Yunus Gebeci leitet seit diesem Jahr eine Pension. Er hat nach seiner Zeit bei Bosch einen komplett neuen Weg eingeschlagen. Foto: Markus Brändli
Nach rund zwei Jahrzehnten bei Bosch geht Yunus Gebeci mit der Abfindung und leitet nun eine Pension. Er ist vom Konzern enttäuscht – und sieht die Chance in der für ihn neuen Branche.
21 Jahre lang hat Yunus Gebeci für Bosch in Leinfelden-Echterdingen gearbeitet. Heute sitzt er in der Lobby seiner Pension FlyInn und erzählt davon. Zuletzt sei er bei der Hubstange gewesen. Die ist in Stichsägen verbaut. Er habe auf einen Hundertstel Millimeter genau geschweißt und eingestellt. „Und jetzt machst du hier Betten“, sagt er über sich selbst und lacht. „Das ist schon ein Unterschied.“
Er macht bei Weitem nicht nur die Zimmer, wenn nötig. Und dennoch hat sich für den 45-Jährigen seit Anfang des Jahres viel gedreht. Ausgehend vom 9. April 2025. An jenem Tag verkündete Bosch das Produktions-Aus für die Power-Tools-Fabrik Ende 2026. Rund 230 Mitarbeiter sind am Hauptsitz bei Stuttgart, an dem etwa auch die Entwicklung ansässig ist, betroffen.
Am Standort Sebnitz in Sachen wird die Fabrik ebenfalls schließen, dort waren im vergangenen April rund 280 Menschen beschäftigt. Das Unternehmen begründete die beiden Stilllegungen unter anderem mit dem größer gewordenen Wettbewerbs- und Preisdruck in der Branche. Es will die Produktion ins Ausland verlagern.
„Das vergisst man nicht nach 21 Jahren“, blickt Gebeci auf jenen Tag im April zurück, „das war ein Schock für uns alle, auch für meine Familie.“ Die erste Frage seines Sohnes sei gewesen, ob er jetzt arbeitslos sei. „Meine Kinder kennen mich nur als Boschler“, weiß Gebeci, der mit seiner Frau Tülin, seiner 14-jährigen Tochter und dem Elfjährigen in Leinfelden lebt, wo er auch aufgewachsen ist. „Mein Sohnemann hat immer gesagt: Ich möchte bei Bosch arbeiten“, erinnert sich Gebeci. Heute glaubt der Vater nicht daran, dass er das einmal tun wird. „Vor 20 Jahren hieß es: Da kann dir nichts passieren“, sagt seine Frau, die traurig auf das Ausscheiden ihres Mannes bei Bosch blickt, über den bekannten Arbeitgeber.
Lange Zeit verband der gelernte Heizungslüftungsbauer positive Dinge mit Bosch, dem großen Technologie- und Dienstleistungsunternehmen aus Stuttgart. „Es hat mir alle Türen geöffnet“, sagt er dankbar. Der Konzern, der eine schwierige Phase durchläuft und in den kommenden Jahren 22.000 Stellen abbauen will, hat in Leinfelden die Zentrale des Geschäftsbereichs Power Tools sitzen. Dieser umfasst Elektrowerkzeuge, deren Zubehör, Gartengeräte und Messtechnik.
Yunus Gebeci arbeitet mehr als 20 Jahre bei Bosch
2004 startete Gebeci dort in der Montage, 2008 wurde er fest übernommen. In den vergangenen Jahren war er Produktionsfachmann und somit etwa für die Qualitätsprüfung und das Einlernen der Mitarbeiter einer Linie zuständig, erklärt der Ex-Boschler, der 21 Jahre lang durchgehend im Schichtdienst war. Schon seine Mutter arbeitete 40 Jahre bei Bosch, sein Vater 45 bei Daimler.
Bosch schließt Power-Tools-Produktion
Das angekündigte Ende der Produktion in Leinfelden-Echterdingen im vergangenen April traf ihn hart, belastete ihn. „Traurig bin ich, ja, auf jeden Fall“, gesteht er. Das Familiäre, das er mit Bosch verbinde, sei am Schluss nicht da gewesen. Es sei im Nachhinein egal gewesen, „ob du deine Leistung gebracht hast, immer da warst, Überstunden hattest“ – die Auswirkungen machten davor keinen Halt. Mit mehreren internen Bewerbungen sei er erfolglos geblieben.
