Mysteriöse Brände in der Region Ist wieder ein Brandstifter unterwegs?
Holzstöße, Gartenhütten und Heuballen in Flammen – allein in den vergangenen fünf Wochen gab es im Kreis Böblingen acht solcher Fälle, im Kreis Esslingen waren es sechs.
Holzstöße, Gartenhütten und Heuballen in Flammen – allein in den vergangenen fünf Wochen gab es im Kreis Böblingen acht solcher Fälle, im Kreis Esslingen waren es sechs.
Auf den Fildern, im Aichtal, im nördlichen Schönbuch, zuletzt auch in Esslingen-Berkheim – breit gestreut in der Region gibt es seit Wochen eine auffällig gehäufte Zahl von Bränden. Immer stehen Holzstapel, Gartenhäuser oder Heuballen in Flammen. Ist da wieder ein Brandstifter unterwegs? Die Frage drängt sich auf, zumal es in den vergangenen Jahren immer mal wieder Brandstifter gab, die in ähnlicher Weise ihr Unwesen trieben. Zuletzt 2018/2019, als die Delikte vor allem im Rems-Murr-Kreis verübt wurden. Damals ging der Polizei nach umfangreichen Ermittlungen ein 38-Jähriger aus Kernen-Rommelshausen in die Fänge.
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Ob es Zusammenhänge zwischen den aktuellen Fällen gibt und möglicherweise ein Einzelner dafür verantwortlich ist, diese Fragen lassen sich bislang nicht beantworten. Die zuständigen Polizeidienststellen sind alarmiert. Und es gibt eine übergreifende Zusammenarbeit. Das berichtet Ramona Noller, Sprecherin des Polizeipräsidiums Reutlingen, das auch für den Landkreis Esslingen zuständig ist. Der letzte ihr bekannte Fall liegt zwei Wochen zurück. In der Straße Bangert in Berkheim ging eine Gartenhütte in Flammen auf. Eine Anwohnerin hatte gegen 22.30 Uhr das Feuer an der Holzhütte entdeckt und die Feuerwehr alarmiert. Über die Brandursache ist bislang nichts bekannt. Einen Tag zuvor, in der Nacht von Ostermontag auf Dienstag, brannte in der Kennenburger Straße im Esslinger Norden eine Gartenhütte. Keiner kennt bisher die Hintergründe.
Der letzte bislang bekannt gewordene Fall im Landkreis Böblingen datiert vom vergangenen Samstag. Brandort war Grafenau-Döffingen. Einsatzkräfte der örtlichen Feuerwehr, die sich an anderer Stelle in Döffingen aufhielten, entdeckten gegen 13.20 Uhr auf zwei rund 200 Meter auseinanderliegende Wiesengrundstücken parallel der Landesstraße 1182 zwei brennende Holzstapel. Während einer der beiden Stapel bereits lichterloh brannte, war das zweite Feuer noch in der Entstehung. Die Feuerwehr konnte beide Brände schnell löschen. Für die Fahndung nach Tatverdächtigen setzte die Kripo auch einen Polizeihubschrauber ein – ohne Erfolg.
Ob und wie viele Hinweise aus der Bevölkerung es zu den mysteriösen Brandfällen gab, dazu ist aus dem dafür zuständigen Polizeipräsidium Ludwigsburg nichts zu erfahren. Dafür aber gibt es Schätzungen zur Schadenshöhe für die jüngsten neun Fälle. Die liege bei rund 43 000 Euro, sagt eine Polizeisprecherin. Wann die mögliche Serie begann, ist unklar. Bereits im März brannten in Schönaich an mehreren Stellen Holzstapel. Später standen an verschiedenen Orten in Filderstadt Holzstapel, Heuballen und ein hohler Baumstamm in Flammen.
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Wie ticken Brandstifter? Experten haben auf diese häufig gestellte Frage unterschiedliche Antworten. Rebecca Bondü, Professorin an der Psychologischen Hochschule Berlin ist bei ihren Forschungen – ihre Diplomarbeit schrieb sie zur Psychologie von Brandstiftern – auf vier Motivgruppen gestoßen: Vandalismus, Rache, Psychose und gesteigerte Lust auf Feuer. Immer wieder kommt es vor, dass Feuerwehrleute solche Brände selbst legen. Bei diesen Täter spielt laut Bondü das Geltungsbedürfnis eine große Rolle. Solche Leute wollten sich hervortun und Bewunderung erfahren. In der Regel gehe es um ein Machtgefühl, sagt Kolja Schiltz, der Leiter der Abteilung Forensische Psychiatrie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Täter merkten, sie können etwas bewirken. Häufig seien die Brandstifter Menschen, die gerade eine frustrierende Situation erleben, beispielsweise in der Schule, im Beruf oder in der Familie, erklärt Schiltz. Mit dem Legen eines Feuers erlebten sie, wie sie mit einer kleinen Handlung einen riesigen Effekt erreichen können.
Zwei Serien von Brandstiftungen wurden aufgeklärt
Feuer im Kreis Böblingen
Schon mehrfach schreckten Pyromanen die Menschen in der Region auf. Im Landkreis Böblingen gab es eine Serie von Brandstiftungen 2017 und 2018. In Oberjettingen zündeten Unbekannte eine Scheune an. Später standen dort Holzschuppen, ein Unterstand sowie Strohballen in Flammen. Im Oktober 2018 brannte ein Reiterhof. Zwei vom Feuer bedrohte Pferde konnten gerettet werden. Drei junge Männer wurden später wegen siebenfacher Brandstiftung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Einer von ihnen war bei der Feuerwehr.
Zündler aus dem Remstal
Für viele Schlagzeilen sorgte 2018 und 2019 ein Brandstifte, der in verschiedenen Kommunen im Rems-Murr-Kreis, aber auch in den Landkreisen Esslingen, Böblingen und Ludwigsburg sowie in Stadtteilen Stuttgarts Brände gelegt hat. Insgesamt ermittelte die Polizei 32 Brandorte, stets waren es Holzstöße. Der Gesamtschaden belief sich auf weit über 50 000 Euro. Wegen der massiven Konzentrierung richtete die Kripo Waiblingen eine eigene Ermittlungsgruppe ein. Drei Wochen später wurde ein 38-Jähriger aus Kernen-Rommelshausen als dringend Tatverdächtiger verhaftet. Verurteilt wurde er später zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Dem Mann wurde eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Seine Motive: Frust und Überforderung.