Nach Aus für Esslinger Modehaus Vorsichtige Zustimmung für Bücherei-Pläne

Die offene Architektur könnte zu einer Bücherei passen. Aber wie sieht es mit der Statik aus? Das soll in den nächsten Wochen und Monaten geprüft werden. Foto: Roberto B/ulgrin

Der Vorschlag, die Bücherei und die Volkshochschule umzusiedeln, überraschte viele Bürgerinnen und Bürger. Jetzt gibt es die erste Reaktionen – Zustimmungen und Bedenken. Die Diskussion nimmt bereits Fahrt auf.

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Die Fraktionschefin der Grünen im Esslinger Gemeinderat Carmen Tittel war angetan von den Ideen des Rathauses: Die Bücherei soll in das ab Februar 2024 leer stehende Kögel-Kaufhaus am Postmichelbrunnen ziehen; die Volkshochschule (VHS) könnte in das dann ebenfalls leer stehende Karstadtgebäude wandern. „Die Überlegungen sind ein starkes Aufbruchssignal für unsere Innenstadt“, kommentiert sie den Vorschlag. „Wenn wir den Bebenhäuser Pfleghof dem Stadtmuseum für seine dringend benötigte Erweiterung zuschlagen, könnte das eine riesige Chance für die Entwicklung in unserer Innenstadt sein.“

 

Tatsächlich sind solche Überlegungen in dem groben Plan des Rathauses enthalten. Wenn die Bücherei ausziehen sollte, wäre Platz für ein Kulturquartier, wo unter anderem das J. F. Schreiber Museum unterkommen könnte. Das ist gegenwärtig in der Unteren Beutau nahe der Frauenkirche beheimatet.

Offenheit und etwas Skepsis bei den Gemeinderäten

Insgesamt ist bei den Gemeinderatsmitgliedern eine gewisse Offenheit herauszuhören, wenn es um die neuen Vorschläge aus dem Rathaus geht, unter anderem bei der SPD. Der Fraktionschef Nicolas Fink spricht von „interessanten Ideen“. Die Sozialdemokraten haben gleich mehrere Mitglieder in ihren Reihen, die 2019 mit einem erfolgreichen Bürgerentscheid der Stadtverwaltung Paroli boten.

Der Bürgerentscheid zwang damals Rathaus und Gemeinderat dazu, eine Erweiterung der Bücherei am Standort Heugasse zu planen. Das kam so: Als der Pfleghof zu klein wurde für die Massen der Medien, wurde 2017 über eine Erweiterung der Räumlichkeiten etwa im Nachbargebäude diskutiert. Auch ein Neubau wurde in Betracht gezogen. 2019 gab es dann eben diesen Bürgerentscheid, der für eine Sanierung und Erweiterung vor Ort plädierte. Die Pläne wurden vorangetrieben, aber 2022 drückte Oberbürgermeister Matthias Klopfer auf die „Pausentaste“ und begründete dies mit gestiegenen Kosten. Im Dezember des vergangenen Jahres kippte dann der Gemeinderat den Bürgerentscheid – allerdings nur teilweise. Von einer Erweiterung war nicht mehr die Rede, weil die ursprünglich veranschlagten Kosten in Höhe von 25 Millionen Euro auf rund 60 Millionen Euro gestiegen waren. Stattdessen beschloss der Gemeinderat eine Sanierung in Höhe von rund 17 Millionen Euro. Der Standort wurde aber nicht in Zweifel gezogen. Das Modehaus Kögel war zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Option. Erst in diesem Sommer kündigte der Geschäftsführer Alexander Kögel an, im Januar 2024 schließen zu wollen.

Viele Bücherei-Rebellen stehen heute hinter Klopfer

Schon beim Sparbeschluss hatte Klopfer einige Akteure aus dem Gemeinderat hinter sich, die Jahre zuvor noch gegen Rathaus und Gemeinderat zu Felde gezogen waren. Und nun, in diesem neuen Kapitel zur Büchereigeschichte, sieht es ähnlich aus. Und auch die SPD mit den einstigen Bücherei-Rebellen in ihren Reihen steht offenbar erneut hinter Klopfer.

