WKV-Direktorin Iris Dressler (links) erklärt bei dem Symposium, welche Sorge sie umtreibt. Rechts die Philosophin Katja Diefenbach. Foto: Lg
Die Stadt Stuttgart wollte sie nicht mehr fördern, zahlreiche Spender schon – zu Besuch bei der umstrittenen Veranstaltung „Zur Kritik der Freiheit und ihrer Repression“.
Los geht es wie bei jeder Veranstaltung dieser Art. „Ich freue mich, Sie hier zu begrüßen“, sagt Iris Dressler, Co-Direktorin des Württembergischen Kunstvereins (WKV), zu Beginn des Symposiums „Zur Kritik der Freiheit und ihrer Repression“. Doch schon Dresslers nächster Satz signalisiert, dass das Event für den Kunstverein kein ganz gewöhnliches ist: „Ich freue mich, Sie hier überhaupt begrüßen zu können.“
Rund 60 Menschen sind am Freitagabend gekommen, um sich mit der Gefährdung der Meinungsfreiheit in Kunst und Wissenschaft zu beschäftigen. Dresslers Freude rührt daher, dass der von langer Hand geplante Termin wenige Tage zuvor noch auf der Kippe stand.
Zwar wehrte sich der Kunstverein energisch gegen die Vorwürfe. Dennoch zog die Stadt die Förderung zurück, begründete dies mit Programmänderungen und inhaltlicher Einseitigkeit. „Es ist schon bemerkenswert, wenn Fördermittel gestrichen werden für ein Symposium, dass sich mit der politischen Einflussnahme durch den Entzug von Fördermitteln beschäftigt“, blickt Dressler in ihrer Eröffnungsrede zurück. Noch bemerkenswerter seien jedoch die folgenden Ereignisse gewesen.
Philosophisch komplex: der Vortrag von Katja Diefenbach. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Um das finanzielle Loch zu füllen, hatten Dressler und ihr Co-Direktor Hans D. Christ eine Spendenkampagne ins Leben gerufen. Innerhalb weniger Tage ging der benötigte Betrag von 15.000 Euro ein – grünes Licht also für das Symposium. „Geschichtsträchtig“ nennt Dressler diesen Vorgang am Freitagabend, herausragend aus der langen Historie des Kunstvereins.
Dressler beschreibt Kulturkampf
Die Vorgeschichte und der Inhalt des Symposiums sind für Dressler dicht miteinander verwoben. Sie treibe eine tiefe Sorge um, angesichts eines „konsverativ-reaktionären Kurses“ von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und CDU-Anfragen zu den „Omas gegen Rechts“. Angesichts der Kampagne gegen die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf und Ausladungen von israelkritischen Stimmen wie Candice Breitz, Judith Butler oder Achille Mbembe. „Gerade jetzt braucht es resiliente Strukturen für offene Diskursräume“, lautet Dresslers Forderung.
Danach folgen theoretisch anspruchsvolle Abhandlungen von Diefenbach und der brasilianischen Philosophin Denise Ferreira da Silva. Beide hinterfragen den liberalen Freiheitsbegriff der Aufklärung, arbeiten dessen Verflechtungen mit Kolonialismus und transatlantischem Sklavenhandel heraus. Hier fallen Begriffe wie „Akkumulationsregime“ und „idigene Subsistenzökonomie“.
Doch die Komplexität scheint die Anwesenden nicht abzuschrecken, der Großteil bleibt bis tief in den Abend zur abschließenden Fragerunde im Foyer des Kunstvereins. Er sei froh über die Diskussion zu Einschränkungen im Kulturbereich, sagt ein Besucher, der Stuttgarter Designer Demian Bern. „Denn bei dem Thema klafft eine Lücke in der öffenlichen Debatte.“
Symposium im Kunstverein als Zeichen
Die von Bern beschriebene Lücke zu schließen, daran versuchen sich am zweiten Veranstaltungstag die Publizistin Emily Dische-Becker, der Journalist Hanno Hauenstein, die Philosophin Henrike Kohpeiß, die Künstlerin Lily Abichahine, der Rechtswissenschaftler Ralf Michaels, der Historiker René Wildangel, der Philosoph Sami Khatib sowie die Judaistikerin und Islamwissenschaftlerin Hannah Tzuberi. Rund zehn Stunden umfasst dieser intellektuelle Mammut-Samstag. Eine kleine Auswahl der Themen: die Zusammenhänge zwischen Kunstwelt-Debatten, Antisemitismus-Resolutionen im Bundestag und einer verschäften Migrationspolitik; journalistische Berichterstattung im Kontext eines „rechten Kulturkampfs“; die deutsche Erinnerungskultur und der „Komplex des Gaza-Genozids“.
In beinahe allen Beiträgen finden sich Bezüge auf die Vorwürfe, die vor der Konferenz aufgekommen waren. Einer Diskussion mit Dische-Becker, Hauenstein und Kohpeiß – im Vorfeld allesamt namentlich als pro-palästinenische Stimmen erwähnt – bezeichnet Dressler gar scherzhaft als „Panel des Grauens“. Zwar kommt immer wieder zur Sprache, dass sich der wahrgenommenen politischen Bedrohungslage nicht allein in Kunstvereinen entgegenwirken lasse. Ein wichtiges Zeichen – darin sind sich die Teilnehmenden einig – sei ein solches Symposium aber in jedem Fall.