Mutterstadt Stuttgart Warum der Hip-Hop-Sound aus den Clubs verschwindet

, aktualisiert am 01.09.2025 - 14:32 Uhr
Afrob (links) und Max Herre gehörten zur Kolchose. Hier singen sie 2019 gemeinsam auf einem Konzert. Foto: imago images/Lackovic

Stuttgart galt als Hip-Hop-Hochburg. Heute ist der Sound aus den Clubs fast verschwunden. DJ 5.Ton von Massive Töne und Chris Warstat von der Schräglage blicken zurück – und nach vorn.

Digital Desk: Katrin Maier-Sohn (kms)

„Willkommen in der Mutterstadt, der Motorstadt am Neckar. Mekka für Rapper, …“ Wer aus Stuttgart kommt und sich ein bisschen für Hip-Hop interessiert, weiß wie’s weiter geht. Es ist das Jahr 1996 als die Massiven Töne ihren Song „Mutterstadt“ und das „Kopfnicker“-Album herausbringen und im Kessel das Hip-Hop-Fieber brodelt. Die Stadt ist in den 90ern das Mekka für Rapper. Und heute?

 

Alles beginnt mit den amerikanischen Soldaten, die in der Landeshauptstadt stationiert sind. Die Fantas trauen sich als erste und übersetzen den US-Hip-Hop in ihre schwäbische Lebenswelt. Weitere Rapper, DJs, Breakdancer und Graffitikünstler folgen.

„Stuttgarter Hip-Hop-Szene war deutschlandweit ziemlich auffällig“

Alex Scheffel aka Fuffi aka DJ 5.Ton von Massive Töne erinnert sich für uns: „Mitte der 90er war eine Zeit, in der Fanta 4, Freundeskreis, Massive Töne und Afrob kurz hintereinander Alben herausbrachten. Für so eine kleine, provinziell wirkende Landeshauptstadt wie Stuttgart war das bundesweit ziemlich markant. Hamburg war damals noch nicht so krass auf der Karte, kam aber langsam mit den Beginnern, Fettes Brot und der Tobi und das Bo. Berlin war kaum relevant. Köln war schon da, aber Stuttgart hatte echt was auf die Beine gestellt. Man kann sagen, die Stuttgarter Szene war deutschlandweit ziemlich auffällig.“

Alex Scheffel ist auch bekannt als DJ 5. Ton von Massive Töne. Heute wohnt er im Stadtteil Botnang. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zum Feiern ging es damals für die Stuttgarter Hip-Hop-Fans ins Tonstudio, in die Schräglage oder später zum Hip-Hop-Mittwoch ins Freund & Kupferstecher. Sogar im Perkins Park gab es regelmäßig Hip-Hop- und RnB-Veranstaltungen. Wichtige Anlaufstelle für die Subkultur waren die Jugendhäuser, erst in West, dann in Mitte.

2000 kam das Hip-Hop Open nach Stuttgart

2000 kam dann noch das Hip-Hop Open dazu. Das Hip-Hop-Festival lockte jährlich mehrere Tausend Menschen nach Stuttgart und galt als eines der bedeutendsten in Europa. Die erste Veranstaltung fand auf dem Pragsattel unter anderem mit Massive Töne, Afrob, Absolute Beginner und Deichkind statt.

Die sogenannte goldene Ära prägte das Stuttgarter Nachtleben und die Art wie die deutsche Musikszene auf Stuttgart blickte. Doch „das ist alles lange Zeit her, da hat sich einiges verändert“, sagt Alex Scheffel und meint damit das Nachtleben im Allgemeinen und Hip-Hop im Besonderen.

Alle Musiker und Labels wollten nach Berlin

Viele Bands und Künstler seien schon damals abgewandert und täten es immer noch. „Berlin wurde „das neue Zentrum“ genannt – billigere Mieten, Proberäume für fast nichts. Und die Plattenfirmen zogen auch alle in die Hauptstadt“ erinnert sich der Massive Töne DJ. Das habe viele Künstler dazu bewegt, den Labels hinterherzuziehen. Ein Beispiel: Four Music und die Fantas zogen 2002 von Stuttgart nach Berlin.

