Muttermilchbanken im Südwesten Warum Spendermilch für Frühgeborene so wichtig sein kann

Milch von Müttern versorgen Frühchen mit den benötigten Nährstoffen für die körperliche Entwicklung. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Muttermilch ist für extrem früh geborene Babys überlebenswichtig. Um die Versorgung zu gewährleisten, greifen Ärzte auf Muttermilchbanken zurück. Doch davon gibt es zu wenige im Land.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Martand ist ein kleiner Kämpfer: Angestrengt spreizt er seine winzigen Ärmchen und Beinchen von sich. Sie sind gerade mal so groß sind wie die Finger seiner Mutter, die ihn in seinem Brutkasten vorsichtig streichelt. Mit 650 Gramm kam der Junge Anfang April in der 24. Schwangerschaftswoche per Notkaiserschnitt im Klinikum Stuttgart auf die Welt. Eine Handvoll Leben, die es nun aufzupäppeln gilt.

 

„Das war anfangs gar nicht so leicht“, sagt seine Mutter Ashwini. Martand ist noch zu schwach, um von der Brust zu trinken. Gleichzeitig war der Körper der 38-Jährigen aufgrund der Frühgeburt noch nicht auf das Stillen vorbereitet. „Ich wollte alles für mein Kind geben – und konnte es nicht.“ Also bekam Martand Milch von einer anderen Mutter – ausgesucht und verteilt über die Frauenmilchbank im Olgahospital des Klinikums Stuttgart. Zwölfmal am Tag drei Milliliter waren es in den ersten Tagen. Und Martand entwickelte sich merklich.

Sieben Muttermilchbanken für 21 Frühgeborenenstationen

Seit Januar 2022 gibt es am Klinikum Stuttgart die Frauenmilchbank – eine von inzwischen sieben in Baden-Württemberg. Auch Unikliniken wie Freiburg, Tübingen und Ulm versorgen über diese Babys, deren Mütter nicht oder nicht gleich stillen können oder andere Stillprobleme haben. Ebenso tun dies die Rems-Murr-Kliniken in Winnenden, die Kreiskliniken Reutlingen und das St. Elisabethen-Krankenhaus in Lörrach.

Seit 2022 hat das Klinikum Stuttgart eine Frauenmilchbank, um Frühchen optimal zu versorgen. Foto: Klinikum Stuttgart / Jonas Ratermann

Nach Meinung von Fachärzten wie Neysan Rafat, Ärztlicher Direktor der Klinik für Neonatologie des Klinikums, sind das immer noch viel zu wenige: „Angemessen wäre es, wenn jedes der 20 Perinatalzentren Level 1 hier im Land – also jede Klinik, in der Extrem Frühgeborene medizinisch versorgt werden können – Zugang zu einer solchen Humanmilchbank hat“, sagt der Neonatologe.

Aufbau kostet die Kliniken mehrere hundert Tausend Euro im Jahr

Dafür brauche es aber dann ein flächendeckendes Netz von Frauenmilchbanken sowie eine umfassende Stillförderung. Und davon sei man hierzulande noch weit entfernt, beklagt Rafat. Die Versorgung von Frühgeborenen mit gespendeter Muttermilch ist nicht gesondert im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten und im Fallpauschalen-System nicht abbildbar. „Der Aufbau einer solchen Struktur bedeutet einen finanziellen und personellen Mehraufwand, den viele Kliniken nicht leisten können und wollen“, sagt Rafat. Seiner Meinung nach müsste der Einsatz von Frauenmilch als grundsätzliche Vorgabe für Perinatalzentren Level 1 aufgenommen werden. „Denn dadurch könnte die Finanzierung durch die Krankenkassen erfolgen.“

Im Klinikum Stuttgart hat der Förderkreises Neonatologie für das frühgeborene und kranke geborene Kind den Aufbau der Frauenmilchbank im Olgahospital initiiert und vorangetrieben. Der laufende Betrieb wurde erst mit Geldern aus Spendenprojekten gedeckt – inzwischen trägt das Klinikum die laufenden Kosten von mehreren Hunderttausend Euro pro Jahr selbst.