Eine politische Rolle scheint der Bürgerentscheid aus dem Jahre 2019 aber dennoch zu spielen. Der Fraktionschef der CDU, Tim Hauser, erinnert daran, wenn er sagt: „Für problematisch halten wir, dass die Meinung der Bürgerinnen und Bürger zum Standort der Stadtbücherei, die im Bürgerentscheid zum Ausdruck kam, dann völlig obsolet wäre.“ Auch der Fraktionsvorsitzende der Linken, Martin Auerbach, verweist darauf: „Die konsequente Fortsetzung der Pausentaste nebst Aushebelung des Bürgerentscheids“, lautet sein knapper Kommentar zu den neuen Kögel-Plänen.

Für den Förderverein der Stadtbücherei ist der Entscheid von 2019 ebenfalls ein Thema. „Die jüngsten Entwicklungen zur Standortfrage der Stadtbücherei haben uns sehr überrascht“, erklärte die stellvertretende Vorsitzende Petra Helmcke, und zwar „weil für uns die Zusage von Oberbürgermeister und Gemeinderat, zumindest diesen Teil des Bürgerentscheids zu respektieren, verlässlich erschien“. Dennoch werde sich der Verein den Ideen nicht verschließen. „Er ist offen für die Pläne“, so Helmcke.

Die Größe steht schon jetzt auf dem Prüfstand

Bedenken äußerte Helmcke hinsichtlich der Größe. Sie erinnert daran, dass der städtische Eigenbetrieb Städtische Gebäude Esslingen (SGE) bereits im Jahr 2018 erklärt hatte, dass unter einer Nutzungsfläche von etwa 3600 Quadratmetern ein kritischer Punkt erreicht werde und ein zukunftsträchtiges Büchereiprogramm nicht möglich sei. Nach Auskunft von Alexander Kögel, dem Geschäftsführer des Modehauses, beträgt die Verkaufsfläche 2700 Quadratmeter. Wenn man die Büros der Verwaltung dazuzähle, komme man auf etwas mehr als 3000 Quadratmeter, so Kögel.

Es wird also vieles neu gedacht werden müssen, sobald es ins Detail geht – vermutlich auch über eine neue Konzeption der Bücherei. Derweil bleibt Klopfer noch gelassen: „Mir ist sehr bewusst, dass die Idee zu Diskussionen führen wird.“ Es hätten sich aber mit dem Freiwerden des Kögel-Hauses neue Chancen ergeben, „über die wir zumindest intensiv nachdenken wollen“.

Das sind die Pläne des Rathauses

Bücherei
 Die Bücherei, seit Jahren ein Streitthema in der Stadt, muss umziehen. Da Ende Januar 2024 das Modehaus Kögel schließt, kommt es als neuer Bücherei-Standort in Frage. Das jetzige Gebäude in der Heugasse, rund 100 Meter entfernt vom Modehaus in der Nähe des Rathausplatzes, gilt schon seit Jahren als zu klein.

Volkshochschule
Die Volkshochschule, derzeit in der Mettinger Straße gelegen, könnte in das Karstadtgebäude ziehen. Hier ist ebenfalls Ende Januar Schluss. Erste Gespräche mit der Immobiliengesellschaft BPI soll es schon gegeben haben. BPI steht nicht im Ruf, ein einfacher Verhandlungspartner zu sein.  

Kulturquartier
In der Heugasse, wo jetzt noch die Bücherei ist, könnte ein Kulturquartier entstehen. In dieses Haus könnten beispielsweise Museen ziehen. Angebote für Seniorinnen und Senioren und für Familien könnten ebenfalls gemacht werden. So ist unter anderem ein „Haus der Spiele“ vorstellbar.

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