wir – wer dann?“ antwortet Semi. Filip ergänzt: „Dass wir den Mann nicht kannten, hat es einfacher gemacht. Wäre es mein Opa gewesen – keine Ahnung, wie ich reagiert hätte.“

Was bleibt, ist ein Schock – aber auch Stolz. „Mein Arm hat irgendwann gekrampft“, erinnert sich Semi. „Aber ich hab einfach weitergemacht. Der Disponent hat gesagt: Lieber zu fest als zu lasch.“ Und das Vertrauen der beiden in die Rettungskette? Gewachsen.

Erste Hilfe im Rems-Murr-Kreis: Netzwerk aus Profis und Laien

„Alle waren ruhig, alle wussten, was sie tun. Das hat uns Mut gemacht.“ Und es hat ihnen gezeigt, wie engmaschig das Hilfenetz im Rems-Murr-Kreis gestrickt ist. Von der Leitstelle über Defibrillatoren in Banken bis zu ehrenamtlichen Ersthelfern: Hier greift ein Rad ins andere. Semi bringt es auf den Punkt: „Es war heftig. Aber am Ende haben alle funktioniert. Das war ein Einsatz mit fünf Sternen.“

Zwei Jugendliche, ein klarer Kopf, ein gerettetes Leben. Semi Russ und Filip Vrbetic haben gezeigt, wie mutig und kompetent junge Menschen handeln können, wenn sie gebraucht werden. Der DRK-Kreisverband Rems-Murr will mit dem Beispiel auch Mut machen: Erste Hilfe ist kein Hexenwerk – aber sie rettet Leben. Man muss nur handeln.