Milch und Spenderinnen werden vor Abgabe untersucht

Somit können zwei Stillberaterinnen für die Aufnahme und Abgabe von Muttermilchspenden eingeteilt werden. Diese kommen vorerst nur von Müttern, die im Klinikum ein Frühchen zur Welt gebracht haben, und die mehr Milch haben, als ihr Kind braucht, erklärt die Stillberaterin Inge Kauer.

Eine Mitarbeiterin der Frauenmilchbank stellt die Milchspenden in spezielle Kühlschränke. Foto: Klinikum Stuttgart / Jonas Ratermann

Die Milch wird in der Milchküche mikrobiologisch untersucht, pasteurisiert und gefroren gelagert. „Auch die Spenderinnen wurden zuvor getestet, ob sie bestimmte Krankheiten und Keime in sich tragen“, sagt Kauer und zeigt stolz den Vorrat in den drei Kühlschränken der Muttermilchküche: „Diese Frauenmilch ist im Grunde durch nichts zu ersetzen, weil sie dem am Nächsten kommt, was ein Kind braucht“, sagt Kauer.

Gesundheitspolitische Förderung ist in Aussicht

In der Wissenschaft ist man sich einig, dass insbesondere sehr früh geborene Babys wie Martand, die also vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren worden sind und ein Geburtsgewicht von weniger als 1500 Gramm haben, von der Zusammensetzung der Muttermilch profitieren. Sie versorgt das Frühchen mit den benötigten Nährstoffen für die körperliche Entwicklung und schützt überdies vor lebensbedrohenden Krankheiten wie etwa Magen-Darm-Infekten oder der gefährlichen Entzündung der Darmwand.

Damit diese Erkenntnisse auch zu einer gesundheitspolitischen Förderung von Muttermilchbanken führt, warten Experten wie Rafat auf eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA: Dieser hatte in den vergangenen vier Jahren für 4,7 Millionen Euro ein Projekt namens „Neo-Milk“ gefördert, in dem untersucht werden sollte, ob und wie stark Mütter und Neugeborene von einem Krankenhaus mit angeschlossener Muttermilchbank profitieren. „Die Ergebnisse liegen vor und wir sind uns sicher, dass wir Ende Juni einen Abschlussbericht vorlegen können“, sagt die Koordinatorin der Studie, Nadine Scholten von der Universität Köln.

Mütter von Frühchen spenden später selbst

Dann kann seitens des G-BA die Frage beantwortet werden, ob Spendermilchbanken mit Hilfe der im Projekt entwickelten Standards nun auch bundesweit aufgebaut werden sollten. „Können wir eine positive Transferempfehlung abgeben, wäre ein erster wichtiger Schritt für die flächendeckende Etablierung getan“, sagt Josef Hecken, Vorsitzender des Innovationsausschusses beim G-BA.

Der kleine Martand hat seine Trinkmenge auf 14 Milliliter Muttermilch zwölfmal am Tag gesteigert. Inzwischen bekommt er diese auch von seiner eigenen Mutter Ashwini. Wenn sich ihr Sohn weiter so gut entwickle, wolle auch sie anderen Frühgeborenen helfen, sagt die 38-Jährige – mit ihrer Muttermilch.

Einsatz von Muttermilchbanken weltweit

Brasilien
Brasilien verfügt über das größte Netz an Milchbanken weltweit, mit über 200 Einrichtungen. Das Land verfolgt ein integriertes Modell, das sowohl die Unterstützung stillender Mütter als auch die Bereitstellung von Spendermilch umfasst. Dieses Modell hat nicht nur die Säuglingssterblichkeit gesenkt, sondern auch zur Förderung des Stillens beigetragen.

Italien
Italien betreibt 36 Milchbanken, die national reguliert sind. Das Land hat gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, um eine sichere und qualitativ hochwertige Versorgung mit Spendermilch sicherzustellen.

Frankreich
Frankreich verfügt über 36 Milchbanken, die ebenfalls national reguliert sind. Das Land war das erste, das ein Gesetz zur Regulierung von Milchbanken entwickelte.

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