Es sind neue Künstler auf die goldene Ära gefolgt, zum Beispiel Cro oder die Bietigheimer rund um Bausa und Rin. Doch auch Cro zog es irgendwann nach Berlin und Bietigheim ist nun mal nicht Stuttgart.

Generationenwechsel in den Stuttgarter Clubs

Ebenso habe sich die Einstellung in den Clubs geändert. „Man merkt, dass elektronische Musik an Bedeutung gewonnen hat“, beobachtet Alex Scheffel. Die Betreiber hätten gemerkt, dass sie mit elektronischer Musik eine breitere und weniger stressige Zielgruppe erreichen könnten. „In den Hip-Hop-Clubs gab es früher immer diese spezifische Attitüde – die Musik, die Texte, der Stress.“ Heute seien die Leute in den Clubs viel entspannter, eher auf Konsum und weniger auf diese klassische Hip-Hop-Attitüde fixiert.

Dazu komme der Generationenwechsel. Man sehe, dass die jüngeren Leute zwischen 18 und 25 Jahren nicht mehr wirklich das Bedürfnis hätten, in Clubs zu gehen. „Und das ist auch okay“, findet Scheffel. „Die feiern auf ihre eigene Art. Heute läuft neue Musik über Spotify oder andere digitale Plattformen.“

Nostalgisch wird er dann aber doch: „Es gab früher in Stuttgart Clubs, die Donnerstag, Freitag und Samstag Hip-Hop gespielt haben. Heute ist das eher selten.“ Die Schräglage sei der einzige Club, der noch regelmäßig Hip-Hop spiele. Aber auch die hätten sich angepasst und böten inzwischen verschiedene Genres an, wie zum Beispiel 90er-Partys.

Auch der Kult-Club Schräglage in Stuttgart muss sich anpassen

Chistopher Warstat weiß, wovon Alex Scheffel spricht. Er betrieb von 2014 bis 2022 gemeinsam mit Felix Klenk den Hip-Hop-Club Freund & Kupferstecher am Berliner Platz. Heute ist er für die Bar Süßholz, das Straßenfest Westallee, den Concept-Store Juni im Gerber sowie das Marketing und Booking der Schräglage verantwortlich. „Hip-Hop findet in Stuttgart nicht mehr auf dem Niveau statt wie es einmal war“, sagt der 42-Jährige. „Zum Feierngehen ist es nicht mehr das ganz große Ding.“ Nach 18 Jahren Schräglage muss er das Programm aufweichen und neue Formate wie 80er-, 90er- und 2000er-Partys oder lateinamerikanische Abende anbieten, um attraktiv zu bleiben.

Chris Warstat ist im Club Schräglage für Marketing und Booking zuständig. Foto: Julia Schramm

Ganz aufgeben will der Kult-Club den Hiphop aber nicht. Zwei Jahre nach dem letzten Hip-Hop-Open veranstaltete die Schräglage Anfang August das Golden Era Festival auf Fridas Pier. Auf drei Bühnen traten Stars wie Megaloh, Samy Deluxe und Ziggy Bonaire auf.

„Wir wollten wieder ein Hip-Hop-Festival machen, vor allem weil es das Hip-Hop-Open nicht mehr gibt“, sagt Warstat. „Eher etwas Nostalgisches.“ Ganz ausverkauft war das Festival nicht, das Publikum Ende 20 und älter. Keine große Überraschung für Warstat: „Ja, es gab ein paar Boomer-Vibes, aber ein Hip-Hop-Festival für eine Zielgruppe um die 30 zu gestalten, war der einfachere Weg. Die Aftershow im Bauch des Schiffs war dann aber auch etwas für die Jüngeren.“d

Die deutsche Musikszene diskutiert: Ist Deutsch-Rap tot?