Er hätte sich gewünscht, dass Bosch 30 bis 40 der 230 Mitarbeiter andernorts in der Region halten kann. Wie ein Konzernsprecher mitteilt, konnte das Unternehmen bislang rund zehn Beschäftigte auf andere Positionen bei Bosch Power Tools beziehungsweise an andere Unternehmensstandorte vermitteln. Man prüfe bei personellen Veränderungen stets interne Einsatzmöglichkeiten und unterstütze Mitarbeiter aktiv beim Bewerben. „Eine Vermittlung hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab, etwa von Qualifikation sowie dem Anforderungsprofil der neuen Stelle“, erklärt der Sprecher.
„Irgendwie habe ich mit Bosch abgeschlossen“, blickt Gebeci noch einmal auf die letzte Zeit im Werk zurück. Mit jedem Tag habe das Gefühl, dazuzugehören, nachgelassen. „Ich hatte am Schluss das Gefühl: Die wollen mich einfach nicht, ich bin nicht gewünscht. Egal, was ich mache, wie ich mich bewerbe“, so der Familienvater.
Ex-Bosch-Mitarbeiter wagt Schritt in Selbstständigkeit
Dann ergab sich ein kompletter Tapetenwechsel: Pension statt Produktion. Sein Vorgänger, den er über den erweiterten Freundeskreis kennt, hatte den Betrieb vor wenigen Monaten übernommen und renoviert, wollte ihn aber wieder abgeben, weil er auch noch eine weitere Pension und ein Hotel hat. Gebeci hörte sich das Ganze an, sprach über Risiken sowie Kosten. Und sagte zu. Die Unwissenheit sei präsent. Wenn der Weg in die Selbstständigkeit scheitere, gehe eben Geld verloren. Aber: „Dann habe ich es versucht.“
Bei Power Tools hätte er in den noch verbliebenen Produktionslinien bis Ende 2026 bleiben und dann in eine Transfergesellschaft wechseln können. Doch er verließ den Konzern im vergangenen Dezember. In der Industrie in Stuttgart sehe er persönlich für einen Wiedereinstieg in seinem Alter keine Chance. Anfang des Jahres erhielt er seine Abfindung von Bosch. Eine Überbrückung, wie er sagt. Aber er müsse auf jeden Fall weiterarbeiten.
Aus der Bosch-Produktion in die eigene Pension
Das macht er nun in einer Pension mit 35 Zimmern, die meisten davon hätten ein eigenes Bad. Die Gänge oben ziehen sich bis ins Nebengebäude, das frühere Hotel Lamm – und sind daher weitläufiger, als man das von der Leinfeldener Hauptstraße aus erwartet. „Für mich ist es eine ganz neue Welt“, gesteht Gebeci. „Auf was man alles achten muss“, sagt er und verweist etwa auf das Lebensmittelzeugnis.
Das Gebäude liegt in Leinfelden an der Hauptstraße. Foto: Markus Brändli
Denn: Seine Pension hat einen Frühstücksraum, der ist ebenso recht frisch renoviert wie die Lobby. Vieles hat sein Vorgänger auf Stand gebracht. Bei der Einrichtung möchte Gebeci, der während seiner Bosch-Zeit auch über Jahre den väterlichen Taxibetrieb leitete und selbst am Steuer saß, noch die persönliche Note mitgeben.
Seine Frau ist vom Fach – und unterstützt
Wer ihn bei seiner neuen Aufgabe mit Fachkompetenz unterstützt? Seine Frau Tülin. „Ich finde es schön, dass er es gewagt hat, etwas Neues anzufangen“, sagt die 46-Jährige. Sie ist Hotelfachfrau, hilft ihm zusätzlich zu ihrer Arbeit und zeigt etwa, wie man geschickt bucht.
Yunus Gebeci kann bei seiner neuen Herausforderung auf die Unterstützung seiner Frau zählen. Foto: Markus Brändli
Pendler und Montierer seien unter den Gästen, Menschen, die zum nahe gelegenen Flughafen und nebenan zur Messe müssen, ebenso Langzeitmieter. Die Lage ist zentral und gut, doch die Konkurrenz auch hoch, weiß Gebeci, den zeitweise eine Minijobberin unterstützt. Perspektivisch möchte er auch eine weitere Person beschäftigen.
Doch auch er selbst mache quasi alles, von der Wäsche bis zur Buchhaltung. Und er kommt letztlich doch auf Bosch zurück: Dort sagte er zu Kollegen, bevor er sie einlernte: „Erstmal langsam – die Schnelligkeit kommt mit der Zeit, mit der Erfahrung.“