Mystisches Irland Wo die Hexen tanzen
Sie stammen aus der Steinzeit und sind doch lebendig im Herzen der Iren: Die spirituellen Stätten ihrer Urahnen. Hier trifft man heute Hexen, Archäologen und Touristen.
Sie stammen aus der Steinzeit und sind doch lebendig im Herzen der Iren: Die spirituellen Stätten ihrer Urahnen. Hier trifft man heute Hexen, Archäologen und Touristen.
Von außen wirken sie riesig, die Ganggräber in Brú na Bóinne, der Unesco-Welterbestätte: Gigantische grasgrün bewachsene Hügel, umrahmt von einer Mauer und riesigen Findlingen mit geometrischen Symbolen. Doch der Eingang zur Grabstätte von Newgrange ist schmal und niedrig, begrenzt von massiven Steinplatten. Für heutige Besucher empfiehlt sich gebückter Gang, immer schön im Gänsemarsch. 19 Meter und einige Windungen später drängt sich die Gruppe in der Grabkammer, einem kleinen Felsendom aus zur Kuppel geschichteten Steinplatten.
Das Besondere daran: Diese Kammer ist mehr als 5000 Jahre alt, älter als die ägyptischen Pyramiden. Erbaut ohne Maschinen oder auch nur Metallwerkzeuge, ein tonnenschweres Gewölbe, bis heute stabil und komplett trocken. „Wie die Neolithen so komplexe Strukturen hinbekamen, gehört zu den vielen Rätseln in Irland“, sagt Grainne Downey, die Tourführerin.
Dann schaltet sie ihre Lampe aus. Jetzt ist es sehr dunkel, riecht nach Erde, Stein und Menschen. Grainne beschreibt, wie da draußen die Sonne langsam über den Horizont spitzt, den Stein am Eingang rosarot färbt und dann in die Kammer wandert. Parallel dazu blitzt eine Ahnung von Licht durch den Gang und taucht wenig später den Felsdom in ein goldenes Licht – Wunder moderner Technik!
Was hier simuliert wird und den Grabbesuchern dennoch Gänsehaut zaubert, passiert tatsächlich. Jedes Jahr zur Wintersonnwende fällt durch ein Loch oben am Eingang des Grabes der Sonnenstrahl durch den Gang direkt in die Grabkammer. Ein Sonnenobservatorium, konstruiert von Steinzeitmenschen!
Dass der etwa drei Meter lange Findling, der den Eingang zur Grabkammer schützt, in jedem irischen Pass als Wasserzeichen auftaucht, ist ein Ausdruck der tiefen Verbundenheit der Iren mit ihrer ganz alten Geschichte, die lange vor die vielen Invasoren zurückreicht, die ihre Insel im Laufe der Jahrhunderte überrannten. Den Stein ziert ein spezielles Motiv aus Spiralen, das keinen Anfang und kein Ende hat, also wohl die Unendlichkeit oder das ewige Leben symbolisiert. Über die Bedeutung der Motive rätselt man auch im benachbarten Knowth, das wie der dritte neolithische Friedhof Dowth zur Welterbestätte im Tal des Flusses Boyne dazu gehört. Brú na Bóinne (deutsch: Palast des Boyne) gilt als größte Konzentration neolithischer Kunst in Westeuropa. Archäologen fanden hier Gebeine, Meißel, Perlen, Stäbe und einen Keulenkopf.
Guide Peter Cole führt durchs weite Gelände mit zahlreichen kleineren grasbewachsenen Hügelgräbern und zwei monumentalen Ganggräbern, umrahmt von verzierten Findlingen. „Wellen oder Schlangen, Spiralen und Zickzack wurden mit hartem Granit in den weicheren Sandstein eingehämmert“, erzählt Cole. „Die Neolithen waren die ersten, die bauten, Viehzucht und Anbau betrieben.“ Die Grabhügel seien für sie nicht nur ein Ort des Todes, sondern auch des Lebens gewesen, denn hier wohnten ihre Ahnen. Auch in Dowth, herrlich eingebettet in eine grüne Hügellandschaft, waren schon frühe Astronomen zuhause: Vor dem Eingang zur Grabkammer steht eine Art Kanzel aus Stein für den Priester. Der Schatten des Steines, so Cole, falle bei Sonnenuntergang exakt zur Grabkammer, und zwar jeweils zur Sommer- und Wintersonnwende. „Die verstanden also schon, wie das Universum funktioniert.“ Dennoch verschwanden die Neolithen nach etwa 2000 Jahren, sei es wegen Vulkanasche aus Island oder wegen einer Seuche aus Europa – da ist sich die Wissenschaft uneins.
