Coolio gestorben Rückblick: Als der Rapstar in Böblingen 1997 zum Dieb wurde
In den 1990er Jahren war Coolio ein gefeierter Musikstar. Nun ist er plötzlich gestorben. Wir erinnern an einen denk- und justizwürdigen Auftritt in Böblingen im Jahr 1997.
In den 1990er Jahren war Coolio ein gefeierter Musikstar. Nun ist er plötzlich gestorben. Wir erinnern an einen denk- und justizwürdigen Auftritt in Böblingen im Jahr 1997.
Böblingen - Wo der jetzt plötzlich verstorbene US-Musiker Coolio in den 1990er Jahren auch hinkam, die Fans lagen ihm zu Füßen. So auch im beschaulichen Böblingen. Doch als er die Stadt wieder verließ, war ein Stück seines Ruhms beschädigt. Nach dem Besuch in Böblingen war Coolio nicht mehr nur der allseits bekannte und gefeierte Musiker, sondern auch Böblingens prominentester Dieb.
Rückblende zu einem außergewöhnlichen Kriminalfall: 1997 kam der damals 34-jährige Rap-Star für ein Konzert in die Stadt. Im November 1997 performt er nicht nur seinen populärsten Song, er unterschreibt massig Autogramme, posiert für Fotos und stellt sich für Werbekampagnen zur Verfügung. Danach besucht Coolio die Boutique „Higgins‘ Downtown Street- & Sportswear“ nahe der Bahnhofstraße. Angeblich dürfen er und seine Bandkollegen, die bezeichnenderweise „Forty Thieves“, zu Deutsch „vierzig Diebe“, heißen, einige Kleidungsstücke aussuchen und mitnehmen – als Gegenleistung zu den Autogrammterminen, die Coolio & Co. vor der Boutique erbracht haben. So wollten das zumindest Coolio und die Mitglieder seiner Band verstanden haben.
Der Ladeninhaberin ist dieser Deal allerdings nicht bekannt gewesen, deshalb stellt sich die Frau den amerikanischen Gästen entschlossen in den Weg, bevor diese mit einem Stapel Kleidung das Ladengeschäft verlassen wollen. Zuvor war sie wohl damit beschäftigt gewesen zu erfassen, was Coolio bei einem vorherigen Besuch vermutlich hat mitgehen lassen. Die Konfrontation an der Ladentür verlief jedenfalls ruppig. Mit einem Ellenbogencheck soll der Musikstar die Ladeninhaberin von sich gestoßen haben.
So soll nicht nur der Diebstahl inklusive des Fluchtversuchs mit den Kleidungsstücken zur Anzeige gebracht werden, auch der Ellbogenschlag landet auf der Anklageschrift gegen Coolio, die letztendlich heißt: Raub und gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft leitet auch Verfahren gegen Mitglieder der „Vierzig Diebe“ ein.
Um einer Untersuchungshaft zu entgehen, bezahlt der Superstar die geforderte Kaution von damals 150 000 Mark. Damit darf der Kalifornier Böblingen zwar vorerst verlassen, musste aber damit rechnen, bald wieder einen Flug nach Deutschland buchen zu müssen. Diesmal aber nicht auf Einladung eines Konzertveranstalters, sondern auf Vorladung eines deutschen Gerichts.
Zum Prozess im Amtsgericht Böblingen genau ein Jahr später ließ sich nur Coolio selbst blicken. Er wusste wohl, dass der Haftbefehl gegen ihn wieder in Kraft getreten wäre, hätte er sich dem Prozess nicht gestellt. Damit wären auch alle künftigen Auftritte in Deutschland passé gewesen, bevor sie überhaupt anberaumt waren. Deutschland war Ende der 1990er Jahre immerhin einer der wichtigsten Märkte für US-Musiker.
Am 26. November 1998 kehrte Böblingens prominentester Dieb also in die Stadt zurück. Der nun 35-Jährige nimmt auf der Anklagebank im Amtsgericht unter Vorsitz von Richter Werner Payer Platz. Dort gab sich der Mann, der sonst die Massen mit seiner Musik begeistert, eher kleinlaut. Er sei von einem Agenten des Modeherstellers betrogen worden. Ihm seien die Kleidungsstücke im Rahmen eines Deals versprochen worden – als Honorar für seine Autogrammstunde. Der Mode-Agent wiegelte ab: Eine solche Abmachung hätte es nicht gegeben.
Das Publikum im Gerichtssaal, das das Schauspiel in der eigentlich kleinen, in der Welt der Stars und Sternchen eher unbedeutenden Stadt, neugierig verfolgte, staunte wohl nicht schlecht, als Coolio vor Gericht nicht den Gangsta-Rapper spielte. Stattdessen zeigte der US-Musiker eine menschliche Seite: Er habe sieben Kinder von drei Frauen, das bedeute für ihn, mehr als 100 000 Dollar jährlich an Unterhaltsleistungen erbringen zu müssen, gab er zu Protokoll.
Der Amtsrichter Werner Payer jedenfalls ließ sich wenig beeindrucken von den Erklärungsversuchen des Angeklagten. Er nannte Coolio ein Vorbild für junge Menschen. Diesem Anspruch sei der 35-Jährige nicht gerecht geworden. Wegen Beihilfe zum Raub und Körperverletzung verurteilte Payer den berühmten vermeintlichen Delinquenten zu sechs Monaten Haft auf Bewährung. Außerdem musste Coolio eine Geldbuße von 30 000 Mark entrichten. Der Musiker akzeptierte das Urteil, bezahlte seine Buße und verließ den Böblinger Gerichtssaal.
Inwieweit Artis Ivey, wie Coolio mit bürgerlichem Namen heißt, wirklich einer Falle eines Mode-Agenten aufgesessen ist oder ob die Aktion einfach einer gewissen Dreistigkeit geschuldet war, bleibt ein Geheimnis. In Böblingen jedenfalls hat der „Gangsta-Rapper“ bis heute das Etikett des prominentesten Diebes der Stadtgeschichte.
Ganz abgeschreckt haben die Ereignisse den kalifornischen Hip-Hop-Star Böblingen allerdings nicht. Im Jahr 2006 kam Coolio nämlich wieder in die Stadt. Passenderweise hatte der mittlerweile 43-Jährige zu dem Zeitpunkt sein neues Werk „Return of the Gangsta“ im Gepäck. Damals trat Coolio in der Nachtarena „B 30“ in der Bahnhofstraße auf. Dieses Mal aber in seiner Paraderolle als umjubelter Gangsta-Rapper – nicht als verurteilter Gangster. Künftige Auftritte wird es aber nicht mehr geben. Coolio ist jetzt mit 59 Jahren plötzlich verstorben.