Die Frage, wie es um den Hip-Hop steht, ist keine Frage, die nur Stuttgart bewegt. Ausgelöst durch einen Instagram-Post von MC Rene im Juli diskutiert die Musikszene, ob Deutsch-Rap tot ist. Rene, Rapper und früherer Moderator des Viva-Hip-Hop-Formats „Mixery Raw Deluxe“ aus den frühen 2000ern kritisierte in seinem Beitrag das Splash-Festival und die gesamte Szene. Das Splash sei längst mehr als ein Musikfestival. Es sei ein Spiegelbild, schrieb er auf der Social-Media-Plattform. Es zeige eine Gesellschaft, die lieber „Memes feiert als Inhalte, lieber Performance als Substanz kauft, lieber die Attitüde „alles ist mir egal“ zelebriert, während sie jede Story innerhalb von Sekunden wegwischt.“

Rein quantitativ ist Deutschrap so erfolgreich wie nie zuvor. Deutscher Rap dominiert die Spotify-Playlists und somit die Charts, zugleich geht der neue Erfolg aber auch mit einem radikalen Wandel der Szene einher. Deutscher Rap und Hip-Hop erscheinen in neuem Gewand. „Vertreter:innen wie Ski Aggu oder Ikkimel stehen für eine Richtung, die entfernt noch an Deutschrap erinnert, aber doch etwas ganz anderes ist“, weiß Walter Ercolino, der das Pop-Büro Region Stuttgart leitet. „Hier geht in Stuttgart einiges, und wir haben mit Ildiko vielleicht die zurzeit interessanteste Vertreterin eines neuen Hip-Hops in Deutschland.“

Tatsächlich findet sich in Stuttgart immer noch Hip-Hop, etwas versteckt und an neuen Orten. So zum Beispiel auf dem Schlossplatz. Hier lässt der Ostfilderner Brian Lauer mit seinem Projekt „0711benztownstorys“ alle zwei Wochen samstags auf dem Platz vor dem Kunstmuseum eine improvisierte Bühne für Newcomer-Artists entstehen. Mit Musikbox, Kamera- und Social-Media-Team im Gepäck und Mikro in der Hand, das von Rapper zu Rapper wandert. Das Publikum johlt, applaudiert, rastet aus. Das Ganze wird aufgenommen, aufbereitet und ins Internet gestellt. Ein Cypher (eine Gruppe von Rappern, die freestylen), wie man ihn 2025 macht.

Neues Hip-Hop-Kollektiv will Stuttgart „wieder auf die Karte“ bringen

Das frisch gegründete Stuttgarter Kollektiv „o7 Collective“ versammelt unabhängige Künstler und Musikschaffende mit dem Schwerpunkt Hip-Hop, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Stuttgart „zurück auf die Karte“ zu bringen. Bei sogenannten „Link Ups“ trifft sich die Gruppe monatlich, um sich in der Szene zu vernetzen und gemeinsam Musik zu machen.

Der Verein Underground Soul Cypher (USC) setzt sich seit 2009 für die Förderung und den Erhalt von Hip‑Hop‑Kultur in Stuttgart ein. Aktuell finden Treffen in der Hall of Fame in Bad Cannstatt statt, ein beliebter Ort unter Graffiti-Sprayern. Doch der Verein hat einen großen Wunsch: ein eigenes Kulturzentrum, das Zentrum für urbane Kunst und Kultur.

Zeiten ändern sich aber Hip-Hop bleibt

Und auch in den Jugendhäusern passiert nach wie vor etwas. Vor allem d Jugendhaus Cannstatt setzt sich für die Hip-Hop-Subkultur ein und lädt Jugendliche zu Musik-Jams oder Breakdance-Workshops ein.

„Die Szene hat sich weiterentwickelt, aber der Spirit lebt irgendwie noch“, resümiert Alex Scheffel von Massive Töne. „Und wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann ein Revival. Die Zeiten ändern sich, aber das bedeutet nicht, dass alles verloren ist.“ Und auch Chris Warstat ist sich sicher: „Ganz verschwinden wird Hip-Hop so schnell nicht. Dafür ist diese Jugendkultur viel zu stark.“

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