Noch nicht Unesco-geadelt, aber immerhin schon auf der Anwärterliste ist der Hill of Tara. Im keltischen Irland war er das politische und spirituelle Zentrum und Sitz der Hochkönige von Irland. Von ihnen blieb der „Stone of destiny“, ein Felsphallus, der als Krönungsstein und Fruchtbarkeitssymbol diente. „Hier fand ich meine Bestimmung und widmete mein Leben dem Studium und der Lehre irischer Mythologie“, erzählt Treasa Kerrigan. Die Priesterin und Hexenmeisterin führt Interessierte durch die mystischen Stätten voller Geschichte und Geschichten. So wie die vom Königssohn Nile, der mit einer alten Hexe schlief und mit einer jungen Prinzessin aufwachte. Oder die feste Überzeugung britischer Israeliten, dass hier die Bundeslade ruht.
„Es gibt unendlich viele irische Märchen und Legenden, aber jeder Ire kennt sie“, berichtet Treasa Kerrigan. Aufgeschrieben wurden die ersten im 6. Jahrhundert von Mönchen – „und dabei gleich ein bisschen zensiert“. Irland sei lange rückständig gewesen, manche Haushalte hätten erst in den 1950er-Jahren Strom bekommen. „Sie hatten statt Fernsehen Geschichten und statt Nachrichten den Pub, wo heute noch alte Weisen gesungen werden“, erzählt sie. Und als vor Jahren der Bau der Autobahn mitten durch Tara führen sollte, gab es so viel Protest, dass umgeplant werden musste.
Treasa Kerrigan weiß aber auch alles zu den wissenschaftlich fassbaren Hinterlassenschaften am Hill of Tara. „Bei Ausgrabungen fand man Asche und Knochen, beide rituell bestattet, sowie Reste eines Versammlungsplatzes, Steinkreise, Fundamente. Ein Farmer stieß auf Goldketten, ein anderer auf Waffen und ein uraltes Babyskelett“, zählt sie auf. Es gibt auch ein Hügelgrab mit kurzem Gang und kleiner Kammer. Doch es war voller Schätze: Rund 250 Skelette, älter als jene von Newgrange, dazu Töpfe, Tassen, Teller und reich verzierte Steinkugeln.
Auf den Sliabh na Calliagh, den Hexenhügel bei Loughcrew, pilgern nicht nur Hexen zum Sonnenaufgang, der zu Frühlings- und Herbstbeginn ein besonderes Licht wirft auf die Steinformation oben auf dem Hügel. Ihre genaue Bedeutung ist nicht entschlüsselt. Doch die Menschen kennen die Monumente aus den alten Geschichten und bewahren sie daher auch. „Manche klauten Steine, doch fast alle brachten sie zurück, weil es Unglücke gab“, erzählt Treasa Kerrigan.
Hexen tanzen sieht man beim Bealtaine-Feuer zum Sommerbeginn auf dem Hill of Uisneach, Zeremonienstätte und Sitz der irischen Götter. Beim Weg hinauf begegnet man Feenbäumen mit Heilkraft und Todesduft und einer Göttin, genauer: dem blätterumrahmten Steinkopf von Ériu, der Erdgöttin und Mutter von Irland. „Geschichte ist in Irland kein trockenes Schulfach, sondern Identitätsstifter“ – da hat Treasa wohl recht.
Anreise
Von Stuttgart fliegt Eurowings direkt nach Dublin, www.eurowings.com. Umsteigeflüge bieten Lufthansa ( www.lufthansa.com ) oder KLM ( www.klm.de ).
Unterkunft
In einem historischen Landhaus auf weitläufigem Areal residiert das Tankardstown House in Rathkenny. DZ/F ab 290 Euro, www.tankardstown.ie
Im Boyne Valley hat das Station House Hotel den alten Bahnhof wiederbelebt, DZ/F ab 240 Euro www.stationhousehotel.ie
Geschichtsträchtig ist auch das Newgrange Hotel, fußläufig zur Welterbestätte, DZ/F ab 119 Euro, www.newgrangehotel.ie
Aktivitäten
Informationen und Führungen zur Welterbestätte Brú na Bóinne findet man unter https://heritageireland.ie/places-to-visit/bru-na-boinne-visitor-centre-newgrange-knowth-and-dowth/
Lose für die Wintersonnwende in Newgrange gibt’s bei der Sonnenaufgangslotterie, www.newgrange.com/solstice-lottery.htm
Spirituelle Führungen in den heiligen Stätten Hill oft Tara, Loughcrew oder Uisneach mit Treasa Kerrigan kann man buchen auf www.sacredsites.ie
Einen Überblick über Irlands Nationalerbestätten gibt’s unter www.heritageireland.ie ;
Allgemeine Informationen
Irland Tourismus, www.ireland.com und www.failteireland.ie