Nach Anschlag auf einen Biker im Kräherwald Die Angst fährt wieder mit

Von Sascha Maier 

Nachdem ein Mountainbiker im Kräherwald durch ein gespanntes Seil verletzt wurde, macht sich in der Szene Unbehagen breit. Den Sportlern wurden schon häufiger Fallen gestellt.

Auch die Nutzer der Stuttgarter  Downhillstrecke haben Angst vor Fallen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Auch die Nutzer der Stuttgarter Downhillstrecke haben Angst vor Fallen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Geht man davon aus, dass der Unbekannte, der vergangenen Freitagabend offenbar eine Seilfalle im Kräherwald spannte, aus Hass gehandelt hat, wäre die Downhillstrecke, die in Degerloch startet und in Stuttgart-Süd mündet, auch ein mögliches Ziel für den Täter. So sieht es jedenfalls Jannick Henzler von der Interessengemeinschaft AG Downhill Stuttgart. Er sagt, die Mountainbike-Community habe Angst, jemand könne auf ihrem sogenannten Woodpecker-Trail ähnliche Fallen stellen. Ganz unbegründet scheint die Befürchtung nicht zu sein. Bereits in der Vergangenheit schlug den Downhillern Hass entgegen. Im Grunde muss man froh sein, dass nicht schon früher eine Falle Schwerverletzte oder gar Schlimmeres forderte. Der 28-jährige Biker im Kräherwald jedenfalls wurde am Hals schwer ­verletzt.

Henzler ist selbst um ein Haar Opfer geworden

Offenbar werden etliche Fälle, wenn Fahrradhasser Radwege mit Fallen wie Nagelbrettern versehen, nicht zur Anzeige gebracht – und deshalb auch nicht bekannt. Das liege daran, schätzt Henzler, dass die meisten Downhiller häufig selbst illegal im Wald unterwegs waren, als es den städtischen Downhill-Pfad noch nicht gab.

Auch Henzler selbst ist offenbar um ein Haar Opfer eines Fallenstellers geworden. Vor zwei Jahren sei er auf Waldwegen Richtung Fernsehturm unterwegs gewesen. „Die Stelle war unübersichtlich – und dann lag da plötzlich diese Baustellenkabeltrommel, aus der 50 Zentimeter lange Metallstangen ragen“, sagt er. Er habe eine Vollbremsung gemacht, sagt Henzler, und die Kontrolle über das Rad verloren. Dann sei er im Matsch abgeschmiert und nur knapp an dem Hindernis vorbei geschlittert – aber letztlich mit dem Schrecken davongekommen.

Auch er hat die Polizei damals nicht verständigt. Ein Fehler, sagen die Beamten. „Man sollte in solchen Fällen auf jeden Fall die Polizei anrufen“, sagt Tobias Tomaszewski, ein Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart. Illegal durch den Wald zu rasen sei eine Ordnungswidrigkeit – das Fallenstellen für Radfahrer, eine Straftat, mindestens ein „gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr“. Im aktuellen Fall mit dem gespannten Seil ermittelt sogar die Mordkommission. „Das steht in überhaupt keinem Verhältnis“, so Tomaszewski.

Sportamtsleiter hält Downhill-Strecke für sicher

Nicht nur Henzler, auch andere Mountainbiker berichten von bizarren Fallenfunden. „Vor allem um den Fernsehturm im Stuttgarter Wald und in Degerloch gab es solche Vorfälle“, sagt Henzler. Etwa von einem aufwendig gebastelten Nagelbrett ist die Rede, das sorgfältig unterm Laub versteckt und mit einhundert langen Nägeln versehen wurde. Oder von schweren Baumstämmen, die nach Kurven auf die Strecke gehievt worden seien. „Aus diesen Gründen sind viele von uns geeignete Strecken erst mal langsam abgefahren“, sagt Henzler.

Günther Kuhnigk, Leiter des Sportamts Stuttgart, hält die Downhill-Strecke nach wie vor für sicher. „Es gibt keinen für Mountainbikes geeigneten Pfad in Stuttgart, der besser überwacht und gewartet wird als der Woodpecker-Trail – von uns und von der Community“, sagt er. Zwar könne man die Strecke nicht rund um die Uhr kontrollieren. „Aber da die Strecke legal ist, gibt es da ja ohnehin keine Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern“, sagt Kuhnigk.

Nicht nur die Kommentarspalten im Internet zeigen, dass sich die Gemüter der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer schnell erhitzen. Neulich ereilte unsere Zeitung der Anruf eines Rentners aus Degerloch, der von einem Mountainbiker geschnitten worden sein wollte und damit drohte, künftig einen Knüppel mitzuführen und den nächsten Verkehrsrowdy auf dem Drahtesel damit umzuhauen.

Womöglich wird er diese Gewaltfantasie nicht in die Tat umsetzen. „Aber Beschimpfungen sind an der Tagesordnung“, sagt Downhiller Henzler. Vor allem auf Wegen, die von Wanderern und Radfahrern gleichermaßen genutzt werden.

Über Motive kann man nur Mutmaßungen anstellen

Henzler plädiert dafür, die sogenannte Zwei-Meter-Regelung in Baden-Württemberg abzuschaffen, die es Radfahrern auf Waldwegen nur erlaubt, ab einer Wegbreite dieser Größenordnung in die Pedale zu treten. „Viele Wanderer wissen das nicht – und glauben sich im Recht, wenn sie uns bei entsprechender Wegbreite zurechtweisen wollen“, sagt der Mountainbiker. Er verweist auf Hessen – wo es diese Regel nicht gebe und dementsprechend weniger Missverständnisse und weniger Streit.

Rüpeleien zwischen Wanderern und Radfahrern sind das eine. Billigend in Kauf zu nehmen, dass Menschen schwer verletzt werden, ist eine ganz andere Dimension des Streits. „Ich stelle mich ja auch nicht auf eine Autobahnbrücke und werfe Steine runter, nur weil mich mal ein Autofahrer gefährdet hat“, sagt Henzler. Da von dem ­Täter, der jetzt im Kräherwald das Seil ­gespannt haben soll und dem Tatwerkzeug bis jetzt jede Spur fehlt, kann man über ­mögliche Motive nur Mutmaßungen anstellen. Laut den behandeln Ärzten des 28-Jährigen Opfers, das auch unter Gedächtnis­lücken leidet, ließen die Halsverletzungen jedenfalls keinen anderen Schluss als eine Seilfalle zu.

Ob Henzler und manche anderen Mountainbiker ihre Räder aufgrund der unklaren Lage dieses Jahr schon etwas früher in den Keller stellen? „Nein. Wir machen weiter und lassen uns unsere Leidenschaft nicht kaputt machen“, sagt Henzler. Worte, wie man sie sonst gelegentlich auch in Zusammenhang mit Terror hört.

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